Immer auf dem Weg

Wir sind auf dem Weg. Blicken von der Anhöhe auf die Stadt. Marschieren über einen schmalen Forstweg. Erreichen die Neyetalsperre. Laufen einfach weiter. Und reden. Zwei Stunden vergehen, ohne dass ich es gemerkt hätte. Weil Stefan Höne so ein großartiger Erzähler ist.

Er erzählt davon, wie er, fest etabliert
und gut bezahlt, mit Anfang vierzig als Ingenieur eines Wipperfürther Unternehmens, dachte: Nein, das ist es nicht. Da ist noch mehr.

Davon, wie er im Jahr 2013, als auch privat einiges im Umbruch war, einfach losging, auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Wie er
eine Route mit über 1200 Kilometern und über sieben Wochen wählte.

Davon, wie er zwischenzeitlich am liebsten gar nicht ankommen wollte.
Sondern immer weiter wandern.

Davon, wie er genau das später machte. Weiter wandern. Auch und vor allem durch Deutschland, vom Bergischen bis in die Eifel zum Beispiel. 

Und wie er, an einem regnerischen Abend in einem abgelegenen Waldstück, plötzlich dachte: Ich könnte Pilgercoaching anbieten. Anderen Menschen beim Pilgern, beim Wandern, helfen, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. 

Davon, wie er schließlich selbst genau diesen neuen Weg einschlug. Von dem er heute lebt.

 

Er hat auf dem Jakobsweg gelernt, dass der scheinbare Anlass, sich auf einen Weg zu machen, oft nicht der wahre ist. „Das ist das Spannende: Du glaubst, ein klares Thema mitzunehmen, aber oft steckt da noch ein ganz anderes hinter. Auf dem Jakobsweg habe ich mich erst mal mit dem freiwilligen Alleinsein auseinandergesetzt. Und wie ich damit klarkomme. Nach ein paar Wochen merkte ich: Mit mir allein unterwegs zu sein, das ist die tollste Begegnung, die ich überhaupt jemals gemacht habe. Und da war ich wieder offen für andere Menschen, die dort pilgerten, und mich mit ihnen auszutauschen. Die Gespräche mit ihnen, das Gehen an sich, das einen ja per se aktiviert, dazu die Natur – all diese Dinge kamen zusammen.“

Und für Stefan Höne war klar: Ich werde einen neuen Lebensweg gehen. Erfahrungen mit Change Management und Projektberatung hatte er bei seinem früheren Arbeitgeber schon gesammelt, war dafür immer offen. Umso mehr Spaß hatte er auch später, als er sich parallel zu seinem Hauptjob als DGSF-zertifizierter Berater zum Supervisor, Coach und OE-Berater fortbildete – und dabei viel über sich selbst lernte. Über seine neue Lebensaufgabe. Und darüber, zu ihr zu stehen: „Erzählst du jemandem, du bist Maschinenbauer, hast BLW studiert und bist gut in Informatik, nicken sie. Erzählst du: Ich bin Pilgercoach und 

Berater, ziehen sie die Stirn kraus.“ Stefan Höne hat seinen Stiefel durchgezogen. Er hat seinen Ingenieursjob gekündigt und bietet die systemische Beratung, Supervision sowie das Pilgercoaching heute hauptberuflich an. Die Menschen mitnehmen, auf einem Weg durchs wunderschöne Bergische Land, und einen ganzen Tag mit ihnen zu arbeiten, diese Idee kam ihm im Jahr 2017. „Auf dem Rückweg von einer Australienreise erzählte ich meiner Sitznachbarin im Flieger davon. Zwei Jahre später rief sie mich an und sagte: Stefan, ich möchte bei dir einen Tag lang das Pilgercoaching buchen. Das war die Initialzündung.“ Heute buchen ihn Teams, zum Beispiel Abteilungen in Firmen oder die Leitung einer Kita, Unternehmer sowie Privatpersonen, die an einem bestimmten Punkt im Leben sind, wo sie eine neue Richtung brauchen. 

Und das war auch insbesondere in den letzten Monaten für viele Menschen, die Ängste, Sorgen und Unsicherheit plagten, eine große Hilfe. Stefan Höne setzt sich stets schon vor der Beratung mit den Klienten auseinander, schickt ihnen Fragen, will wissen, welche Problemstellung sie haben und wo sie am Ende des Tages, des Weges, der Gespräche gerne stehen möchten. 

Welche Rolle spielt bei all dem eigentlich der Glaube? Stefan Höne überlegt kurz. Und gibt eine klare Antwort: „Wer spüren möchte, dass um ihn herum noch etwas anderes ist als Mensch und Natur, der muss erst einmal sich selbst spüren lernen. Ich bin bekennender Christ, ich habe eine gute Verbindung zu Gott. Wenn meine Klienten die auch haben und ihr Glaube in ihrem Alltag hilfreich ist, baue ich ihn gerne mit ein. Wenn nicht, dann nicht. Denn ich finde es ganz fürchterlich, angepredigt zu werden.“

Eine große Rolle spielt in Hönes Arbeit das Bergische Land mit seiner Natur. Bei kernigen Themen wandert er mit seinen Klienten auch mal durch einen Steinbruch, bei leichteren durch einen Sinneswald. Und oft am Wasser, das er in all seinen Formen liebt, sei es ein Bach, der immer einzigartig klingt, oder eine Talsperre. Die Natur als Spiegelbild des Menschen und seiner Herausforderungen. Apropos Herausforderung: Dieser stellt sich Stefan Höne, was das Wandern und Pilgern angeht, nach wie vor auch privat sehr gerne. Er ist den Jesus Trail in Israel gelaufen und den Northwest Trail in England. Dabei plant er so wenig wie möglich im Voraus, sondern geht einfach los. Er weiß: Dem Gehenden schiebt sich der Weg von selbst unter die Füße. 

Der Lebenssegler

porträt

Vom Punk zum Lagerarbeiter. Vom Fast-Modedesigner
zum Model. Vom GZSZ-Star zum Kinoschauspieler. Vom Winnetou zum Theaterdarsteller. Ja, wir reden von ein und derselben Person. Dem Gummersbacher Jan Sosniok.

© Frank Wartenberg

Er wagt es mal wieder. Etwas zu tun, was er noch nie gemacht hat. Diesmal in Berlin im Schlossparktheater, mit Susan Sideropoulus: „Zwei wie Bonnie & Clyde“. Neunzig Minuten auf der Bühne, Abend für Abend. Momentan probt er, im April ist Premiere. Also dann: mal austesten, wie das wohl läuft. Ob sich Versagensängste blicken lassen? Und wenn schon. Einfach probieren.
Das Schöne, wenn man so durchs Leben geht und sich dabei auch noch geschickt anstellt: Die Erfahrung zeigt, dass es ja immer geklappt hat. So wie beim Gummersbacher Schauspieler Jan Sosniok. Ein Einfach-mal-Macher. 

„Ich war immer ein bisschen das Boot ohne Segel und bin durchs Meer getrieben. Und bin dann auf Inseln gelandet, von denen ich nicht wusste, dass es die gibt. Dort ergaben sich Gelegenheiten. Und die habe ich wahrgenommen.“

Eine wunderbare Form der Unangepasstheit hat Jan Sosniok, der am 14. März
52 Jahre geworden ist, schon in Oberberg in der Schule an sich entdeckt.
Still rumsitzen? Machen, was der Lehrer sagt? Äh … nö. Muss nicht sein. Lieber die Klassenkameraden unterhalten. Mit den Kumpels in Aktion sein. Sosniok, der mit neun Jahren mit seinen Eltern aus Gummersbach Richtung Reichshof zieht, arrangiert sich mit dem Schulalltag, nimmt ihn aber auch nicht allzu ernst.

„Die Lehrer schrieben in mein Zeugnis: Der Jan ist nicht dumm, der ist nur zu faul. Ich war nie zu faul. Ich hatte nur
immer bessere Sachen zu tun. Und da kam der Unterricht auch mal zu kurz.“ 

Zu diesen besseren Sachen gehört, das Leben zu genießen. Sein Ding zu machen. Anders zu sein. Auch auffallen zu wollen. Das geht in den Achtzigern in Oberberg wunderbar, wenn man sich als Punk neu erfindet. Macht Jan Sosniok. Mit Iro-Schnitt, schwarzen Klamotten, spitzen Stiefeln. Er besucht inzwischen die Hauswirtschaftsschule, gemeinsam mit einem Kumpel ist er der einzige Junge in einer Klasse voller Mädels, und das als Teenager – könnte schlimmer kommen. Einen Plan vom Leben hat Jan Sosniok da noch nicht, spürt aber: Es kann was Kreatives werden. Er näht sich sein Punk-Outfit zum Teil selber. Also vielleicht was mit Modedesign? Klar, warum nicht. Also nach Berlin zur Bewerberauswahl an einer Modeschule trampen. Es dauert vom tiefsten Oberberg aus eine Ewigkeit. Und zurück erst! Für Nüsse, denn mit der Modeschule wird es nichts. Nicht weiter schlimm, Nähen bleibt ein Hobby – und so repariert Sosniok heute auch mal die Hosen seiner Tochter. 

Die erste eigene Wohnung in Wiehl seinerzeit muss aber finanziert werden, also jobbt er. Auf Montage, im Lager, zur Not um vier Uhr morgens, der junge Gummersbacher ist sich für nichts zu fein, außerdem gibt es um vier ja noch Nachtzuschlag. Jan Sosniok ist dreiundzwanzig und noch immer das Boot ohne Segel. Ausgerechnet seine damalige Freundin hisst es dann eines Tages.

„Sie erfuhr, dass die Zeitschrift Max das Gesicht des Jahres 92 sucht und sagte: Mach doch da mal mit. Habe ich gemacht. Und kam von allen Bewerbern unter die besten zehn. Ja, und plötzlich hatte ich eine Agentur.“

Kurz darauf geht es konkret in eine Richtung: die Schauspielerei. Denn für die RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, damals noch in der Anfangszeit, heute ein Klassiker, und für Sosniok zu der Zeit schon ein Begriff, sucht neue Darsteller. Seine Agentur schlägt ihn vor. RTL will ihn. Der Lebenssegler nimmt Kurs auf Berlin. Und erkennt im Unsteten plötzlich etwas kurios Verlässliches.

„Ich bin oft in Jobs reingerutscht, von denen ich anfangs keine Ahnung hatte! Es hieß bei GZSZ: In zwei Wochen kannst du anfangen, aber du musst nach Berlin kommen. Also wegziehen aus Wiehl, aus Oberberg, wo ich die ersten 25 Jahre meines Lebens verbracht hatte. Letztlich war das kein Problem für mich, ich hatte gar keine Zeit, um groß drüber nachzudenken. 

Beim Schauspiel kommt es ja zuerst mal darauf an, die eigenen Hemmungen fallen zu lassen, sich was zu trauen. Techniken wie das richtige Atmen und so weiter kommen später dazu. Ich bin, glaube ich, ein guter Autodidakt. Wenn ich Skifahren lernen will, stelle ich mich an den Rand der Piste und schaue mir das von den anderen ab. Meine Frau staunt darüber immer.“

Sosniok macht, und er macht es offenkundig nicht so ganz verkehrt. Nach GZSZ dreht er über 40 Spielfilme, tritt in 35 unterschiedlichen Serien auf, feiert unter anderem mit „Berlin, Berlin“ Erfolge – und ist auch im Kinofilm zur Serie zu sehen, der am 19. März Premiere hat und auch im SEVEN in Gummersbach zu sehen sein dürfte. Dass er oft in der Rolle des gut aussehenden Schwiegersohns gebucht wird, stört ihn nicht weiter. Mit der Film- und Fernsehbranche, auch mit ihren Befindlichkeiten und Eitelkeiten, hat er sich längst arrangiert.

„Man wird dafür durchlässig. Weiß, wie man die unterschiedlichen Typen zu nehmen hat. Letztlich habe ich mir dank dieses Berufs, dieser Branche, ein schönes Leben aufbauen können in Berlin. Für meine Familie und mich.“

Die Familie, das ist Jan Sosnioks Hafen, die Insel, wo er auftankt. Da geht ihm nichts drüber. Übrigens auch, was Freunde und Verwandte in Oberberg betrifft, zu denen er nach wie vor engen Kontakt hat. Gleichwohl: Einen Segler zieht es auch immer wieder in neue Gefilde. Ausgerechnet bei der Verleihung des Musikpreises Echo wird er im Jahr 2012 gefragt, ob er Lust auf die berühmten Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg habe.

„Ich fragte: Warum nicht? Für welche Rolle denn? Und der Veranstalter antwortete: Können Sie sich aussuchen. Wir besetzen komplett neu. Ich dachte nur: Wenn mir die Nummer eins angeboten wird, warum was anderes nehmen? Es dauerte dann im Nachhinein noch etwas, aber Anfang 2013 kam der Anruf. Ich war Winnetou. Und konnte nicht reiten. Also bin ich für zwei Monate aufs Pferd gezogen, habe auf dem Sattel gelebt und alles getan für eine gute Show.“

Hat geklappt. So gut, dass Sosniok sechs Spielzeiten lang als Winnetou die Festspiele rockte und gemeinsam mit dem Ensemble jedes Jahr einen neuen Besucherrekord aufstellte. Fast 390.000 Zuschauer waren es 2018. Und was macht Jan Sosniok? Er setzt die Segel. Macht sich wieder auf zu neuen Ufern. Denn:

„Man soll die Party verlassen, wenn‘s am geilsten ist.“

Aktuelle Station: das Theater. 90 Minuten zu zweit auf der Bühne. Um es mit Pippi Langstrumpf zu sagen: Das hat Jan Sosniok noch nie gemacht – also kann 

er völlig sicher sein, dass er es schafft!

Seine Worte voll Magie

porträt

Er ließ Martha tanzen. Und sie tanzt weiter. So wie Tom Saller  aus Wipperfürth weiter schreibt. Er hat „Ein neues Blau“
erschaffen und weiß schon, wie die nächsten Bücher
sein werden. Und warum es gut ist, nicht nur als Schriftsteller, sondern auch weiter als Psychotherapeut zu arbeiten.

Wer ist er, dieser Tom Saller? Und wie ist er? Man kennt ihn in Wipperfürth als Psychotherapeut, der auf der Gaulstraße seit Jahren eine eigene Praxis betreibt. Man kennt ihn als Saxophonisten einer Jazzband, bei deren Auftritten er gerne mal richtig Gas gibt. Vor allem kennt man ihn aber als erfolgreichen Autor, dessen Bücher deutschlandweit in jeder Buchhandlung zu finden sind. Die auf den Spiegel-Bestsellerlisten stehen. Seit vielen Wochen. Tom Saller ist vieles. Vor allem eins: wunderbar entspannt. Er ruht in sich. Wenn er erzählt, von sich, vom Schreiben, vom Leben, dann möchte man ihm ewig weiter zuhören. 

Schon seit seiner Kindheit sind Bücher ein Teil seines Lebens. Nicht selten bedient er sich am Bücherregal seiner Eltern. Im Teenageralter beginnt er, eigene Songs und Gedichte zu schreiben. Auch Gedichte über Liebe, na klar. Nach dem Abi dann eine ganz andere Richtung: Saller beginnt ein Medizinstudium. Da ist dann plötzlich keine Zeit mehr für Poesie und Phantasie: „Medizin ist ein ausgesprochen unromantisches Studium. Naturwissenschaftlich, was mir eigentlich gar nicht liegt. In der Zeit habe ich nichts geschrieben. Und als später unsere Söhne geboren wurden, da hatte ich plötzlich den Eindruck: Mein Herz ist so voll. Ich begann, ganz kurze Vignetten zu schreiben. Vier, fünf Sätze. Länger waren die gar nicht.“ 

Doch da steckt viel mehr in ihm. Ein ganzer Roman. So wie in Volker Kutscher ganze Romane stecken. Die beiden spielen zusammen Doppelkopf, seit vielen Jahren schon. Und zu sehen, wie aus dem ehemaligen Redakteur Kutscher ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, faszinierte Tom Saller: „Ich kannte bis dato keine Schriftsteller, und die Vorstellung war für mich unmöglich, dass ein echter Mensch ein Buch schreiben könnte. Ich glaube, dies hat mich ermutigt. Und dann habe ich mich hingesetzt und losgeschrieben.“ Was mancher nicht weiß: „Wenn Martha tanzt“ ist nicht sein erster Roman. Da schlummern noch zwei Werke in der Schublade, ein Krimi und ein Thriller. 

Aber der Durchbruch kam eben mit Martha. Die Taschenbuchausgabe der bewegenden Geschichte aus der Bauhaus-Ära ist gerade in siebter Auflage erschienen. Wie er den Roman geschrieben hat? „Mit Magie.“ Anders kann er sich das nicht erklären. „Bei Lesungen denke ich manchmal: Das ist nicht von mir, das habe definitiv nicht ich geschrieben.“ Doch, hat er. Ganz anders war es bei „Ein neues Blau“. Diesmal musste er ein Exposee schreiben, diesmal hatte er einen Abgabetermin – diesmal hatte er auch eine vierwöchige Schreibblockade. Der Druck des zweiten Buches nach dem Sensationserfolg? Ja, er spürte ihn. Doch er überwand die Blockade. 

Seine erste Leserin und Kritikerin ist immer seine Frau. Im gemeinsamen Sommerurlaub entstand die Idee zu
„Ein neues Blau“, seine Frau trug viel dazu bei. Und Tom Saller entdeckte bald: „Irgendwann entwickeln die Figuren ein Eigenleben und dann darf man dem nicht im Wege stehen. Wenn ich das Gefühl habe, die Figuren müssen etwas Bestimmtes sagen, dann lasse ich das zu, weil es später eine Bedeutung haben wird.“ Tom Saller schreibt anders. Typisch für ihn ist eine verknappte, präzise Sprache. Seine Leser schätzen seinen Schreibstil. Er hat Wiedererkennungswert. Er berührt. „Sie werden in meinen Romanen relativ wenig über das Wetter oder die Natur finden. Wenn da ein Baum steht, dann schreibe ich, da steht ein Baum. Keine Eiche, keine Buche. Der Himmel ist entweder blau oder grau, da sind dann keine Schäfchenwolken, die einen Salto aufführen.“ Seine Lektorin schätzt diesen Stil als echtes Alleinstellungsmerkmal. 

Es ist auch dieser Stil, der vor einigen Jahren seine Agentur überzeugte. So sehr, dass sie das Manuskript zu „Wenn Martha tanzt“ schon kurz, nachdem er es vorgestellt hatte, an die Spitze ihrer Neuvorstellungen fürs kommende Jahr setzte. Schließlich erhielt der renommierte Ullstein-Verlag den Zuschlag. 

Wie aber kam Saller überhaupt an die Agentur? „Durch Zufall und mit purem Glück“, sagt er heute. Schon mit seinem Krimi, der bis dato nicht veröffentlicht wurde, ging er vor einigen Jahren auf Agentursuche: „Ich habe damals recherchiert und schnell gelernt: Ein Manuskript blind an einen Verlag zu schicken, wird kaum funktionieren.“ Also besser zuerst zu einer Agentur. Was für so manchen Autor allerdings auch erst mal nicht funktioniert – achtzig Absagen sind keine Seltenheit.

Saller suchte sich die zehn besten Agenturen in Deutschland und die dritte nahm ihn als Autor unter Vertrag. Auch wenn der Krimi sowie ein später nachgeschobener Psychothriller, den Saller selbst für nicht ausgereift hält, es nicht bis zu einem Verlag schafften – bei der Agentur blieb er. Und mit Martha änderte sich alles. Nie hatte Tom Saller den Masterplan, Schriftsteller zu werden. Dann der Erfolg. 

Ist da nicht die Gefahr groß, dass man abhebt? Nicht bei Tom Saller, der sehr selbstreflektiert erzählt: „Vor 25 Jahren vielleicht. Da wäre ich vermutlich zu einer unangenehmen Person geworden. Heute bin ich 52 Jahre alt und sehr geerdet. In der Tiefe verändert dieser Erfolg gar nichts, zumal ich ja immer noch die Praxis in Wipperfürth als Korrektiv habe. Die führe ich unverändert fort, auch mit derselben Patientenzahl. Aber an der Oberfläche kitzelt es schon meinen Narzissmus. Ich gehe auch gerne mal auf Patrouille in die Buchhandlungen der Region und schaue da nach meinen Büchern“, sagt Tom Saller mit einem Augenzwinkern. Schriftsteller und Therapeut sein, das will Saller auch in Zukunft, denn beides bereitet ihm große Freude, und er bekommt dieses Arbeiten in zwei Welten auch gut hin. Die Romane drei und vier sind schon geplant, auch inhaltlich.

Das Schreiben – für ihn Lust und Leidenschaft. So wie auch die Lesetouren, von Sylt bis Stuttgart und gerne auch durch die Heimat. Gerne tritt er mit seinem Sohn auf, der zwischen den Lesepassagen Songs spielt. Tom Saller liebt den direkten Kontakt zum Publikum, in Gesichter schauen, Emotionen und Reaktionen sehen. Mit Menschen ins Gespräch kommen, mit ihnen differenziert über seine Bücher sprechen. Was er dagegen gar nicht mehr haben kann, ist das Lesen von Rezensionen. Denn viele sind plump und eindimensional: „Normalerweise bin ich durchaus kritikfähig, ich würde gerne mit jedem Kritiker diskutieren, aber ich kann ja nicht allen antworten. Und wenn dann jemand schreibt, ihm gefalle das Buch nicht, ohne das zu begründen, bin ich ohnmächtig. Deshalb lese ich lieber keine Rezension mehr. Um mich zu schützen.“

Was ist eigentlich aus der Doppelkopfrunde geworden, zu der ja auch Volker Kutscher zählt? Früher hat sich die fünfköpfige Truppe alle vier Wochen getroffen. Heute muss sie ein Jahr im Voraus über Doodle einen Termin machen, um alle unter einen Hut zu bekommen. Aber eins ist klar, wie Tom Saller unterstreicht: „Der Termin steht dann auch. Und er ist uns heilig.“

 

Machen!

Im Oktober hat er ein Heimspiel. Und Heimspiele sind immer etwas Besonderes. Du kennst halt so ziemlich jeden, der da im Publikum sitzt. Mit vielen verbindet dich eine Geschichte. Gemeinsames Arbeiten. Lange Gespräche. Viel Schönes. Und manches, das nicht so schön war. Wie das eben so ist. Vielleicht sitzen da auch ein paar Leute, die vor Jahren aus Stefan Hagens Lebenszug ausgestiegen sind und jetzt mal schauen wollen, was er denn so macht. Der Hagen, der mal bei der Stadt Wipperfürth verbeamtet war. Der Geschäftsführer der WEG wurde, sie quasi mitbegründet hat. Der später dann, da schon als Coach, plötzlich im Privatfernsehen auftauchte, fast 13 Monate lang. Ja, wovon wird er wohl erzählen, wenn er bald vor die Wipperfürther Unternehmer tritt? Als Keynote-Speaker bei deren Vollversammlung? Motive stehen fest, Episoden, Fragmente. Und natürlich das Leitmotiv: Mut zum Machen, zum Handeln. Denn es ist sein Lebensmotiv, nicht erst, seit der Wipperfürther als Businesscoach und Speaker erfolgreich ist.

Ja, und vielleicht erzählt er auch von jenem Abend im Jahr 2015, als er in einem Krankenbett lag. „Wollen Sie sich jetzt wirklich damit beschäftigen, woher der Tumor kommt, Herr Hagen? Und was bringt Ihnen das dann? Dass Sie noch mehr grübeln? Ich brauche Ihre Energie morgen. Den Tumor kriegen wir raus, aber die Blutung wird heftig sein. Sie müssen also bei Kräften bleiben.“ So in etwa hat sich der Arzt damals verabschiedet bis zum nächsten Morgen. Stefan Hagen hat die Momente danach noch genau vor Augen: „Und dann lag ich da und dachte: Okay, wenn du das also morgen hoffentlich schaffst – wofür willst du aufstehen? Für das?“

Als wenige Wochen zuvor die Kopfschmerzen begonnen hatten, deren Ursache auf einen zum Glück gutartigen Tumor im Stirnbereich zurückging, war „Das“ an sich eine ganz erfolgreiche Kiste: Stefan Hagen war zu dieser Zeit fast ausschließlich als Speaker unterwegs. Er tourte durchs Land, stand auf der Bühne, sprach zu den Menschen, hatte auch ein nicht unerfolgreiches Buch geschrieben.

Und er hatte sich kurz zuvor von einem dieser nicht ganz billigen, dafür scheinbar allwissenden Marketingexperten beraten lassen, dass nur Ganz oder Gar nicht gehe, wenn er auf den Bühnen durchstarten wolle, dass er nur „Der Speaker“ sein könne, der Menschen mit seinen Reden mitreißt. Das und Ende. Stefan Hagen folgte diesem Rat, gab einige der Kunden ab, die er bis dato erfolgreich beraten hatte, konzentrierte sich fast ausschließlich auf die Auftritte. Ja dann … machen wir doch einfach so weiter, oder? Die OP gut überstehen und bald wieder rauf auf die Bühne? Die nächsten, sagen wir, 20 Jahre? „Das war mir nicht mehr genug“, erinnert sich Stefan Hagen.

Denn er hatte immer direkt mit Menschen zu tun. In der Stadtverwaltung von Wipperfürth, wo einst seine berufliche Laufbahn begann. Wenngleich ihm der Status „Beamter auf Lebenszeit“ schon vom ersten Tag an suspekt vorkam. Weshalb er sich, wenn auch erst Jahre später, ja selbstständig machte. Später dann, in den Jahren 2008/2009, machte er vor laufender Kamera für die Coaching-Soap „Hagen hilft!“ Handwerker und kleine Unternehmen fit. Ein Höllenjob, für den er an manchen Tagen so rasend schnell durchs ganze Land flog, fuhr und wieder flog, dass ihm Hören und Sehen verging. 45 Folgen in drei Staffeln, ewig lange Dreharbeiten, Sonderwünsche der Regisseure und der Redaktion und dann … der Schnitt. Der so manches, was Stefan Hagen zuvor mit den einzelnen Unternehmern besprochen hatte, doch ein bisschen anders darstellte. Entertainment halt. Da darf das Wahrhaftige, die Beratung, die echte Hilfe für Menschen, die Stefan Hagen am Herzen lag und liegt, auch gerne mal hinten rüberfallen. Gutes Geld hat er beim Fernsehen zwar verdient. „Aber nach diesen 13 Monaten war ich auch fertig“, sagt er heute. Trotzdem: Auch zu dieser Zeit hat er mit und für Menschen gearbeitet. Und dann also in den Jahren danach diese neue Karriere als reiner Speaker. Davon gibt es bekanntlich eine ganze Menge im Land, manche können es, manche nicht. Sie machen es trotzdem, und wer jetzt gerade an das Kölner Start-up „Gedanken tanken“ denkt und an die ausverkauften Rednernächte in der Lanxess-Arena und sich fragt, wie man es da wohl auf die Bühne schafft, dem sei gesagt: Die meisten bezahlen dafür.

Stefan Hagen indes lebte davon, ganz gut auch. Dann kam Anfang 2015 der Kopfschmerz. Der Schock: ein Gehirntumor. Die Einweisung ins Krankenhaus. Jener Abend vor der OP. Und diese Frage: „Wofür willst du morgen aufstehen?“ Er fand die Antwort noch in der Nacht: „Um Menschen zu unterstützen. Um ihnen in ihrem Business, mit ihrem Unternehmen zu helfen.“ Die Operation verlief glatt, die Ärzte entfernten den Tumor komplett. „Schon nach einigen Tagen hatte ich meine ersten beiden Businesskunden wieder“, erzählt Stefan Hagen heute. Den Marketingexperten hatte er dafür nicht mehr. Heute weiß er: Den braucht er auch nicht. Denn er selbst hat durch seine Coaching-Ausbildung, sein BWL-Studium, zahlreiche Fortbildungen, seine Erfahrung und seine enorme Menschenkenntnis alles, was er braucht, um sich als Businesscoach UND Speaker selbst zu vermarkten. Wofür braucht er ein „Oder“?

Vor allem hat er ein wunderbares Interesse. Daran, wie andere Menschen arbeiten, ticken, Dinge gestalten und verändern.
In den ersten zehn Minuten des fast zweistündigen Interviews mit ENGELBERT geht es gar nicht um ihn. Als der Schreiber dieser Zeilen (wie so oft auf den letzten Drücker) eintrifft, fragt Hagen ganz entspannt: „Gestresst? Wieso? Erzählen Sie doch mal.“ Das Tolle daran: Das ist keine Attitüde, es ist echt. Stefan Hagen liegen diese tiefgründigen Gespräche, bei denen die Zeit einfach mal keine Rolle spielt, am Herzen. Er liebt es, Menschen zu lesen, zu reflektieren, ihre Herausforderungen und Fragestellungen einzuordnen, sie in ihrem jeweiligen Hier und Jetzt abzuholen. Und sie dann individuell zu coachen. Ganz gleich, ob sie Einzelkämpfer sind oder Geschäftsführer eines Zweihundert-Mann-Unternehmens.

Gut möglich, dass er mit ihnen dann viermal im Jahr einen halben Tag verbringt, gerne im Haus Hammerstein, weil er die Atmosphäre dort ebenso schätzt wie den inklusiven Gedanken des Teams. Oder sie ein einziges Mal trifft, vielleicht in einem Strandkorb an der Nordsee. Oder mit ihnen mehrere Tage am Stück zusammenarbeitet und dann erst nach einem Jahr wieder. Wichtig dabei ist eines: Dass Potenziale, die vielleicht seit einiger Zeit dahinschlummern, erkannt, (re-) aktiviert und genutzt werden. Dass Menschen das tun, was sie am besten können. Dass sie Macher werden.

Und: Dass sie lernen, sich zu entscheiden, ganz gleich, wie schwierig eine Situation ist. Das ist gar nicht so einfach, denn: „Wer sich für etwas entscheidet, der schließt damit automatisch eine Vielzahl von anderen Alternativen aus.“ Hätte, hätte, Fahrradkette hilft keinem weiter. Was, wenn Stefan Hagen, der Diplom-Betriebswirt, städtischer Beamter geblieben wäre? Was, wenn er weiter Fernsehen gemacht hätte? Fragen, die sich der Wipperfürther, der seiner Heimatstadt die Treue hält, seit er denken kann, nicht stellen muss. Denn es ist ja gut so, wie es ist.

http://www.stefan-hagen.com