Er und China

Wenn Thomas Derksen sich im Hansecafé Wipperfürth einen guten Kaffee gönnt, kann er das auch deshalb sehr entspannt, weil ihn dort nur wenige Menschen erkennen. Vielleicht trifft der Marienheider auf einen alten Schulfreund oder einen ehemaligen Kollegen aus der Kreissparkasse gleich nebenan. Und mehr auch nicht.

Wenn der 30-Jährige durch Shanghai läuft, kann es sein, dass er ziemlich oft stehen bleibt. Selfies machen. Autogramme schreiben. Das ist doch Afu Thomas! Der mit diesem unfassbar witzigen YouTube-Kanal, wo er deutsche und chinesische Klischees so herrlich durch den Kakao zieht. Ja, genau der. In China so bekannt wie Frau Merkel, ohne Witz. Mit 500.000 Followern auf YouTube. Und zwanzigmal so vielen auf den zahlreichen chinesischen Videoplattformen.

Er sitzt auch schon mal mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem deutsch-chinesischen Bankett. Dreht ein Video mit Lothar Matthäus. Interviewt spontan Nicole Kidman. Erzählt in diversen deutschen Fernsehshows von seinem Leben. Kurz nach seinem zweiten Auftritt bei Markus Lanz besuchte Derksen seine Familie im Oberbergischen und hatte auch Zeit für ENGELBERT. Zeit für eine grandiose Erfolgs-Geschichte.

Dass er mal als YouTuber und Autor durchstarten würde, davon hätte er sich wohl kaum träumen lassen, als er sich im Jahr 2005, als Schüler des Engelbert-von-Berg-Gymnasiums in Wipperfürth, der seinerzeit allerersten Chinesisch-AG anschloss. Freitags nachmittags. Erst lernen, dann erleben: In den Sommerferien 2007 ging es für die Teilnehmer nach China. Thomas Derksen, damals ein Teenager, spürte schon nach wenigen Tagen: Mein Leben verändert sich gerade grundlegend. Es passiert jetzt. Hier. In Shanghai. In Peking. Im fernen Osten, der mir gerade sehr nah ist. Ein Jahr vorher hatte ihm Japan schon gut gefallen, China verzauberte ihn.

Warum es fünf Jahre dauerte, ehe er 2012, als Student, wieder für zwei Monate ins Reich der Mitte reiste? Klar: Schule zu Ende bringen, was Vernünftiges machen (die Bankkaufmannlehre), um dann aber festzustellen – nee, das ist es nicht. „Ich bin immer schon gerne gereist. Südafrika, Indien, Australien, Amerika. Bei der Sparkasse hat es mir super gefallen, die Kollegen waren total klasse … aber ich musste einfach mal raus.“ Also ging er. Begann erst das Studium, lernte ein Jahr lang intensiv die Sprache. „Und die ist verdammt schwer“, erzählt Thomas Derksen. „Es gibt Tausende von Schriftzeichen. Um im Alltag gut klarzukommen, braucht man 3000 bis 4000.“ Die hat er heute gut drauf, damals noch nicht, aber für die acht Wochen China mit den Studienkollegen reichte es. Sightseeing, eintauchen in die Kultur – all das war geplant. Sich in eine junge Chinesin verlieben – das nicht. Passierte aber. „Wo die Liebe hinfällt“, sagt Thomas Derksen und lächelt. 

Die Rückkehr nach Deutschland ist dann natürlich hart. Das Paar beginnt eine Fernbeziehung, sie hält. Dann das Pendeln. Eine Zeit lang leben beide in Shanghai, dann in Deutschland. Derksen nimmt einen Job bei einem Mittelständler an, merkt: Nein, das ist es nicht. Und seine Frau, deren Eltern selbst Unternehmer sind, fasst einen Entschluss: Wir gehen zurück nach China und machen uns selbstständig. Ja, genau, denkt Derksen, der davon noch so gar keine Ahnung hat. Gleichwohl hat er in den letzten Jahren so viele andere wertvolle Erfahrungen gesammelt, dass er kurz darauf beschließt: Okay, lass uns das machen. Sie wollen eine kleine Unternehmensberatung aufbauen und Firmen beraten, die nach China kommen um dort einen neuen Markt zu erschließen. Doch dazu kommen die beiden gar nicht. Denn nach gut einem Monat hat Derksens Frau eine Idee. Einfach so. An einem Wochenende. Lass uns doch mal ein Video machen: Deutscher Schwiegersohn in chinesischer Familie. Ja, die beiden machen einfach mal. Stellen das Ding online.
Und es geht durch die Decke. 

„Das haben Millionen Leute geklickt, die fanden das so witzig und interessant. Da haben wir weiter gemacht. Bis heute mache ich das alles selber. Drehen, schneiden und so weiter.“ Zuerst drehen die beiden Sketche, heute sind es vor allem Blogs. Darüber, wie ein Deutscher den Chinese way of life erlebt. Und darüber, wie der German way of life aussieht. Immer mehr Menschen, vor allem aus China, schauen die Videos, werden Fans. Weil Derksen so begeisternd charmant, selbstironisch und unterhaltsam ist. Er erreicht ein Millionenpublikum und das Paar kann heute gut davon leben.
Es baut Produkte seiner Sponsoren in die Videos ein und bekommt auch Anteile der Werbeeinnahmen. Die Themen werden Derksen wohl nie ausgehen. Während seines Besuchs in Wipperfürth dreht er unter anderem im Tierheim. Eine Tierhaltung und Vermittlung wie in Deutschland ist den Chinesen völlig fremd. So wie auch manche deutsche Essensgewohnheit: „Wir denken ja, die Chinesen essen verrückte Sachen. Als ich dann mal ein Video über die Vorliebe der Deutschen für Mett gemacht habe, sind die dort bald verrückt geworden. Wie barbarisch das denn sei, rohes Schweinefleisch zu essen, habt ihr keine Möglichkeit, das zu garen?!“ Essgewohnheiten und Kulinarisches sind übrigens ganz oft Derksens Themen. 

Mit seinen Videos und vor allem mit der Leichtigkeit seines Storytellings wird Thomas Derksen zum Mittler der Kulturen. Wird zu Festivals und Banketten eingeladen, schreibt ein Buch über sein besonderes Verhältnis zu den Schwiegereltern: „Und täglich grüßt der Tigervater“. Dieser Tigervater war auch schon einige Male in Marienheide zu Besuch. Und staunte dann nicht schlecht über die Brucher-Talsperre, über die Weite des Oberbergischen Landes, über die Heimat seines Schwiegersohnes. Der lebt mit seiner Frau in Shanghai, im 30. Stock eines Hochhauses, in einem Wohnkomplex, der mehr Menschen beherbergt als in ganz Marienheide wohnen. Obwohl der Schwiegervater eine Fahrschule betreibt, verzichtet Derksen auf ein eigenes Auto. In Shanghai, einer Stadt, die in Lebensniveau, Konsum und Mobilität mit New York und London vergleichbar ist, kommt er mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten zurecht. Und staunt immer wieder, wie schnell sie sich entwickelt. Denn während China in ländlichen Gegenden oft noch sehr stark Entwicklungsland ist, hat es Deutschland in den Metropolen längst überholt. In Sachen Elektromobilität zum Beispiel. Und in der Digitalisierung. 

„Die Geschwindigkeit der Entwicklung kann man sich hier nicht vorstellen“, sagt Thomas Derksen. Homepages seien oft längst out, die Menschen regeln ihr ganzes Leben übers Smartphone, mit Apps. Sie zahlen fast nur bargeldlos mit ihrem Telefon. Das geht quer durch alle Schichten, wie Derksen erzählt: „Selbst die Bettler auf der Straße haben einen eingeschweißten qr-Code. Den scannst du und kannst ihnen deine Spende direkt auf ihr Konto überweisen. Dann hast du keine Ausrede mehr, dass du kein Kleingeld dabei hast.“ Unfassbar! Es wird Zeit, dass Derksen, der inzwischen fließend chinesisch spricht, auch Videos auf Deutsch dreht. Über sein faszinierendes Leben in China. Dieses überrascht Thomas Derksen immer wieder neu: „Manchmal“, sagt er, „muss ich mich schon kneifen.“

https://www.youtube.com/channel/UC689uDf0ryZniKpuSK9ESTw

 

Heimat Botschafter sein

Herr Hagt, wie schafft man es, in einem so großen Kreis, der sich ja von Radevormwald bis Morsbach zieht, Nähe zu und zwischen den Menschen zu schaffen?

Indem man viel unterwegs ist, viel bei den Menschen. Das versuche ich bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten hinzukriegen. Nicht nur durch Besprechungen mit der Verwaltung der Kommunen selbst, sondern auch bei Festivitäten wie Karneval oder Schützenfest. Wichtig ist es mir, Präsenz zu zeigen. Dabei aber immer auch zu sehen: Dieser Oberbergische Kreis ist ja keine homogene Einheit. Es sind 13 ganz unterschiedliche Städte und Gemeinden. Oftmals tickt ja schon ein Ortsteil innerhalb einer Kommune ganz anders als ein anderer. Wichtig ist für mich: Ich kenne die 13 Kommunen alle sehr gut. 

War es schwierig, dieses Kennenlernen?

Nein. Da ich ja, bevor ich Landrat wurde, schon 25 Jahre in der Kreisbehörde tätig war, davon zehn Jahre als Kreisdirektor, war das für mich nicht schwierig. Man muss eben immer auch im Blick haben, wie sich solch ein Kreis zusammensetzt. Es gibt ja nicht nur eine Teilung Nord/Süd. Wir haben hier Städte aus dem ehemaligen Rhein-Wupper-Kreis wie Radevormwald und Hückeswagen, die sich stark nach Remscheid orientieren.
Dann aus dem ehemaligen Rheinisch-
Bergischen Kreis Wipperfürth, Lindlar und Engelskirchen, wohlgemerkt ohne Ründeroth! Hier ist man eher nach Köln orientiert. Andere Gemeinden haben dann schon wieder einen direkten Bezug zu Bonn. 

Sie haben jetzt kein Mal die Stadt Gummersbach genannt.

Weil ich die Außenorientierung beschrieben habe. Aus vielen oberbergischen Städten und Gemeinden orientieren sich die Menschen natürlich auch nach Gummersbach. Die Stadt ist wesentlich attraktiver geworden in den vergangenen 20 Jahren. Sie ist ein Magnet.

Forum, Halle 32, Schwalbe-Arena, Kino, Technische Hochschule – hätten sie gedacht, dass insbesondere das ehemalige Steinmüller-Gelände eine derartige Entwicklung nehmen würde?

Als wir damals durch die leeren Industriehallen gelaufen sind? Nein, dass es so kommen würde, nicht. Diese Fantasie hatte niemand. Wir haben es aber damals schon als Riesenchance begriffen, wenn wir Fördergelder des Strukturprogramms REGIONALE 2010 bekommen. Letztlich haben mehrere Faktoren zu diesem Erfolg geführt. Natürlich die günstige Gelegenheit, von einem solchen Förderprogramm zu profitieren, aber auch der Mut einer Stadt, zu sagen: ‚So, wir kaufen jetzt dieses Gelände‘. Und die Kompetenz derjenigen, all das hier umzusetzen. Das entsteht ja nicht einfach so.

Schauen Sie manchmal auf andere Städte und Gemeinden und denken: So einen Wandel könnten die auch gebrauchen?

Man kann das schlecht vergleichen. Jede Kommune ist anders aufgestellt. Aber der Wille sich zu entwickeln muss überhaupt erst einmal aus einer Kommune herauskommen. Wir als Kreis haben hier auch die Aufgabe, Städte und Gemeinden zu bestärken, Projekte für das nächste Strukturprogramm, die REGIONALE 2025, vorzuschlagen. Manche sind da schon ganz weit vorne. Und andere müssen eben noch Gas geben. Ich bin aber froh, dass alle Bürgermeister ein gemeinsames Verständnis davon haben, wie wichtig diese neue REGIONALE ist. Deshalb auch die Gründung einer eigenen Umsetzungs GmbH auf Kreisebene. 

Wichtig wird auch neuer Wohnraum sein, oder? Wenn man sich die aktuellen Immobilien- und Mietpreise sowie die wenigen freien Wohnungen anschaut, scheint das Thema Landflucht jedenfalls ein Märchen zu sein oder täuscht das?

Nein, Ihr Gefühl trügt nicht. Wir haben hierzu auch in Kooperation mit der Kreissparkasse eine Analyse gemacht. Nachdem vor ein paar Jahren die Prognosen noch davon ausgingen, die Bevölkerungszahlen in unserer Region würden deutlich nach unten gehen, verzeichnen wir heute mehr Zu-, als Fortzüge im Kreis. Mehr als die Hälfte der Bewohner lebt nach wie vor auf den Dörfern, nicht in den Ortskernen. Es gibt ja alleine
1441 Dörfer und Weiler bei uns. Und die Lebensqualität ist sehr hoch.

Wie gelingt es, sie weiter zu verbessern und Menschen zu locken, die hier gerne hinziehen und leben möchten? Welche Fragen stellen sich gerade im Oberbergischen Kreis für die Wohn- und Lebenssituation der Menschen? 

Zum einen müssen wir Wohnen immer im direkten Zusammenhang mit Verkehr und Mobilität sehen, gerade weil wir außerhalb der Orte nur einen eingeschränkten öffentlichen Personennahverkehr haben. Wie bleibe ich mobil? Kann ein Modell wie der Dorfladen in Thier eine Lösung sein? Oder wollen die Leute zum Einkaufen nicht doch lieber in den Supermarkt in der Stadt? Wie sieht es mit der medizinischen Versorgung der Menschen aus – muss es immer die eine Praxis sein oder müssen wir nicht wieder zurück zu Versorgungszentren? Was kann die Telemedizin via Internet leisten? Und – gerade auch für Familien – wie kann man auch in die Jahre gekommenen Wohnraum wieder attraktiv gestalten? Nehmen Sie zum Beispiel das Haus auf dem Dorf aus den 70er Jahren, das ein Seniorenpaar nicht mehr pflegen kann, es daher abgeben und in eine Stadtwohnung ziehen will. Ein solches Haus müssen
wir nutzen.

Was zieht gerade Familien in den Kreis?

Familien brauchen neben einem guten Job ein tolles Lebensumfeld. Und wir haben hier hervorragende Voraussetzungen. Gute Schulen, Sicherheit – wir sind einer der sichersten Kreise in NRW –  sowie eine herausragende Sportkompetenz wie etwa mit dem VfL Gummersbach. Wer hat schon einen Handball-Bundesligisten, der auch noch mitten in der Stadt spielt? Es gibt so viele Leuchttürme, wie etwa Panabora oder die Kletterhalle 2T. Und letztlich gibt es im Oberbergischen auch ein ausgeprägtes Vereinswesen, in dem sich viele, auch junge Menschen, engagieren. Das ist nicht nur ein schönes Freizeitangebot, es schafft auch Gemeinschaft. 

Es gibt ja das Sprichwort vom Propheten im eigenen Land. Nehmen die Oberberger die Schönheiten und Reize vor der Haustür eigentlich wirklich wahr?

Wenn Sie in Köln jemanden aus der hintersten Ecke fragen, wie er seine Stadt findet, sagt der: ,Super‘! Uns passiert es oft, dass wir die positiven Seiten nicht so sehen. Wenn dann der Kölner zu uns kommt, sagt er: ,Wow, ist das klasse hier bei euch‘. Als wir vor einigen Jahren das Thema Tourismus angepackt haben mit all den wunderschönen Wegen im bergischen Wanderland, da hieß es anfangs: ,Was, Tourismus? Hier? Das gehört doch in die Alpen‘. Dabei haben wir hier so viele Pfunde, damit müssen wir wuchern! Wichtig ist es, dass nicht nur Touristen von außerhalb ein Bewusstsein dafür bekommen, sondern auch die Menschen von hier. Man muss dafür nur einfach mal den Blick verändern, vor allem auch über die eigenen Stadtgrenzen hinaus schauen. Und letztlich ist ja in Waldbröl schon der Hückeswagener ein Tourist. Jeder kann auf seine Weise ein Botschafter seiner oberbergischen Heimat werden. Davon bin ich absolut überzeugt.