Nicht lang rumdruxen

Nur wenige Sekunden bis zum Anpfiff in der LanxessArena in Köln. Er ist längst im Tunnel. Und doch nimmt Paul Drux das Spektakel um ihn herum wahr. Wie 19.000 Menschen die Hymne singen. Wie sie jubeln, feiern, die Arena in ein Tollhaus verwandeln. Plötzlich aber ist alles vorbei. Im Halbfinale der Handball-WM gegen Norwegen. 

Doch die Filme aus diesen zwei Wochen, sie haben sich eingebrannt. Und sie laufen auch im Nachhinein immer wieder mal. „Um ehrlich zu sein, hab ich in den Tagen nach der WM versucht, ein bisschen den Kopf freizukriegen, auch mal nicht dranzudenken. Das kommt dann, wenn man für sich alleine ist, abends vorm Einschlafen. Es war einfach unfassbar, was wir da für einen Zuspruch bekommen haben, ich musste mich in der Halle doch einige Male kneifen. All das wird man nicht vergessen“, erzählt das 24-jährige Handball-Ass aus Marienheide. Obwohl Drux, gerade auch bei seinem Talent, noch einige Chancen auf internationale Titel mit dem Nationalteam hat: Die Halbfinalpleite gegen einen stärkeren Gegner, sie hat geschmerzt. Schlimmer als die knappe Pleite im Spiel um Platz drei, als man auf Augenhöhe war. Aber warum fallen wir? Um wieder aufzustehen, oder? Das hat auch Paul Drux gelernt, so ist er schon von seiner handballbegeisterten Familie erzogen worden: „Das hat der Sport so an sich. Es ist nicht alles Gold, was glänzt und es geht auch nicht immer nach oben.“

Für Drux aber zum Glück recht oft. Nicht nur seine Eltern, auch seine Trainerinnen in Marienheide stellten schnell fest: Hui, da hat aber einer was drauf. Groß, kräftig, wurfstark, der ideale Mann für den Rückraum. 

Das fand auch ein Talentscout des VfL Gummersbach. Nach sieben Jahren in der Jugend des SSV Marienheide kam der Wechsel – aber nur für vier Jahre. Denn ein A-Jugend-Spiel mit Gummersbach gegen die Füchse Berlin sollte sein Leben verändern. „Wir haben damals mit dem VfL zwar verloren, aber es ergab sich für mich der Kontakt nach Berlin“, erinnert sich Paul Drux. Damals war er sechzehn und Berlin nicht nur riesig, sondern auch verdammt weit weg. Wie lange braucht man da, um sich für einen Wechsel zu entscheiden? „Es hat insgesamt schon eine Zeit lang gedauert, bis alles soweit feststand, aber mir war schon nach wenigen Tagen klar, dass ich das machen will“, sagt Drux. Also nicht lange fackeln.

 

Er ging. Allein. Und biss sich durch, gerade auch im nicht so ganz einfachen ersten Jahr in der Hauptstadt. Denn er lebte, trainierte und lernte in einem Jugendinternat und einer Sportschule – und dort war es an den Wochenenden auch manchmal recht einsam: „Viele andere Handballer wohnten nicht weit weg, sie verbrachten die Wochenenden bei ihren Familien. Für mich natürlich kaum machbar. So blieb ich und lernte  Sportler aus anderen Sportarten kennen, die auch im Internat geblieben waren. Und das war wirklich spannend. Nach dem ersten Jahr hatte ich mich dann super eingefunden – und auch die Stadt schon besser kennen gelernt.“ Paul Drux machte also das Beste draus. Und: Er war erfolgreich. A-Jugendmeister mit den Füchsen und U-18-Europameister gleich im ersten Jahr nach seinem Wechsel. Titel lassen einen weiter reifen: Paul Drux spielte schon mit 17 Jahren in der Handball-Bundesliga. Der Mann mit der Rückennummer 95 hat bis heute weit über 250 Tore in der Liga geworfen und weitere 150 in der Nationalmannschaft. Und der Oberberger ist ein Berliner geworden: „Ich fühle mich sehr wohl hier. Aber ich komme auch immer gerne ins Bergische zurück. Zu meiner Familie. Zur Brucher-Talsperre. Leider viel zu selten, weil einfach die Zeit fehlt“, sagt er.

„Ich lebe nie nur im Hier und Jetzt.“

Ja, das Zeitmanagement – für einen wie Paul Drux das A und O, zumal er ja nicht nur Handball spielt. Sondern parallel schon jetzt, mit erst 24 Jahren und nachdem er bei den Füchsen Berlin seinen Vertrag gerade bis zum Jahr 2023 verlängert hat, bereits an die Zeit nach dem Handballsport denkt. Denn: „Ich lebe nie nur im Hier und Jetzt.“ 

Mit Druck umgehen kann er, auch mit der Erwartungshaltung von Trainern, Zuschauern, Fans. Also warum nicht an den Standbeinen Nummer zwei und drei arbeiten? Zum Beispiel, in dem er parallel zum Sport noch Wirtschaftsinformatik studiert. „Das ist mit dem Lernen und den Klausuren terminlich nicht immer ganz so einfach, aber zum Glück ist man an der Hochschule sehr flexibel. Da kommen einem die Dozenten mit Terminen doch sehr entgegen.“ Für Drux ist klar: Das Studium wird durchgezogen, so oder so. Und Standbein Nummer drei? Mal was ganz anderes. Casual-Mode für Sie und Ihn! Paul Drux, der Unternehmer, der mit zwei Mitstreitern das Modelabel „Sportwords“ gegründet hat. Gemeinsam entwerfen sie Hoodies, Pullis und Shirts, deren dezente Motive oft etwas mit dem Handballsport zu tun haben.
Zum Beispiel, weil die Abkürzungen für einzelne Positionen mit eingestickt sind. Das Trio macht zurzeit noch alles selbst, lässt in Bio-Baumwoll-Qualität produzieren, vertreibt die Mode über den eigenen Webshop. Dass Drux, dessen Bekanntheitsgrad seit der WM nicht gerade gesunken ist, auch mal Model für die eigene Kollektion ist, stört ihn nicht, obgleich er gar nicht so gerne im Mittelpunkt steht. Es geht um die Sache: „Ich wollte immer schon etwas Eigenständiges machen, das war mein Traum. Klar ist das ein Risiko, klar kann so was auch schief gehen, aber es macht extrem viel Spaß. Und die Mode kommt gut an.“

So wie Paul Drux, der mit 16 Jahren seine oberbergische Heimat verlassen hat, um Karriere zu machen. Und, so hoch er sich bei seinen kraftvollen Würfen auch schraubt, so hart er auch an sich und seinem Erfolg arbeitet, immer mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben ist.

 

Einfach anders und ganz bei sich

Sie war gerade zwanzig, als sie mit Dirk Bach in Köln auf der Kleinkunstbühne stand. Sie war kaum dreißig, als sie mit Hugo Egon Balder und der RTL-Show „Alles nichts oder?!“ eine Showlegende mit erschuf. Im Februar wird

sie sechzig. Was in zehn Jahren ist? Interessiert sie nicht wirklich. Was einmal war, damals in Gummersbach, wo sie als Tochter eines Marienheiders und einer Kölnerin geboren wurde, darüber erzählt sie sehr offen. Über das, was sie geprägt und bewegt hat. So, dass man ihr stundenlang zuhören möchte. Weil Hella von Sinnen einfach anders ist und zugleich immer ganz bei sich.

„Ich möchte im Rückblick nicht in eine Großstadt hineingeboren worden sein.“

„Ich bin ja ein Wassermann-Skorpiönchen. Und bin mir meiner oberbergischen Wurzeln sehr bewusst, fühle mich dadurch auch sehr geerdet. Diese achtzehn Jahre in Gummersbach … aus heutiger Sicht halte ich sie für prägend und wichtig, weil ich hier Grundlegendes für mein Leben gelernt habe. Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Treue sowie Aufrichtigkeit, das sind für mich typische oberbergische Eigenschaften. Sicher aber auch mal eine gewisse
Sturheit und ein Aufbrausen.

Ich möchte im Rückblick betrachtet nicht in eine Großstadt hinein geboren worden sein, in der ich schon mit sechs Jahren mit Straßen- oder U-Bahnen hätte fahren müssen. Wir wohnten damals an der Wiesenstraße, gleich gegenüber dem Wald. Wir waren als Kinder ständig draußen im Grünen und an der Agger, ich hatte hier wirklich so ein wildes Wir-Kinder-aus-Bullerbü-Leben, das ich so auch nicht missen möchte. Aber ich wollte jetzt, da ich in Köln lebe, auch nicht mehr tauschen.“

Insbesondere die Jugend im Gummersbach der 60er und dann 70er Jahre – das ist nicht immer einfach, als Hella von Sinnen entdeckt, dass sie doch so ganz anders tickt, denkt, fühlt als manch anderer hier in der Region.

„Ich habe schon mit sechs Jahren meine Unterschrift geübt.“

„Wenn man in der Pubertät steckt und nicht konform und stromlinienförmig ist, dann eckt man auch mal an. Gerade auch, wenn man sich als Frau zu Frauen hingezogen fühlt. Einem Wunsch nach Angepasstheit konnte ich also nicht nachkommen. Ich hatte auch eine Clique, die nicht angepasst war, wir haben gefeiert, geliebt und gelebt. Und ich hatte sehr gute, aufgeräumte Lehrer am Gymnasium, war in der Theater AG und später Stufensprecherin. Ich glaube, jede bürgerliche Stadt birgt diese Keimzelle an Revoluzzern, die anders sein wollen. Und ich glaube, ich habe Gummersbach gebraucht, um mir dieses Anderssein bewusst zu machen. Das wäre mir in einer wilderen Stadt wie Köln vielleicht gar nicht so klar geworden. Zugleich musste ich eben auch feststellen, das viele Menschen mit Dingen, die sie nicht kennen, nicht gut umgehen können. Ich selbst versuche jedenfalls, mein ganzes Leben schon, so tolerant zu sein wie möglich.“

Rebellieren, sich selbst entfalten, eine Aufbruchsstimmung erleben, die aber oft auch schmerzhaft ist – für Hella von Sinnen, die später andere zum Lachen bringen und damit Karriere machen wird, sind diese Erfahrungen gleichwohl sehr wertvoll.

„Wirklich großen Humor kann man nur aus einer Tiefe und auch einem großen Schmerz heraus schreiben. Wobei ich wirklich humorbegabt bin, ebenso wie es meine Eltern waren. In der Theater AG hat man zum Beispiel mein Talent als komische Alte entdeckt. Trotzdem: Ich habe auch keinen Clown gefrühstückt. Ich bin jetzt seit 40 Jahren eine Humorarbeiterin, und das geht nur, wenn man professionell ist und bleibt. Ich könnte nicht heute noch bei Sendungen wie Genial daneben so viel Freude und Ausstrahlung rüberbringen, wenn mir das Ganze nicht immer noch viel Spaß bereiten würde.“

Andere Humorbegabte und Humorarbeiter trifft Hella von Sinnen in Köln. Dort gründet sie 1979 mit Dada Stievermann und Dirk Bach die Kabarettgruppe „Stinkmäuse“ und legt auf den Kleinkunstbühnen den Grundstein für das, was sich später zu einer schillernden Fernseh- und Medienkarriere weiterent-
wickelt wird. Ihre TV-Auftritte, die frühere Beziehung zu Cornelia Scheel, die nach wie vor ihre Managerin ist und mit der sie die Firma Komikzentrum betreibt, sowie ihr Einsatz für die gleichgeschlechtliche Ehe – all das hat Hella von Sinnen zu einer der bekanntesten Frauen Deutschlands gemacht. Sie kommt damit ziemlich gut klar. Es ist das, was sie immer gewollt hat. Schon seit sie klein war.

„Ich sag‘s wie es ist: Ich habe schon mit sechs Jahren meine Unterschrift geübt, weil ich berühmt werden wollte. Wenn ich jetzt sagen würde, die Bekanntheit sei eine Bürde, empfände ich das als verlogen. Wenn ich abends ausgehe, in Köln unterwegs bin und zum Beispiel eine der Kleinkunstbühnen besuche, dann treffe ich auf dem Weg dahin oft mehrere Junggesellenabschiede und weiß: Jetzt machst du erst mal 20 Minuten lang Selfies. Und das ist auch okay, ich bin dann Hella von Sinnen. Aber an anderen Tagen bin ich vielleicht ungeschminkt auf dem Weg zum Frisör oder auf Reisen, an der Autobahnraststätte und möchte einfach nur auf die Toilette. Wenn dann einer meinen Namen schreit, erschrecke ich. Dann bin ich vielleicht auch mal kurz angebunden. Wenn derjenige mir dann nachruft, ach guck, im Fernsehen ist die immer nett und jetzt so arrogant, dann ist das halt so. Aber ich weiß schon sehr genau, was ich meinem Publikum zu verdanken habe. In 90 Prozent alle Fälle bin ich, wenn ich rausgehe, auch bereit, jeden Tornister zu signieren.“

Die Sendungen, in denen sie auftritt, ihre eigene Firma, mit der sie unter anderem Werbetexte fürs Radio sowie, als langjähriger Comic-Fan, die Web-Sendung „Comic-Talk“ mitproduziert – langweilig wird es Hella von Sinnen auch in den kommenden Jahren nicht. Nun bald sechzig zu werden – was macht das mit ihr?

„Meine Mutter ist genau einen Tag vor
ihrem sechzigsten Geburtstag verstorben. Daher werde ich erst einmal erleichtert sein, wenn ich den Tag erreiche, zumal ich in der letzten Zeit auch viele enge Freunde in jungen Jahren verloren habe. Ich bin für jedes meiner Jahre dankbar. Als ich 1959 geboren wurde, da waren meine Großeltern so alt wie ich heute. Für mich waren sie immer alte Menschen. Es ist schon spannend, das Älterwerden bei sich selber zu verfolgen. Ich fühle mich heute eher wie zwanzig. Mit dem großen Vorteil, in den letzten vierzig Jahren Einiges dazugelernt zu haben.“

Großes Kino

Genialer Blick, so von hier oben. Freie Sicht direkt auf die riesige Leinwand. Okay, die muss man sich Ende August, als ENGELBERT exklusiv das neue Kino im Herzen Gummersbachs besuchen darf, noch vorstellen, aber das fällt nicht schwer. Denn obgleich erst im April quasi die Klappe fiel für den hochmodernen Filmpalast, ist die Rahmenhandlung schon mal abgeschlossen: Die Wände aller sieben Kinos stehen, auch das künftige Foyer ist bereits gut erkennbar. Und die Vorfreude wächst bei einem Rundgang über die Baustelle gemeinsam mit Bauleiterin Sandra Rohländer und Hans-Jörg Schneider, Niederlassungsleiter Wipperfürth vom Bauunternehmen Verfuß, sowie Architekt Philipp Hillnhütter, die hier gemeinsam ganz großes Kino erschaffen. Für Schneider und Hillnhütter ist der Bau eines Kinos kein Auftrag wie jeder andere, aber auch nichts komplett Neues. Schneider war federführend am Umbau und an der Erweiterung des Bensberger Kinos beteiligt, Hillnhütter hat schon diverse Kinos konzipiert, ebenso wie sein Vater, von dem er das Büro in Reichshof übernommen hat. Das Spannende dabei: Obgleich erst die Außen- und die meisten Innenwände stehen, muss sich Hillnhütter bereits mit vielen innenarchitektonischen und technischen Details befassen. Just ist der Unternehmer eingetroffen, der für die Schankanlagen zuständig sein wird, gemeinsam wird besprochen, wo die Kinobesucher später Softdrinks und Bier kaufen können. Fest steht auch schon, dass ein Gastronom ins Kino einzieht, der die Gäste kulinarisch verwöhnt. Und zwar ganz unabhängig davon, ob sie auch ins Kino gehen.

Möglich wird das ab dem Frühjahr 2019, wenn Roland Wolf, der Betreiber des jetzigen Burgtheater-Kinos an der Kaiserstraße, die Blockbuster dieser Welt in den neuen Kinokomplex direkt neben der Halle 32 holt. 1200 Besucher finden dort Platz, die meisten davon in Kino 7. Bis auf Kino 5 eint alle Kinos eine Besonderheit, denn sie erreicht man sowohl übers Erdgeschoss als auch über die erste Etage. Für die jeweils hinteren Plätze wird es zudem VIP-Karten geben. Und Kino 5? „Ist das kleinste und zugleich einzige, dass ins Erdreich gebaut wurde“, erklärt Sandra Rohländer. Nicht nur das: „Es wird auch von der Einrichtung her besonders, eine Art Clubkino“, ergänzt Architekt Philip Hillnhütter. Was die vergleichsweise steilen Kinoräume alle auszeichnet, sind ihre perfekten Proportionen: Tolle Sicht von jedem Platz und ein optimales Verhältnis zwischen Leinwand und
Raumgröße.

Dass der Architekt ebenso wie das gesamte Verfuß-Team vergleichsweise entspannt über die Baustelle spazieren, liegt auch daran, dass das Kino mit seiner Gesamtfläche von 3.400 Quadratmetern seit April zügig wächst und alles reibungslos läuft. Ist auch gut so, schließlich ist die Planungsphase spannend genug verlaufen. Mitte 2016 hatten die Planungen begonnen, und Hans-Jörg Schneider erinnert sich noch gut an die zig Gespräche, die er unter anderem mit der Stadt Gummersbach und deren Entwicklungsgesellschaft, möglichen Investoren, Architekt und Statiker sowie infrage kommenden Betreibern geführt hat. „Selbst als der Spatenstich für Ende 2017 schon angekündigt war, wenige Tage vor Weihnachten, warteten wir noch auf die entscheidende Zusage. Die kam dann von Investor Marc Schröder erst kurz vor knapp.“

Und dann begann der logistische Kraftakt, den das Unternehmen Verfuß gemeinsam mit den vielen am Bau beteiligten Partnerfirmen souverän managt. Da wird im Minutentakt eine vorgefertigte 15-Tonnen-Wand nach der anderen angeliefert, die größte rund 30 Quadratmeter, und dank Hochleistungskränen und erfahrener Mitarbeiter zentimetergenau verbaut. Und auch bei 45 Grad in der Sonne werden Schweißbahnen fixiert. Insgesamt sind rund 100 Menschen am Kinoneubau beteiligt, wobei nur wenige parallel auf der Baustelle präsent sein müssen. Spektakulär wird die Fassade ausschauen, die ja aktuell noch aus dem nackten Beton besteht. Denn später werden rund 1000 Glasflächen vorgehängt. Apropos Glas: Die gesamte Eingangsfront wird aus Fenstern bestehen, oben können die Besucher sogar auf einen Balkon treten und von dort fast das gesamte Steinmüllergelände überblicken. Bevor sie Kino pur erleben. Natürlich mit modernster Projektoren- und Tontechnik.

Die steht aber nicht nur für Filme zur Verfügung, sondern, und das ist wirklich genial: Die Profs und Studierenden an der Technischen Hochschule nebenan sollen das Kinocenter auch für Vorlesungen nutzen dürfen. Tagsüber Lern-, abends Traumfabrik: Das ist echt großes Kino.

Der Talker der Tod und das Leben

JÜRGEN DOMIAN 02.02.2016
1Live Moderator
©WDR/Annika Fußwinkel

Hansen ist sein Leben leid. Er geht nach Lappland, um zu sterben. Ganz bewusst. Er will Frieden finden. Doch die Dämonen in seinem Kopf haben einen anderen Plan … wie Hansens Geschichte nach 192 Seiten endet? Wird nicht verraten. Müssen Sie schon selber lesen. Verraten wird nur eins: Es war nur eine Frage der Zeit, bis Jürgen Domian dieses Buch schreiben würde. Weil er musste. Weil das Thema Tod ihn seit über vierzig Jahren eng durch sein Leben begleitet. Domian und der Tod – diese Geschichte begann Anfang der 1970er-Jahre in Gummersbach.
Eigentlich, sagt Jürgen Domian und nimmt einen Schluck Tee, möchte er ja gar nicht so gerne über Gummersbach sprechen. Nicht über die Schulzeit auf der Hauptschule. Nicht über andere Schüler und Lehrer, die er dort traf. Doch nach einigen Minuten und vielen Gedanken, die sich der Wahlkölner über seine Jugend im Oberbergischen macht, wird klar, dass ein Domian ohne Gummersbach nicht denkbar ist. Dass vieles, was ihn im Leben bewegt hat und noch bewegt, dort seinen Anfang nahm. Eines dieser Themen ist der Tod.
Er ist dem heute Sechzigjährigen, der, wenn er mit seiner ruhigen, ewig jungen Stimme spricht, vollkommen alterslos wirkt, so oft begegnet wie nur wenigen Menschen. Insbesondere in seiner Kult-Talkshow im WDR und auf EinsLive, die er über 20 Jahre lang werktags von eins bis zwei Uhr morgens moderierte. Dann, wenn sie anriefen. Menschen, die nicht mehr lange zu leben und niemanden zum Reden hatten. Menschen, die anderen Furchtbares angetan hatten oder selber zum Opfer geworden waren. Menschen mit Neigungen, Lebensweisen und Ansichten, die auch Jürgen Domian oft noch nicht kannte. Die Gespräche mit Sterbenden sind ihm am meisten im Gedächtnis geblieben. So wie es auch seine eigene Entdeckung der Endlichkeit des Lebens ist. „Ich war damals dreizehn oder vierzehn und mir wurde ohne einen konkreten Anlass bewusst, dass auch ich sterben werde. Das war ein erschütternder Gedanke. Ich hatte Angst, ins Bett zu gehen aus Sorge, nicht mehr aufzuwachen. Dass die Toten womöglich anwesend im Raum waren, mich sehen könnten. Hilfreich war mir ein alter Pastor in Gummersbach. Im Konfirmandenunterricht habe ich mit ihm das Gespräch gesucht. Er fing mich auf. Ich hatte dann eine sehr gläubige Zeit, war sehr involviert im CVJM. Durch den Glauben bekam ich Trost.“

Jürgen Domian, ein Teenager, der sich tiefgründigste Gedanken über Leben und Tod machte, die er mit Freunden und Schulkameraden nicht teilen konnte. Der später der bis dato einzige Hauptschüler im Oberbergischen Kreis werden sollte, der auf ein Gymnasium wechseln konnte. Der damalige Rektor am Gymnasium Grotenbach, Horst Kienbaum, erkannte sein Potenzial. „Er sagte zu mir, wenn Sie bereit sind, in den nächsten drei Jahren Oberstufe quasi auf Ihre gesamte Freizeit zu verzichten, dann geben wir Ihnen die Chance.“ Jürgen Domian nutzte sie. Weil er an sich glaubte. Und seinen Glauben an Gott behielt. Und letztlich auch, weil er dort neue Freunde fand. Darunter eine Freundin, die ihn bis heute begleitet: Hella von Sinnen.

Freunde gefunden. Aber den Glauben verloren. Theologiestudium? Ja, das war geplant. Doch ausgerechnet der Glaube verließ Jürgen Domian mit knapp zwanzig wieder. Er befasste sich in der Oberstufe mit der Philosophie, „weil ich die Feinde kennenlernen wollte“, wie er mit einem Schmunzeln sagt. Er las die Schriften besonders religionskritischer Denker, um sie zu verstehen. Doch er verstand sie nicht nur, er konnte ihre Haltung unerwarteterweise mehr als nachvollziehen. Und verabschiedete sich vom Glauben, den er erst viele Jahre später zuerst im Zen-Buddhismus und dann bei den christlichen Mystikern wiederfinden sollte.

„Ich lebe nicht wie ein typischer Sechzigjähriger“

Jahre, in denen er, mittlerweile in Köln lebend, in ganz Deutschland bekannt wird. Nacht für Nacht schalten viele tausend Menschen ein, schauen und hören ihm zu. Aber die Nächte zehren an Jürgen Domian. Er tut sich das vor allem aus einem Grund über zwei Jahrzehnte an. „Weil es sensationell funktionierte. Und es hätte auch noch länger funktioniert, wenn ich nicht die Bremse gezogen hätte. Ich hatte bald erkannt, dass diese Sendung über ein reines Talkformat weit hinausgeht. Dass wir in Biografien eingreifen, den Menschen wirklich helfen können. Das zeigten auch die unglaublich vielen Rückmeldungen. Ich hatte immer dieses Gefühl, du machst etwas komplett Sinnvolles. Aber die Nachtarbeit war auf die Dauer ein großer Schatten.“
Jürgen Domian ist aus ihm herausgetreten. Er hat aufgehört, Ende 2016. Wurde krank danach, weil sein Körper mit der kompletten Lebensumstellung erst mal gar nicht klar kam. Vor allem aber ist der gebürtige Gummersbacher freier geworden. Morgens um halb sechs erst ins Bett, vor dem Nachmittag keine Termine? Das war einmal. Diese Nicht-Taktung, dieses Nicht-genau-wissen, was morgen sein wird, macht ihn nicht nur frei, sondern noch kreativer. Sachbücher hat er während der Talk-Zeiten schon geschrieben, auch mehrere Romane.

Keine Frage, dass die Geschichte des suizidalen Hansen in Lappland spielen würde, dort, wo es ihn selbst regelmäßig hin zieht, dort, wo er komplett off ist. „Wandern, schlafen in einer einsamen Hütte, wandern, schlafen. Das ist meine Seelenreinigung. Ich habe in der Regel ein paar Bücher mit, aber ich lese die meist gar nicht, weil das schon wieder zu viel Input ist.“ Lappland mit seiner Natur, seiner Ursprünglichkeit, seiner Stille – reicht. Auch geschrieben wird auf Reisen nicht. Das passiert dann wieder in Köln. „Schreiben ist Arbeit, das geht unterwegs nicht. Und es geht recht unromantisch vonstatten. Ein ruhiger Raum, ein grober Faden, keine feste Architektur.“
Die hat Jürgen Domian, erst recht, seit er seine Nachtsendung drangegeben hat, ohnehin nicht. Vielleicht noch mal eine Talkshow im Fernsehen? Mal schauen. Schon seine Lesungen sind ja immer auch Gesprächsrunden. Wenngleich ihm die Zahl sechzig schon ein bisschen zu schaffen macht, sechzig, das klinge schon exotisch, sagt er, hat er noch viel Zeit. Für neue Begegnungen, neue Geschichten. Denn obwohl es in seinen Gesprächen und seinen Büchern oft um den Tod geht, mag Jürgen Domian vor allem eins: das Leben.

Die Spieler

Herr Brand, bevor wir über Spiele sprechen – um Handball kommen wir ja nicht ganz herum. Sie haben die Versicherungsagentur Ihres Vaters übernommen, sind aber handballerisch nicht in seine Fußstapfen getreten.

Markus Brand: Ich hab‘s ja versucht, zwei Jahre lang, in der E- und D-Jugend. Aber man hat mir Talentfreiheit bescheinigt. Also nicht mein Vater, sondern mein Trainer damals, und da hab ich es wieder gelassen. Das Handballtalent überspringt bei uns offenbar eine Generation. Meine Tochter ist jetzt wieder aktiv. Und spielt echt gut. Ich selbst hab alles versucht, Schwimmsport, Tennis, Golf …
hat aber alles nicht gefruchtet. Wobei ich den Handball durchaus verfolgt habe, ganz intensiv natürlich bei der Heim-WM 2007, als mein Vater Bundestrainer war.

Wie war das für Sie als Vater – zu sehen, dass Ihrem Sohn der Sport, der für Sie eine Lebenserfüllung war und auch noch ist, so gar nicht liegt?

Heiner Brand: Klar hätte ich gern gesehen, wenn er Handballer geworden wäre, aber wenn jemand kein Interesse an etwas hat, dann soll man ihn da nicht reindrängen. Sie könnten mich fünf Stunden lang in einen Raum einsperren, ich käme nie darauf, ein Spiel zu erfinden. Meine Frau und ich wissen gar nicht, woher Markus diese Kreativität hat.

Markus Brand: Ich habe schon als Kind immer gerne gespielt. Und an Weihnachten haben wir oft mit der ganzen Familie gespielt. Alle gegen meinen Vater, den Mau-Mau-König. Dachte ich jedenfalls damals. Bis 30 Jahre später herauskam, dass er oft geschummelt hatte.

Bitte, Sie haben geschummelt, Herr Brand? Und wie kam das heraus?

Markus Brand: Er hat es zugegeben. Und ich habe ihn beim Spielen mit meinen Kindern auch genau beobachtet …

Heiner Brand: Ja, da klebten halt schon mal ein paar Karten aneinander …

Sportlich sind Sie nicht in die Fußstapfen Ihres Vaters gestiegen, aber beruflich. Wie kam es, dass Sie auch in die Versicherungsbranche gingen?

Markus Brand: Ich hatte erst mal eine Findungsphase, nach dem Abitur …

Heiner Brand: … die dauerte recht lange, und da hab ich dann irgendwann zu ihm gesagt: Bevor du nichts machst und rumhängst, mach eine Ausbildung. Hat er dann auch gemacht und einige Jahre später die Versicherungsagentur von mir weitergeführt, nachdem ich sie ja bereits im Jahr 1981 von meinem Vater übernommen hatte.

Noch mal zum Thema der längeren Findungsphase nach dem Abi – gab es so was in den 70ern auch, Herr Brand?

Heiner Brand: Ehrlich gesagt gab es das bei uns damals nicht. Da machtest du Abi, gingst zur Bundeswehr, studiertest anschließend. Bei mir war es BWL. Ich wollte eigentlich Steuerberater werden, aber das hätte zeitlich mit dem Leistungssport nicht hingehauen. So wurden es die Versicherungen. Und der Handball. Tagsüber im Büro, abends Training, am Wochenende die Spiele. Später, als Trainer bei Wallau Massenheim, bin ich zum Teil 200 Kilometer am Tag gependelt. Das war schon grenzwertig. Als Bundestrainer habe ich mich dann fast komplett aus der Versicherungsagentur zurückgezogen und war nur noch beratend dabei. Markus kam ja prima klar und irgendwann hatte sich das ganze Geschäft so stark verändert, dass ich gar nicht mehr hätte helfen können.

Haben Sie eigentlich mitbekommen, dass Ihr Sohn so ganz nebenbei zu einem erfolgreichen Spieleerfinder wurde?
Heiner Brand: Nein, anfangs gar nicht.

Stimmt es, dass Sie mittlerweile 3700 Spiele zu Hause haben, Herr Brand? 

Markus Brand: Ja, ein bisschen nerdig, oder? Ich habe eben immer gerne gespielt und dann meine Frau Inka kennengelernt, die noch viel mehr spielte und auch mehr Spiele hatte als ich. Sie las Szene-Fachzeitschriften, nahm mich mit zur Spielemesse nach Essen, brachte mir die ganze Branche näher.

Und dann wurden Sie und Ihre Frau von Spielefans zu Spieleerfindern.

Markus Brand: Ja, unsere Leidenschaft für die Spiele wurde einfach immer größer. 1999 haben wir dann damit begonnen, die ersten Spiele zu entwickeln.

Wie lief das am Anfang?

Markus Brand: Sieben Jahre lang haben wir entwickelt und entwickelt, 36 Spiele insgesamt, und diese auch Verlagen angeboten, aber zunächst ohne Erfolg. Wir hatten aber einen guten Draht zu einem Spieleredakteur beim Kosmos-Verlag, den wir auf einer Messe kennengelernt hatten. Der hat uns immer die Stange gehalten. Wir hätten echt Potenzial, wir sollten auf jeden Fall weitermachen. Haben wir auch, weil uns das so großen Spaß macht. Wir sind anfangs auch belächelt worden, von wegen, die Brands sitzen wieder zu Hause und tüfteln. Einige Freunde, die immer die Spiele testen mussten, haben wir auch ganz schön strapaziert, aber wir waren von der Sache überzeugt. Wir wollten, dass irgendwann so eine Spieleschachtel im Regal steht mit unserem Namen drauf. Bei Nummer 17 von 36 war es soweit.

Worum ging es in diesem Spiel?
Markus Brand: Eigentlich war es ein mittelalterliches Kartenspiel, aber aus Mittelalter wurde dann Karibik und anstatt ein Aquädukt zu bauen, musste man eine Hängematte an einer Palme befestigen.

Moment: Vom Mittelalter in die Karibik? Das müssen Sie mir erklären.

Markus Brand: Wir verkaufen immer die Idee, nie das ganze Spiel. Wir entwickeln den Spielverlauf, die Anleitungen, aber die Illustrationen, das endgültige Thema, die Spielfiguren, all das legt der Spieleverlag fest. Wir können aber bis zur Veröffentlichung Tipps und Ratschläge geben und werden laufend informiert.

Ihre Ausdauer hat sich gelohnt, gemeinsam mit Ihrer Frau haben Sie in den letzten elf Jahren über hundert Spiele entwickelt, die veröffentlicht wurden. Die Exit-Spiele, bei denen man binnen einer Stunde ein Rätsel lösen oder aus einem Raum entkommen muss, sind ein Riesenerfolg.

Markus Brand: Hier waren wir quasi zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir hatten vorher selbst so ein Escape-Spiel gespielt, bei dem man aus einem Raum entkommen muss. Als der Verlag uns fragte, ob wir so was auch entwickeln würden, haben wir sofort ja gesagt, weil es ein Riesenspaß ist.

Heiner Brand: Ich selbst spiele ja gar nicht viel, aber das Exit-Spiel hat Markus mir geschenkt. Ich habe es mit meiner Frau auch gespielt und werde das auch noch mal spielen. Das ist richtig gut.

Markus Brand: In Großwallstadt ist er neulich beim Handball angesprochen worden, ob er der Vater dieses Spieleautors sei.

Welches Spiel wollen Sie unbedingt noch entwickeln?

Markus Brand: Das Spiel des Jahres! Das werde ich auf jeden Fall machen.

Der Handballstratege. Der Spieleentwickler. Und beide leidenschaftliche Gummersbacher. Über all die Jahre …

Heiner Brand: Ich hatte zu meiner aktiven Zeit einige sehr lukrative Angebote, von hier fortzugehen. Es war auch meine Frau, die gar nicht von hier stammt, die unbedingt bleiben wollte. Ich habe Freunde in Gummersbach, die kenne ich noch aus der D-Jugend-Zeit. So was muss man pflegen.

Markus Brand: Die Stadt entwickelt sich doch, gerade jetzt, sie ist im Umbruch! Ich finde, sie wird immer reizvoller, und ich bin hier glücklich und zufrieden.
Warum sollte ich weg wollen?