Kaffee ist Magie!

reportage

Bei einem Barista-Seminar in der Rösterei und Manufaktur
von Rigano caffe erfährt man, warum das so ist. Und was Wunderbares dabei herauskommt, wenn Menschen tun, was sie lieben. Vier Wipperfürther haben dort mal vorbeigeschaut.

Wer liebt, was er tut, muss nie mehr arbeiten. Wer Menschen dabei zusehen darf, wie sie tun, was sie lieben, dem geht das Herz auf. Und wer bei einem Barista-Seminar bei Rigano caffe dabei sein durfte, versteht schnell, warum die Unternehmer im Kaffee pure Magie sehen. So wie Alexandra Rigano, die als Coach die Teambuildingevents bei Rigano organisiert. Weil sie weiß, wie Kaffee die Menschen zusammenbringt.

So wie Lorenzo Rigano, der das Unternehmen vor zwanzig Jahren gegründet hat, anfangs als reinen Vertrieb und für die Wartung von Kaffeemaschinen.

So wie Stephanie Rigano, seine Frau, die „es liebt, Kaffee zu rösten“. Die das auch seit zehn Jahren mit Hingabe, viel Kreativität und großem Erfolg macht. Und dabei im Social Marketing immer menschlich und nachhaltig denkt und handelt. Denn die Riganos, die in Remscheid ihre Rösterei nebst Verkaufs-, Schulungs- und Showroom betreiben, machen Kaffee mit Leib und Seele. Sie machen ihn gut. Weil sie alles darüber wissen. Dieses Wissen haben sie mit dem ENGELBERT-Team sowie Andrea und Jörg Pramor vom iMed aus Wipperfürth geteilt.

„Wir reisen mindestens einmal im Jahr in die Anbaugebiete“, erzählt Stephanie Rigano. Immer ist ihr dabei die Unterstützung der lokalen Landwirte wichtig. Gemeinsam mit einigen anderen Unternehmen hat das Ehepaar Rigano in der Dominikanischen Republik eine kleine Plantage gekauft. „Dort waren wir auch schon mit unseren Kindern. Wir haben in der örtlichen Schule eine Küche und Toilette eingebaut, neue Tafeln angeschafft, die Kinder haben mit den einheimischen Kindern gespielt.“ Auch so kann ein Urlaub aussehen. Die Kaffeepflücker und ihre Familien unterstützen, faire Preise bezahlen, genau wissen, wie die Bedingungen im jeweiligen Herkunftsland rund um den Äquator sind, ganz gleich ob in Mittel- und Südamerika, Ostafrika oder Südostasien – all das ist für die Familie Rigano selbstverständlich. Das Siegel „Aktion Kinderpläne“ steht für nachhaltig, sozial und mit Liebe geröstet, wie Stephanie Rigano unterstreicht: „Wir möchten mit jedem Kaffee etwas an diejenigen zurückgeben, die unseren Kaffeegenuss erst möglich machen.“ Der Weg von der Ernte bis ins Bergische ist weit – es kann ein halbes Jahr dauern. Gepflückt wird der Kaffee übrigens in Form einer dunkelroten Kirsche von Hand. Die Bohne selbst ist der Kern dieser Kirsche und kann auf verschiedene Weisen getrocknet werden, was entweder in der Frucht passiert, die dann wie eine Rosine schrumpft. Oder, nachdem die Bohne aus der Kirsche genommen wurde, direkt an der Sonne. Das Ergebnis ist Geschmackssache. Stephanie Rigano mag selbst am liebsten den süd- und mittelamerikanischen Kaffee mit seinen sanften Schokoladen- und Nussnoten. Aus dem Mott, also dem Fruchtfleisch rund um die Bohne, lässt sich übrigens ein leckerer Tee zaubern. 

Der Anbau und die Herkunft ist das eine – die perfekte Röstung das andere. Und eine der Lieblingsbeschäftigungen von Stephanie Rigano, die mit ihrem Mann bisher 40 verschiedene Sorten hergestellt hat und immer wieder neue Bohnenkombinationen versucht. „Dafür haben wir ja den Babyröster“, sagt sie lachend und zeigt auf die mit Abstand kleinste der Röstmaschinen. Die größte ist computergesteuert. 

Am Babyröster testen die Remscheider Kaffeeexperten neue Sorten, Röstzeiten und vieles mehr. In der Zeit liegt das Geheimnis: Die Bohnen werden je nach Art und Sorte (zum Beispiel Kaffee Crema oder Espresso) mindestens 15 bis 20 Minuten geröstet, meist bei rund 200 Grad. Dabei verlieren sie an Flüssigkeit und somit an Gewicht: Von den anfangs fünf Kilogramm bleiben 4,2. Die dann, ganz wichtig, luftgetrocknet werden. 

Das Rösten dürfen die Teilnehmer des Barista-Seminars übrigens selbst ausprobieren und können anschließend gut nachvollziehen, warum die deutsche Röstergilde schon einige Sorten Rigano-

Kaffee mit der Goldmedaille ausgezeichnet hat. Darunter ist der Rico speciale, den Stephanie und Lorenzo Rigano nach ihrem Sohn benannt haben.

Wenn nach der Röstung Lorenzo Rigano vorführt, wie man mit den frischen Bohnen den perfekten Espresso Macchiato macht, bekommt man fast ein schlechtes Gewissen, wenn im Büro wieder nur der drittklassige Vollautomat läuft. Rigano ist offizieller Vertriebs- und Wartungspartner von Jura und auch Experte für jene italienischen, voll verchromten Maschinenmeisterwerke, wie man sie oft in guten Kaffeebars und, in kleinerer Form, manchmal auch bei guten Freunden zu Hause sieht. Was sie alle gemeinsam haben: Das Mahlwerk ist nicht integriert. Die Bohnen werden in einer separaten Kaffeemühle gemahlen, dann verdichtet und in die Maschine gegeben. 

Die Mahldauer, die Auslaufzeit des Kaffees (möglichst 25 Sekunden), das Aufschäumen (nicht zu lange oder zu heiß, damit die Milch keinesfalls verbrennt) – Lorenzo Rigano überlässt nichts dem Zufall und er schult auch gerne Gastronomen, die ihren Kunden ebenfalls die perfekte Kaffeekreation servieren möchten. Ein gelungener Espresso lässt sich nicht verrühren, ganz gleich, wie oft der Löffel in ihn eintaucht, die wunderbar braune Crema schließt sich immer wieder. 

Ein Barista-Seminar bei Rigano, das ist für einige Stunden und viele leckere Tassen ein mitreißendes, pures Kaffee-Erlebnis, das im Show- und Seminarraum zu Ende geht. Dort, wo die Auswahl der neuen Bohnen für daheim schwerfällt. Dort, wo es noch so vieles rund um den Kaffee gibt. Hocker aus Kaffeesäcken zum Beispiel, sehr coole T-Shirts, die die Riganos selber entworfen haben, und natürlich viele Infos über Stephanie Riganos Herzensprojekt „Kinderpläne“. Der Verein, den sie selbst gegründet hat, hilft Kindern und Jugendlichen auf direktem Wege. Viele der Events, die das Unternehmen übers Jahr hinweg veranstaltet, kommen dem Verein zu Gute. „Hier haben wir unsere Erfüllung gefunden“, sagen die Riganos. 

Saitenweise Leidenschaft

musik

Luciano Marziali ist ein Gitarrenvirtuose. In Gummersbach hat er die Konzertreihe „Zauber der Gitarre“ etabliert. Vor der Show am 13. Dezember in der Halle 32 blickt
er auf 40 Jahre Musikerleben zurück.

Wenn er am Freitag, den 13. Dezember, gemeinsam mit seinem Duettpartner Tobias Kassung bekannte Filmmelodien auf der Gitarre interpretiert, ist das für die Besucher der Halle 32 ein wahrer Glücksfall. Denn Luciano Marziali ist ein Virtuose. Einer, der für das Gitarrenspiel lebt. Einer von ganz wenigen Menschen, die schon sehr früh im Leben wissen, was sie später einmal machen werden. Dass diese eine Sache, komme, was wolle, immer zu ihrem Leben gehören wird. Das Wunderbare an der Konzertreihe „Zauber der Gitarre“, die der Italiener in Gummersbach ins Leben gerufen hat: Er teilt sich die Bühne mit anderen hervorragenden Künstlern. Im Dezember werden es neben Kassung mit Livio Gianola der sicherlich höchstgeschätzte Flamenco-Gitarrist Italiens sowie der schon seit den 70er Jahren weltweit angesehene deutsche Akustikgitarrist Peter Finger sein. Ein Abend und drei Konzertteile mit je 40 Minuten in einer musikalischen Qualität, wie man sie so in der Region sicher selten erlebt. 

Das Schöne an Konzerten ist ja, Menschen dabei zuschauen und zuhören zu dürfen, wie sie das tun, was sie lieben. Luciano Marziali entdeckte diese Liebe, da war er gerade mal drei Jahre alt. „Mein Vater spielte damals hobbymäßig eine Gitarre, und ich griff immer wieder zu dem Instrument. Dann bekam ich meine erste eigene Gitarre aus Plastik, um zu schauen, was passiert. Ich habe immer wieder daran herumgeklimpert. Mit sechs Jahren folgte dann eine richtige aus Holz. Und ich spielte. Und meine Eltern merkten, dass ich richtig Lust darauf hatte.“ Er spielte gut, so gut, dass sein erster Musiklehrer eingestand: Der Junge braucht eine besondere Förderung, er braucht andere Musiklehrer. Seine Eltern ermöglichten ihm das. Und noch mehr: Als Luciano Marziali elf Jahre alt war, erhielt er die Chance, sich fürs Musikkuratorium in seiner italienischen Heimat zu bewerben. Er wurde aufgenommen. Was das nun bedeuten würde, war ihm vollkommen klar: „Die nächsten zehn Jahre mehrmals die Woche nach der Schule noch einige Stunden Gitarre lernen.“ 

Hui. Und das soll einer durchziehen, der erst elf ist? Was ist mit der Teenagerzeit? Was mit den Klassenkameraden, die, nichts für ungut, nach der Schule eher in den Fußballverein gehen? „Ja, ich habe einige Male gedacht, das schaffe ich nicht. Aber das bezog sich auf die normale Schule“, antwortet Marziali und lacht. Er zog beides durch: Die Schule, das Kuratorium, und Zeit, um mit den Kumpels zu kicken, blieb auch noch. Mit den anderen Kuratoriumsschülern traf er sich sogar oft vor dem eigentlichen Unterricht, um gemeinsam zu musizieren. „Da wusste ich schon, dass die Gitarre immer Teil meines Lebens sein wird.“ In welcher Form, das war aber noch offen. Vielleicht sogar eine Karriere als Rockgitarrist? Immerhin besaß er auch mal eine E-Gitarre des Modells, mit dem schon Van Halen die Bühne rockte. 

Aber er blieb dann doch bei der Akustischen. Und nach dem Abitur und dem Beginn seines Musikstudiums war ihm auch klar: Ich werde Profimusiker. Nur nicht in Italien. Denn Luciano Marziali zog es weg von zu Hause. Er landete an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt, das Diplom vom Musikkuratorium in Italien frisch in der Tasche. Luciano Marziali sprach anfangs kein Wort Deutsch, die Sprache der Musik ist zum Glück universell. Deutsch lernte der heute 43-Jährige nebenbei, spricht längst fließend mit einem sehr charmanten italienischen Akzent. 

Er hat es geschafft, aus seiner Leidenschaft einen Beruf zu machen. Hat als klassischer Gitarrist diverse musikalische Auszeichnungen erhalten, mehrere Alben aufgenommen, zuletzt eines mit besagten Filmmusiken, die er am 13. Dezember live spielen wird. Auch Flamenco spielte er eine ganze Zeit lang, gab das aber nach und nach auf. Aus einem ganz pragmatischen Grund: „Beim Flamenco spielt man vergleichsweise hart, dabei gehen die Fingernägel kaputt. Für die klassischen Stücke brauchst du aber Top-Fingernägel.“ Beides parallel ging nicht. Marziali entschied sich für die Klassik. Das Schöne dabei: „Wenn du die klassische Technik beherrschst, kannst du auch viele andere Stilrichtungen spielen.“Heute tritt er nicht nur leidenschaftlich gern auf, er gibt all sein Wissen aus 40 Jahren Musik auch weiter – als Gitarrenlehrer in Köln. Und wie kam Luciano Marziali nach Gummersbach, wo er schon seit einigen Jahren eng mit Martin Kuchejda, dem Leiter der Halle 32, zusammenarbeitet? „Ich habe einige Jahre in der Musikschule Engelskirchen unterrichtet. Eine Schülerin dort kannte Martin, damals noch zu Zeiten des Bruno-Goller-Hauses. Ich nahm Kontakt auf, spielte ein Konzert. Und ich hatte damals schon den Eindruck, dass die Leute Lust auf eine ganze Gitarren-Konzertreihe haben.“ Haben sie. Und sie dürfen sich auf einen weiteren Abend mit allen Facetten der Gitarre freuen:

Freitag, 13. Dezember, 19 Uhr: „Zauber der Gitarre“ mit Livio Gianola, Luciano Marziali und Tobias Kassung sowie
Peter Finger.

Gute Aussichten

wetter

Oliver Baldsiefen informiert mit seiner Wetterinfo Lindlar jeden Tag knapp 8.000 Abonnenten auf Facebook, ob morgen
Sonne, Regen oder Schnee zu erwarten ist. Der passionierte Ballonfahrer hat sich für sein Hobby viel Fachwissen angeeignet.

Er hatte halt noch nicht genug Hobbys. Und in erster Linie ist Oliver Baldsiefen seit einigen Jahren schon ein leidenschaftlicher Ballonfahrer. Mit zwölf stand er das erste Mal in
einem Korb. War damals schon dem
bergischen Wetter, den Winden, der
Witterung ausgeliefert. Genau so will er das, denn dieses Ausgeliefertsein, dieses Nicht-wissen-können, wo die nächste rund anderthalbstündige Ballonfahrt wohl endet, das macht den Reiz ja erst aus. Um so einen Ballon selber überhaupt fahren zu dürfen, musste der Lindlarer unter anderem eine flugmeteorologische Prüfung absolvieren. Rund zwanzigmal pro Jahr steigt Baldsiefen inzwischen im Wetter-Online-Ballon in die Luft, oft auch vom Neyeflugplatz in Wipperfürth aus. 

Und er liebt es, dass keine Fahrt wie die andere ist. Auch, wenn das schon mal herausfordernd sein kann: „Wenn du dann zweihundert Meter vor der Landewiese über einem Baum in der Luft stehst, weil kein Wind weht, dann stehst du. Steigst ein bisschen auf und wieder ab, hoffst, dass eine kleine Brise aufkommt, die dich weiterträgt.“ Zur Not dient auch schon mal eine Campingplatz-Wiese als Landeplatz. 

Mit den Jahren stellte Baldsiefen fest, wie sehr ihn dieses Wetter doch fasziniert, ganz unabhängig von der Ballonfahrt. Zumal ihn die Menschen mit und mit gefragt haben: „Hör mal, Oliver, du kennst dich doch damit aus – wie wird denn das Wetter morgen?“ Denn das Wetter ist ja bekanntlich immer ein Thema. Also gab Baldsiefen bald auf seiner privaten Facebookseite Auskunft.
Vor gut sechs Jahren war das. Und er traf im Oberbergischen einen Nerv.

Immer mehr Menschen wollten Baldsiefens lokale Wettervorhersage. Also ging er mit einer eigenen Wetterseite an den Start: Wetterinfo Lindlar. Die haben inzwischen fast 8.000 Menschen abonniert, fast 7.500 Fans hat Baldsiefen dort, zudem haben viele tausend seine App. Stresst ihn das? Nö. „Ich muss ja an den Tagen, an denen ich nicht mit dem Ballon in der Luft sein kann, auch was zu tun haben“, sagt Baldsiefen und lächelt. Hauptberuflich und mit ebenso großer Leidenschaft arbeitet er als Einkäufer in einem metallverarbeitenden Unternehmen. Und in der Tat: In den letzten sechs Jahren hat er nur an einem einzigen Tag keine Wettervorhersage gepostet – am Weihnachtsfeiertag 2018, da hat er die Vorhersage einen Tag im Voraus gemacht. Er hat schon aus dem Kanarenurlaub das bergische Wetter geschrieben, sogar aus dem Krankenhaus. Er 

bekommt dafür keinen Cent, es ist ein reines Hobby. 

Das macht ihm nicht nur deshalb so großen Spaß, weil er sich für das Wetter, gerade auch im Bergischen Land, so begeistern kann. Sondern auch, weil er von seinen Lesern so tolles Feedback bekommt. Aus aller Welt: „Ich habe Leser in China, in den USA … Menschen, die ausgewandert sind und sich immer noch fürs Wetter in der Heimat interessieren.“ Wo aber bekommt Baldsiefen eigentlich die aktuellen Wetterdaten her? Ganz einfach: Er fährt ja den von Wetter Online gesponserten Ballon und kann sich über den meteorologischen Dienst jeden Tag die aktuellen Wetterdaten besorgen. Im Grunde für die ganze Welt. Aber die Daten allein reichen ihm natürlich nicht.
„Ich bin von Hause aus sehr neugierig. Ich will immer wissen, wie alles funktioniert.“ Also hat er sich autodidaktisch ein fundiertes Wissen rund ums Wetter angeeignet. Und gibt es den Menschen im Oberbergischen in einfachen Worten wieder. So, dass sie es verstehen. So, dass sie wissen, was am nächsten Tag Sache ist. Was sich nicht immer ganz so einfach darstellt, allein schon wegen des europäischen und amerikanischen Modells der Großwetterlage. „Da gibt es immer zwei Sichtweisen.“ Für den nächsten Tag oder die kommende halbe Woche kann Baldsiefen ziemlich konkret das Wetter vorhersagen. Örtliche Unwetter kommen indes oft so plötzlich, dass auch er nicht so etwas prognostizieren kann wie: „Achtung, in Frielingsdorf ist morgen um 16 Uhr mit Hagel zu rechnen“. Und wer ernsthaft glaube, man könne jetzt schon einen milden oder strengen Winter für Januar oder Februar vorhersagen, dem kann Baldsiefen nur antworten: „Das ist einfach Quatsch.“

Und was macht Oliver Baldsiefen, wenn es, wie in den vergangenen beiden Sommern, wochenlang sonnig und heiß ist? „Das ist in der Tat schwierig, da immer wieder etwas Neues zu sagen. Dann umschreibt man das Ganze eben ein bisschen nett.“ Das geht auch prima im Herbst und Winter, zumal dann wettertechnisch sehr viel passiert. Das erzählt Baldsiefen dann zum Beispiel so wie am Samstag, den 9. November: „Liebe Wettergemeinde! 1,5 Liter können schon seeeehr nass werden, vor allem, wenn sie einem penetrant auf den Kopf tröpfeln. Die Tropfen waren dann heute doch präsenter, als es das europäische Modell berechnet hatte …“ 

Mit der Zeit hat Oliver Baldsiefen einen besonderen Blick für Wetter und Witterung entwickelt. Er kann anhand von bestimmten Wolkenarten und deren Höhe sagen, ob es Niederschläge geben wird. 

Hatte der Lindlarer nie Lust, sein Hobby mal zum Beruf zu machen? Nein. Zumal immer häufiger Computer das Wetter von morgen berechnen. Baldsiefen erzählt dieses Wetter. Wie, das kann er steuern. Den Inhalt weniger: „Und das ist es, was mich daran nach wie vor fasziniert. Das Wetter ist mit das Einzige, was der Mensch nicht beeinflussen kann. Und ich hoffe, dass es so bleibt. Denn wenn wir anfangen, uns darin auch noch einzumischen, dann ist es echt vorbei.“

Der Vogel Flüsterer

natur

Marco Wahl ist Berufsfalkner. Er hat 28 Greifvögel im Wiehler Tierpark Niederfischbach in seiner Obhut. In der Hauptsaison bietet er zwei Flugshows pro Tag an und verzaubert die
Zuschauer mit seinen Königen der Lüfte. 

Bernsteinfarbene Augen. Sie fixieren dich mit stechendem Blick. Dann fliegt der Adler los. Stürzt sich vom Baumstumpf. Segelt knapp über das Gras. Kurz vor dir steigt er wieder hoch in die Luft. Ein Windhauch. Mehr spürst du nicht, wenn er lautlos über deinen Kopf gleitet und behutsam auf seiner Hand landet. Die Hand von Marco Wahl. Wie er dazu kam, Falkner zu werden? 

„Da war ich noch ein kleiner Bub. Ich bin damals mit meinem Vater über die Landstraße gefahren und da saßen zwei Bussarde auf dem Asphalt. Der eine wurde überfahren und der andere saß daneben. Immer wenn der tote Bussard den Fahrtwind abbekommen hat, dann sah es so aus, als ob er fliegen würde. Der andere ist dann immer hoch geflogen, hat beobachtet und wohl gedacht, der andere lebe noch. Und sich dann doch wieder neben ihn gekauert. Das fand ich sehr interessant. Diese Bindung zwischen den Greifvögeln. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe viel zu den Vögeln gelesen. Und dann kam der Wunsch: Wenn ich groß bin, möchte ich einen Greifvogel im Garten haben.“ 

Erst begann Wahl eine ganz gewöhnliche Lehre. Nach seiner Zeit beim Bund lernte er dann einen Falkner kennen. Der stellte schnell fest, dass der junge Mann ein sehr gutes Händchen für Greifvögel hat. Marco Wahl schwenkte um, begann seine Ausbildung zum Berufsfalkner und schloss sie nach zweieinhalb Jahren erfolgreich ab. Seit zehn Jahren ist er selbstständig. Heute besitzt er 28 Vögel, die im Tierpark Niederfischbach zu Hause sind. Er hat nicht einfach nur Greifvögel. Er hat afrikanische Lannerfalken, Steppenadler, Bartkäuze, Mäusebussarde, Schnee-Eulen und sogar sibirische Uhus. Und jedes Tier hat einen Namen. „Bei der Namensgebung sind wir ein bisschen eigen. Ich habe jetzt mehrere neue Vögel. Da werden einem natürlich 7.000 Namen vorgeschlagen, aber das ist wie bei den eigenen Kindern. Das dauert ein bisschen, bis man den richtigen gefunden hat. Er muss passen!“

Marco Wahl hat zu seinen Greifvögeln eine immer intensivere Bindung aufgebaut. Wenn ein Vogel mal ausgeflogen ist und im Baum sitzt? „Da können die Kollegen stundenlang rufen, wie sie wollen“, sagt Marco Wahl und lacht. Ist er selbst vor Ort, kommen die Greifvögel in wenigen Sekunden zu ihm runter. Er ist ihre Bezugsperson. Ihm vertrauen sie. Nach so vielen Jahren kann er am Schrei des Vogels erkennen, ob es sich um den Hubert, den Franz oder den Siggi handelt. Bei allen 28 Schützlingen. 

Der Klang der Rufe sei so unterschiedlich wie beim Menschen die Stimme.

Dass ein Vogel während einer Flugshow auf einen Ausflug geht, kommt nicht selten vor. Im Tal des Tierparks kennen sie sich aus, alles, was sich hinter den Hügeln befindet, ist Neuland. Steppenadler Toni war mal eine Woche auf Tour. Wie er kommen die Vögel meistens alle von alleine zurück. Manchmal wird Marco Wahl auch angerufen und muss seine Vögel irgendwo auflesen und nach Hause holen. „Ich sage immer, die haben alle ein Glöckchen am Bein, und wenn scheinbar der Weihnachtsmann über euer Haus fliegt: Dann wisst ihr, der gehört mir. Trotzdem werde ich wegen jedem Mäusebussard angerufen.“ 

Als Berufsfalkner hat Wahl eine Menge Aufgaben. Sein typischer Arbeitstag sieht so aus, dass er mit seinen Greifvögeln Tauben aus Gebäuden vertreibt. Er startet am Kölner Dom und lässt für zwei, drei Stunden seine Wüstenbussarde und Falken fliegen und Präsenz zeigen. Die holen alle Tauben aus den kleinsten Winkeln des Doms. Im Idealfall trauen sie sich nicht noch mal wieder rein. Dann geht es weiter zum Köln-Bonner Flughafen. Vor Ort unterstützt er andere Berufsfalkner, die Elstern und Tauben vertreiben sollen. Nach drei bis fünf Stunden fährt er mit seinen Vögeln im Gepäck zu weiteren Firmenhallen.

Ein üblicher Tag von Marco Wahl ist lang – 16 Stunden im Durchschnitt. Da bleibt wenig Zeit für seine Greifvögel in Niederfischbach. Deshalb hat er die Unterstützung von Luisa. Sie ist angestellte Falknerin und übernimmt die meiste Arbeit im Tierpark. Täglich wird jeder Vogel mindestens ein Mal auf die Hand genommen. Es wird geschaut, ob alle gesund sind. Und sie werden fliegen gelassen und intensiv trainiert. Nur so entsteht das Vertrauen zwischen Falkner und Vogel. Nicht jeder kümmert sich so fürsorglich um seine Greifvögel. Marco Wahl arbeitet eng mit den Behörden zusammen, nimmt Vögel auf, die nicht artgerecht gehalten werden und in Missständen leben. „Wir päppeln sie auf und trainieren sie. Und in der Regel ist es dann so, dass meine Mitarbeiter sich Hals über Kopf in diese Greifvögel verlieben – und dann müssen die ‚leider’ da bleiben.“ 

Während seiner Flugshow schallt Marco Wahls Stimme durch das ganze Tal. Er erzählt Anekdoten von seinen Greifvögeln. Witzelt mit den Zuschauern. Entertainment mit Herz und Sachverstand. Klar, dass die Besucher auch mal eine Schnee-Eule im Nacken streicheln dürfen, bis sie zuckersüß schnurrt. Als Tierparkbesucher merkt man schnell, dass Marco Wahl hier sein Element gefunden hat. Er hat sich den Traum verwirklicht, den er schon als Kind hatte.

Ein Sturm zieht auf

musik

Von der Tributeband zur Hardrockformation mit eigenen Songs: Freakstorm aus Gummersbach haben eine EP vorgelegt, die Lust auf viel mehr macht. Auf Liveshows. Und auf ein Album.

Sieht verdammt gut aus, das brennende Brautkleid auf dem Cover der ersten EP. Mutig, provokativ und vor allem hochprofessionell inszeniert. So wie das Video zu „Can‘t keep me down“. Überhaupt dieser Song: Eine Hardrock-Nummer aus einem Guss. Kraftvoll, mitreißend, großartiger Chorus, starke Lyrics. Dann der Blick auf die Website – die Bandstory, die gesamte Menüführung, alles in Englisch. Moment mal, kommt diese Band nicht von hier? Aus Gummersbach? Ja, kommt sie. Aber Freakstorm hat sich einen internationalen Anstrich verpasst, der dieser Band nicht nur gut steht, er liegt geradezu auf der Hand. Denn die EP mit ihren sechs Songs, die Ende Oktober erschienen ist, klingt so ausgereift, als hätte die Band in den letzten Jahren nichts anderes gemacht, als eigene englischsprachige Rocksongs zu produzieren.

Foto: Marcel Fuderholz

Hat sie aber. Die Gründungsmitglieder um Sängerin und Songwriterin Sinah Meier, Drummer OIiver Fuchs, die Gitarristen Dirk Weidmann und Toby Wendeler sowie Bassist Marc Bremer machen seit ihrer Jugendzeit Musik – nur war es früher nicht diese. Klar, rockig war es in diversen anderen Bands. „Aber mit diesen Songs, wie wir sie jetzt schreiben und produzieren, haben wir unsere Traummusikrichtung gefunden“, stellt Oliver Fuchs klar, der für Freakstorm nicht nur am Schlagzeug sitzt, sondern auch einen Großteil der Öffentlichkeitsarbeit übernimmt. Das wiederum so engagiert, dass die neue EP der Band unter anderem in bekannten Szenemagazinen wie ROCKS und BreakOut vorgestellt wurde, die Musikvideos im Internet viral gingen und auf Facebook einige zehntausend Menschen erreichten. Das neue Freakstorm, es ist nicht regional gedacht, sondern soll Rockfans auf der ganzen Welt erreichen. 

Moment – wie jetzt, wieso neu? Und was war dann vorher? Die Tributeband. Denn der Bandname kommt nicht von ungefähr. Er huldigt der amerikanischen Rockband Halestorm, die wiederum nach dem Nachnamen von Leadsängerin Lzzy Hale benannt ist. „Wir mögen die Songs der Band, also haben wir Freakstorm als Tribute gegründet und die Stücke gecovert“, erzählt Oliver Fuchs. Ausgerechnet bei einem Treffen mit der Band Anfang 2017 ergab sich eine ganz neue Richtung: Sängerin Sinah inspirierte die Begegnung zum eigenen Song „We got the fire“. Freakstorm nahmen ihn auf, und Sinah Meier, die vorher schon viele Songs geschrieben hatte, nur keine Rockstücke, merkte: Da geht was. Ihre Bandkollegen merkten das auch und fanden mit dem erfahrenen Produzenten Dennis Ward, einem gebürtigen Amerikaner, der auch schon Metalbands wie Unisonic und Sänger wie Bob Catley produziert hat, den richtigen Partner. Er machte mit der Band aus guten Songs noch bessere. Und der Gummersbacher Produzent Oliver Fennel brachte sie in seinem Label heraus. Rock made in Gummersbach – im halben Dutzend. 

Warum kein ganzes Album? Weil Sinah Meier und Oliver Fuchs in diesem Jahr stolze Eltern einer kleinen Tochter wurden. Die EP indes ist so gut gelungen, dass es nur eine Frage der Zeit (und der Nächte, in denen man wieder durchschlafen kann …) sein wird, bis das komplette Album erscheint.

Songideen hat Sinah Meier genug. Die nimmt sie per iPad zunächst selbst auf, die anderen Bandmitglieder geben ihre Ideen dazu, gemeinsam entstehen die Stücke. Das ist nicht immer einfach, wie etwa bei „Payback Time“, an dem Freakstorm über Wochen herumfeilten. Die Geduld hat sich ausgezahlt: Besagtes ROCKS-Magazin hat den Song auf seine Promo-CD genommen, die mit dem Heft verkauft wird. Ein Freakstorm-Song, der tausendfach die Leser und Hörer erreicht – eine bessere Werbung gibt es nicht. 

Foto: Doris Gassner

Geht da bald noch mehr? Wird aus dem Hobby, der Leidenschaft, ein Beruf? „Vor 25 Jahren hätte ich jetzt gesagt: Ja, schauen wir, was geht. Aber heute stehen wir alle im Leben“, antwortet Oliver Fuchs. „Und es ist auch ganz gut, wenn man davon nicht leben muss, sondern es so machen kann, wie man möchte“, ergänzt Gitarrist Dirk Weidmann. Sängerin Sinah Meier zögert kurz. „Och, so ein Träumchen ist da schon noch“, sagt sie und lächelt. Freakstorm haben die komfortable Situation, dass alle Bandmitglieder feste Jobs haben, also von der Musik nicht leben müssen. Diese Musik ist wiederum so gut, dass sie es womöglich irgendwann könnten. 

Vielleicht fegt ja in einigen Jahren ein oberbergischer Sturm über die Rockbühnen Europas? „Wir lassen die Kirche im Dorf und machen einen Schritt nach dem anderen. Und freuen uns über jeden Fan aus der Szene, dem unsere Musik gefällt“, gibt sich Oliver Fuchs bewusst bescheiden. Keine Frage: So bald wie möglich werden Freakstorm die neuen Songs auch live performen. In der Region. Und dann sicher ganz schnell auch anderswo. Denn der melodiöse, top-produzierte Hardrock aus Gummersbach ist verdammt gut. Und als EP bei Saturn und auf Amazon zu haben.

 

Seine Worte voll Magie

porträt

Er ließ Martha tanzen. Und sie tanzt weiter. So wie Tom Saller  aus Wipperfürth weiter schreibt. Er hat „Ein neues Blau“
erschaffen und weiß schon, wie die nächsten Bücher
sein werden. Und warum es gut ist, nicht nur als Schriftsteller, sondern auch weiter als Psychotherapeut zu arbeiten.

Wer ist er, dieser Tom Saller? Und wie ist er? Man kennt ihn in Wipperfürth als Psychotherapeut, der auf der Gaulstraße seit Jahren eine eigene Praxis betreibt. Man kennt ihn als Saxophonisten einer Jazzband, bei deren Auftritten er gerne mal richtig Gas gibt. Vor allem kennt man ihn aber als erfolgreichen Autor, dessen Bücher deutschlandweit in jeder Buchhandlung zu finden sind. Die auf den Spiegel-Bestsellerlisten stehen. Seit vielen Wochen. Tom Saller ist vieles. Vor allem eins: wunderbar entspannt. Er ruht in sich. Wenn er erzählt, von sich, vom Schreiben, vom Leben, dann möchte man ihm ewig weiter zuhören. 

Schon seit seiner Kindheit sind Bücher ein Teil seines Lebens. Nicht selten bedient er sich am Bücherregal seiner Eltern. Im Teenageralter beginnt er, eigene Songs und Gedichte zu schreiben. Auch Gedichte über Liebe, na klar. Nach dem Abi dann eine ganz andere Richtung: Saller beginnt ein Medizinstudium. Da ist dann plötzlich keine Zeit mehr für Poesie und Phantasie: „Medizin ist ein ausgesprochen unromantisches Studium. Naturwissenschaftlich, was mir eigentlich gar nicht liegt. In der Zeit habe ich nichts geschrieben. Und als später unsere Söhne geboren wurden, da hatte ich plötzlich den Eindruck: Mein Herz ist so voll. Ich begann, ganz kurze Vignetten zu schreiben. Vier, fünf Sätze. Länger waren die gar nicht.“ 

Doch da steckt viel mehr in ihm. Ein ganzer Roman. So wie in Volker Kutscher ganze Romane stecken. Die beiden spielen zusammen Doppelkopf, seit vielen Jahren schon. Und zu sehen, wie aus dem ehemaligen Redakteur Kutscher ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, faszinierte Tom Saller: „Ich kannte bis dato keine Schriftsteller, und die Vorstellung war für mich unmöglich, dass ein echter Mensch ein Buch schreiben könnte. Ich glaube, dies hat mich ermutigt. Und dann habe ich mich hingesetzt und losgeschrieben.“ Was mancher nicht weiß: „Wenn Martha tanzt“ ist nicht sein erster Roman. Da schlummern noch zwei Werke in der Schublade, ein Krimi und ein Thriller. 

Aber der Durchbruch kam eben mit Martha. Die Taschenbuchausgabe der bewegenden Geschichte aus der Bauhaus-Ära ist gerade in siebter Auflage erschienen. Wie er den Roman geschrieben hat? „Mit Magie.“ Anders kann er sich das nicht erklären. „Bei Lesungen denke ich manchmal: Das ist nicht von mir, das habe definitiv nicht ich geschrieben.“ Doch, hat er. Ganz anders war es bei „Ein neues Blau“. Diesmal musste er ein Exposee schreiben, diesmal hatte er einen Abgabetermin – diesmal hatte er auch eine vierwöchige Schreibblockade. Der Druck des zweiten Buches nach dem Sensationserfolg? Ja, er spürte ihn. Doch er überwand die Blockade. 

Seine erste Leserin und Kritikerin ist immer seine Frau. Im gemeinsamen Sommerurlaub entstand die Idee zu
„Ein neues Blau“, seine Frau trug viel dazu bei. Und Tom Saller entdeckte bald: „Irgendwann entwickeln die Figuren ein Eigenleben und dann darf man dem nicht im Wege stehen. Wenn ich das Gefühl habe, die Figuren müssen etwas Bestimmtes sagen, dann lasse ich das zu, weil es später eine Bedeutung haben wird.“ Tom Saller schreibt anders. Typisch für ihn ist eine verknappte, präzise Sprache. Seine Leser schätzen seinen Schreibstil. Er hat Wiedererkennungswert. Er berührt. „Sie werden in meinen Romanen relativ wenig über das Wetter oder die Natur finden. Wenn da ein Baum steht, dann schreibe ich, da steht ein Baum. Keine Eiche, keine Buche. Der Himmel ist entweder blau oder grau, da sind dann keine Schäfchenwolken, die einen Salto aufführen.“ Seine Lektorin schätzt diesen Stil als echtes Alleinstellungsmerkmal. 

Es ist auch dieser Stil, der vor einigen Jahren seine Agentur überzeugte. So sehr, dass sie das Manuskript zu „Wenn Martha tanzt“ schon kurz, nachdem er es vorgestellt hatte, an die Spitze ihrer Neuvorstellungen fürs kommende Jahr setzte. Schließlich erhielt der renommierte Ullstein-Verlag den Zuschlag. 

Wie aber kam Saller überhaupt an die Agentur? „Durch Zufall und mit purem Glück“, sagt er heute. Schon mit seinem Krimi, der bis dato nicht veröffentlicht wurde, ging er vor einigen Jahren auf Agentursuche: „Ich habe damals recherchiert und schnell gelernt: Ein Manuskript blind an einen Verlag zu schicken, wird kaum funktionieren.“ Also besser zuerst zu einer Agentur. Was für so manchen Autor allerdings auch erst mal nicht funktioniert – achtzig Absagen sind keine Seltenheit.

Saller suchte sich die zehn besten Agenturen in Deutschland und die dritte nahm ihn als Autor unter Vertrag. Auch wenn der Krimi sowie ein später nachgeschobener Psychothriller, den Saller selbst für nicht ausgereift hält, es nicht bis zu einem Verlag schafften – bei der Agentur blieb er. Und mit Martha änderte sich alles. Nie hatte Tom Saller den Masterplan, Schriftsteller zu werden. Dann der Erfolg. 

Ist da nicht die Gefahr groß, dass man abhebt? Nicht bei Tom Saller, der sehr selbstreflektiert erzählt: „Vor 25 Jahren vielleicht. Da wäre ich vermutlich zu einer unangenehmen Person geworden. Heute bin ich 52 Jahre alt und sehr geerdet. In der Tiefe verändert dieser Erfolg gar nichts, zumal ich ja immer noch die Praxis in Wipperfürth als Korrektiv habe. Die führe ich unverändert fort, auch mit derselben Patientenzahl. Aber an der Oberfläche kitzelt es schon meinen Narzissmus. Ich gehe auch gerne mal auf Patrouille in die Buchhandlungen der Region und schaue da nach meinen Büchern“, sagt Tom Saller mit einem Augenzwinkern. Schriftsteller und Therapeut sein, das will Saller auch in Zukunft, denn beides bereitet ihm große Freude, und er bekommt dieses Arbeiten in zwei Welten auch gut hin. Die Romane drei und vier sind schon geplant, auch inhaltlich.

Das Schreiben – für ihn Lust und Leidenschaft. So wie auch die Lesetouren, von Sylt bis Stuttgart und gerne auch durch die Heimat. Gerne tritt er mit seinem Sohn auf, der zwischen den Lesepassagen Songs spielt. Tom Saller liebt den direkten Kontakt zum Publikum, in Gesichter schauen, Emotionen und Reaktionen sehen. Mit Menschen ins Gespräch kommen, mit ihnen differenziert über seine Bücher sprechen. Was er dagegen gar nicht mehr haben kann, ist das Lesen von Rezensionen. Denn viele sind plump und eindimensional: „Normalerweise bin ich durchaus kritikfähig, ich würde gerne mit jedem Kritiker diskutieren, aber ich kann ja nicht allen antworten. Und wenn dann jemand schreibt, ihm gefalle das Buch nicht, ohne das zu begründen, bin ich ohnmächtig. Deshalb lese ich lieber keine Rezension mehr. Um mich zu schützen.“

Was ist eigentlich aus der Doppelkopfrunde geworden, zu der ja auch Volker Kutscher zählt? Früher hat sich die fünfköpfige Truppe alle vier Wochen getroffen. Heute muss sie ein Jahr im Voraus über Doodle einen Termin machen, um alle unter einen Hut zu bekommen. Aber eins ist klar, wie Tom Saller unterstreicht: „Der Termin steht dann auch. Und er ist uns heilig.“

 

Machen!

Im Oktober hat er ein Heimspiel. Und Heimspiele sind immer etwas Besonderes. Du kennst halt so ziemlich jeden, der da im Publikum sitzt. Mit vielen verbindet dich eine Geschichte. Gemeinsames Arbeiten. Lange Gespräche. Viel Schönes. Und manches, das nicht so schön war. Wie das eben so ist. Vielleicht sitzen da auch ein paar Leute, die vor Jahren aus Stefan Hagens Lebenszug ausgestiegen sind und jetzt mal schauen wollen, was er denn so macht. Der Hagen, der mal bei der Stadt Wipperfürth verbeamtet war. Der Geschäftsführer der WEG wurde, sie quasi mitbegründet hat. Der später dann, da schon als Coach, plötzlich im Privatfernsehen auftauchte, fast 13 Monate lang. Ja, wovon wird er wohl erzählen, wenn er bald vor die Wipperfürther Unternehmer tritt? Als Keynote-Speaker bei deren Vollversammlung? Motive stehen fest, Episoden, Fragmente. Und natürlich das Leitmotiv: Mut zum Machen, zum Handeln. Denn es ist sein Lebensmotiv, nicht erst, seit der Wipperfürther als Businesscoach und Speaker erfolgreich ist.

Ja, und vielleicht erzählt er auch von jenem Abend im Jahr 2015, als er in einem Krankenbett lag. „Wollen Sie sich jetzt wirklich damit beschäftigen, woher der Tumor kommt, Herr Hagen? Und was bringt Ihnen das dann? Dass Sie noch mehr grübeln? Ich brauche Ihre Energie morgen. Den Tumor kriegen wir raus, aber die Blutung wird heftig sein. Sie müssen also bei Kräften bleiben.“ So in etwa hat sich der Arzt damals verabschiedet bis zum nächsten Morgen. Stefan Hagen hat die Momente danach noch genau vor Augen: „Und dann lag ich da und dachte: Okay, wenn du das also morgen hoffentlich schaffst – wofür willst du aufstehen? Für das?“

Als wenige Wochen zuvor die Kopfschmerzen begonnen hatten, deren Ursache auf einen zum Glück gutartigen Tumor im Stirnbereich zurückging, war „Das“ an sich eine ganz erfolgreiche Kiste: Stefan Hagen war zu dieser Zeit fast ausschließlich als Speaker unterwegs. Er tourte durchs Land, stand auf der Bühne, sprach zu den Menschen, hatte auch ein nicht unerfolgreiches Buch geschrieben.

Und er hatte sich kurz zuvor von einem dieser nicht ganz billigen, dafür scheinbar allwissenden Marketingexperten beraten lassen, dass nur Ganz oder Gar nicht gehe, wenn er auf den Bühnen durchstarten wolle, dass er nur „Der Speaker“ sein könne, der Menschen mit seinen Reden mitreißt. Das und Ende. Stefan Hagen folgte diesem Rat, gab einige der Kunden ab, die er bis dato erfolgreich beraten hatte, konzentrierte sich fast ausschließlich auf die Auftritte. Ja dann … machen wir doch einfach so weiter, oder? Die OP gut überstehen und bald wieder rauf auf die Bühne? Die nächsten, sagen wir, 20 Jahre? „Das war mir nicht mehr genug“, erinnert sich Stefan Hagen.

Denn er hatte immer direkt mit Menschen zu tun. In der Stadtverwaltung von Wipperfürth, wo einst seine berufliche Laufbahn begann. Wenngleich ihm der Status „Beamter auf Lebenszeit“ schon vom ersten Tag an suspekt vorkam. Weshalb er sich, wenn auch erst Jahre später, ja selbstständig machte. Später dann, in den Jahren 2008/2009, machte er vor laufender Kamera für die Coaching-Soap „Hagen hilft!“ Handwerker und kleine Unternehmen fit. Ein Höllenjob, für den er an manchen Tagen so rasend schnell durchs ganze Land flog, fuhr und wieder flog, dass ihm Hören und Sehen verging. 45 Folgen in drei Staffeln, ewig lange Dreharbeiten, Sonderwünsche der Regisseure und der Redaktion und dann … der Schnitt. Der so manches, was Stefan Hagen zuvor mit den einzelnen Unternehmern besprochen hatte, doch ein bisschen anders darstellte. Entertainment halt. Da darf das Wahrhaftige, die Beratung, die echte Hilfe für Menschen, die Stefan Hagen am Herzen lag und liegt, auch gerne mal hinten rüberfallen. Gutes Geld hat er beim Fernsehen zwar verdient. „Aber nach diesen 13 Monaten war ich auch fertig“, sagt er heute. Trotzdem: Auch zu dieser Zeit hat er mit und für Menschen gearbeitet. Und dann also in den Jahren danach diese neue Karriere als reiner Speaker. Davon gibt es bekanntlich eine ganze Menge im Land, manche können es, manche nicht. Sie machen es trotzdem, und wer jetzt gerade an das Kölner Start-up „Gedanken tanken“ denkt und an die ausverkauften Rednernächte in der Lanxess-Arena und sich fragt, wie man es da wohl auf die Bühne schafft, dem sei gesagt: Die meisten bezahlen dafür.

Stefan Hagen indes lebte davon, ganz gut auch. Dann kam Anfang 2015 der Kopfschmerz. Der Schock: ein Gehirntumor. Die Einweisung ins Krankenhaus. Jener Abend vor der OP. Und diese Frage: „Wofür willst du morgen aufstehen?“ Er fand die Antwort noch in der Nacht: „Um Menschen zu unterstützen. Um ihnen in ihrem Business, mit ihrem Unternehmen zu helfen.“ Die Operation verlief glatt, die Ärzte entfernten den Tumor komplett. „Schon nach einigen Tagen hatte ich meine ersten beiden Businesskunden wieder“, erzählt Stefan Hagen heute. Den Marketingexperten hatte er dafür nicht mehr. Heute weiß er: Den braucht er auch nicht. Denn er selbst hat durch seine Coaching-Ausbildung, sein BWL-Studium, zahlreiche Fortbildungen, seine Erfahrung und seine enorme Menschenkenntnis alles, was er braucht, um sich als Businesscoach UND Speaker selbst zu vermarkten. Wofür braucht er ein „Oder“?

Vor allem hat er ein wunderbares Interesse. Daran, wie andere Menschen arbeiten, ticken, Dinge gestalten und verändern.
In den ersten zehn Minuten des fast zweistündigen Interviews mit ENGELBERT geht es gar nicht um ihn. Als der Schreiber dieser Zeilen (wie so oft auf den letzten Drücker) eintrifft, fragt Hagen ganz entspannt: „Gestresst? Wieso? Erzählen Sie doch mal.“ Das Tolle daran: Das ist keine Attitüde, es ist echt. Stefan Hagen liegen diese tiefgründigen Gespräche, bei denen die Zeit einfach mal keine Rolle spielt, am Herzen. Er liebt es, Menschen zu lesen, zu reflektieren, ihre Herausforderungen und Fragestellungen einzuordnen, sie in ihrem jeweiligen Hier und Jetzt abzuholen. Und sie dann individuell zu coachen. Ganz gleich, ob sie Einzelkämpfer sind oder Geschäftsführer eines Zweihundert-Mann-Unternehmens.

Gut möglich, dass er mit ihnen dann viermal im Jahr einen halben Tag verbringt, gerne im Haus Hammerstein, weil er die Atmosphäre dort ebenso schätzt wie den inklusiven Gedanken des Teams. Oder sie ein einziges Mal trifft, vielleicht in einem Strandkorb an der Nordsee. Oder mit ihnen mehrere Tage am Stück zusammenarbeitet und dann erst nach einem Jahr wieder. Wichtig dabei ist eines: Dass Potenziale, die vielleicht seit einiger Zeit dahinschlummern, erkannt, (re-) aktiviert und genutzt werden. Dass Menschen das tun, was sie am besten können. Dass sie Macher werden.

Und: Dass sie lernen, sich zu entscheiden, ganz gleich, wie schwierig eine Situation ist. Das ist gar nicht so einfach, denn: „Wer sich für etwas entscheidet, der schließt damit automatisch eine Vielzahl von anderen Alternativen aus.“ Hätte, hätte, Fahrradkette hilft keinem weiter. Was, wenn Stefan Hagen, der Diplom-Betriebswirt, städtischer Beamter geblieben wäre? Was, wenn er weiter Fernsehen gemacht hätte? Fragen, die sich der Wipperfürther, der seiner Heimatstadt die Treue hält, seit er denken kann, nicht stellen muss. Denn es ist ja gut so, wie es ist.

http://www.stefan-hagen.com

 

 

Die Bühne und sie

Kennen Sie auch diese Menschen, die begeistert von ihrem Tun und Schaffen erzählen, und Sie fragen sich: Hey, wo nimmt er oder sie die Zeit nur her? Haben da die Tage mehr Stunden als bei mir? So ein kreativer und produktiver Mensch ist Sabrina Schultheis auch. Als ENGELBERT im Frühjahr von der neue Alice-Inszenierung des Musical-
Projekt Oberberg (MPO) erzählte, für die die Gummersbacherin auch schon verantwortlich war, berichtete sie so wunderbar enthusiastisch von ihrer Arbeit, dass wir sie unbedingt nochmal wieder treffen mussten. Um mehr über sie zu erfahren. Und natürlich auch über ihr neues Projekt. Moment … Einzahl? Nee, Fehler.
Natürlich sind es gleich mehrere. Und von wegen Zeit. Es ist nicht so, als wäre Sabrina Schultheis als Lehrerin mit ihrer Fünf-Tage-Woche nicht ausgelastet. Oder mit ihrer neuen Tätigkeit als Mitarbeiterin in der Forschung und Beratung an der Uni Köln. Oder als Speakerin, die auf Einladung deutschlandweit über ihre inklusive Arbeit spricht. Sie lebt eben auch fürs Theater. Sie liebt es, Geschichten zu erzählen, sie aufzuschreiben, mit Leben zu füllen, mit Szene und Dialog. Und sie dann gemeinsam mit anderen weiterzuentwickeln.

Deshalb brennt sie auch für ihren Theaterjob in der Halle 32. Nur das MPO? Viel zu wenig. Deshalb leitet sie seit einigen Jahren auch eine Erwachsenen-Theatergruppe und eine inklusive Jugend-Theatergruppe, in der Schauspieler mit und ohne Behinderungen gemeinsam auf der Bühne stehen. Stücke erarbeiten. Und aufführen. So wie Ende September und Anfang Oktober an gleich vier Terminen (siehe Infokasten am Ende) mit dem neuen Stück „Das Harlekin-Syndrom.“ Eine ungewöhnliche Geschichte um eine verwitwete Mutter zweier Kinder, die einen neuen Mann kennenlernt, der sie jedoch verprügelt. Die Kinder wollen ihre Mutter vor dem Stiefvater schützen und sie als Krankenschwester in eine Heilanstalt vermitteln. Dort wird sie jedoch als Patientin eingewiesen …

Ungewöhnlich ist auch die Zusammensetzung: Denn das Stück wird in den beiden genannten Kursen parallel erarbeitet und am Ende dann zusammengeführt. Insgesamt 17 Darsteller sind beteiligt. Auch das macht Sabrina Schultheis aus: Wo manch anderer vielleicht abwehrend rufen würde: „Was? Wie soll das denn gehen? Noch dazu in einer inklusiven Gruppe?“, da sieht sie erst die Herausforderung, den Reiz und vor allem das Potenzial. „Es geht in dem Stück auch um Menschen mit Behinderung. Warum also sollten nicht Menschen mit Behinderung genau das spielen?“
Zumal sie als Regisseurin erkennt, was in den Menschen steckt, egal, welche Vorgeschichte sie mitbringen. Das Faszinierende, und, da ist Sabrina Schultheis sicher, deutschlandweit auch Einzigartige daran: Es spielt überhaupt keine Rolle, ob hier Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam Theater spielen. „Für mich sind das alles meine Schauspieler“, stellt sie klar. Natürlich: Sie muss stärker, individueller auf jeden Einzelnen, jede Einzelne eingehen, nach einem anstrengenden Tag in der Schule noch spätnachmittags bis abends alle Antennen hochfahren und wahrnehmen, was in ihren Darstellern gerade vorgeht. Was sie von wem wann erwarten kann oder wann es jemandem zu viel wird.

Apropos viel: Vier Aufführungen, ist das nicht ein bisschen too much? „Nachdem wir letztes Mal drei Vorstellungen hatten und ich Leute wegschicken musste, weil alles ausverkauft war, würde ich sagen – nein.“ Und die Frage nach dem Stress muss man Sabrina Schultheis erst gar nicht stellen. Jedes Mal das Lampenfieber. Jedes Mal, das liegt auch an der Besonderheit dieser Theatergruppen, eine gewisse Unberechenbarkeit. Jedes Mal das Loslassen, wenn die Schauspieler ihr Ding machen müssen auf der Bühne. Für Sabrina Schultheis eine pure, echte Freude. Sie will es so. Und sie hat auch schon konkrete Pläne für die nächsten Stücke. Oder schreibt sie vielleicht zuvor noch an einem neuen Buch? Vielleicht wird sie mit ihren Theatergruppen auch zur Preisträgerin, denn das Projekt „Harlekin-Syndrom“ hat sie für den Wettbewerb „Rauskommen 2019“ angemeldet.

Gut möglich auch, dass sie einige neue Ideen für ihren Schulunterricht entwickelt. Denn Ideen gehen Sabrina Schultheis nicht nur nie aus, sie sind auch oft sehr schnell da. Dann setzt sie sie um. Übrigens: Wer nicht lange zaudert, spart genau die Zeit, von der andere sich fragen, wieso sie ihnen fehlt. Sieht zurzeit alles ganz sonnig aus für Sabrina
Schultheis, die es in ihrem Leben indes nicht immer einfach hatte. Und die sich all das, was sie jetzt schon erreicht hat, hart erarbeiten musste. Vielleicht überschreibt sie all ihr kreatives Schaffen, all ihren Facettenreichtum auch deshalb nicht mit einem reinen Heiterkeitswort, sondern mit einem Motto, das so poetisch wie vielsagend ist: Wolkendinge.

 

Das Harlekin-Syndrom: 

Aufführungen am 29. September,
2., 4. und 6. Oktober
jeweils um 17.30 Uhr
in der Studiobühne der Halle 32.
Es spielen die Schauspielkurse inklusiv und Junge Erwachsene der Kulturwerkstatt32.

Karten an der Abendkasse oder vorab unter wolkendinge@web.de

DA geht was

So, ist gut jetzt. Genug gemeckert. Genug genörgelt. Genug gejammert. Wird Zeit nach vorne zu schauen. Anzupacken. Echt mal was zu bewegen. Davon sind immer mehr Wipperfürther überzeugt. Und packten an, Ende August, beim ersten WippWerk. Mehr als 50 Menschen kamen in der Kreissparkasse am Marktplatz zusammen und entwickelten in fünf Workshop-Gruppen erste Ideen für eine Hansestadt von morgen.

Wie es dazu kam? Das ist recht schnell erzählt: Frank Rütten, selbstständiger Immobilienmakler, äußerte im Wipperfürther Wirtschaftsforum den Wunsch, einmal auf neue Weise gemeinsam nach vorne zu schauen. Gas zu geben. Zum Wohle der Stadt. Marcel Willms von der BEW sah das direkt genauso. Und beide wurden aktiv. Verwandelten ein Businessfrühstück in ein Speeddating. Begeisterten mit Frische und neuen Ideen. Auch ENGELBERT-Textchef Daniel Juhr steckten sie an.

„Was können wir gemeinsam mit anderen Menschen aus der Stadt bewegen? Wie können wir Wipperfürth weiterentwickeln, damit endlich mal niemand mehr nur über Baustellen, Strukturprobleme und was auch immer mosert?“, fragten sich die drei, die im Wirtschaftsforum schnell einen Beinamen bekamen: Junge Wilde. Was nicht direkt aufs Alter gemünzt ist, sondern vielmehr auf eine frische, positive Art und Weise. Auch mal frech sein. Ideen einfach auf den Tisch legen, anstatt zu mauern. Darum geht es Rütten, Willms und Juhr sowie einigen weiteren Kreativen, mit denen sie gemeinsam das WippWerk erfunden haben. Eine Plattform, ein Netzwerk, auf dem Wipperfürth entwickelt werden soll. „Handel, Gastronomie, Dienstleister, Unternehmen, Vereine – in dieser Stadt steckt so viel Potenzial, das müssen wir nutzen. Und zwar jetzt“, unterstreicht Frank Rütten.

Einfach mal machen – auch darum geht es im WippWerk. Die über 50 Wipperfürther Macher und Mitmacher aus allen Branchen, die sich Ende August in der Kreissparkasse trafen, erarbeiteten auf beeindruckende Weise erste Ideen,
Konzepte, Visionen. Bei kalten Getränken und Fingerfood von Edeka Offermann wurden sie gemeinsam kreativ.
Auf eine solche Resonanz hatten die „Jungen Wilden“ gehofft, damit gerechnet hatten sie nicht, als sie wenige Wochen zuvor mit einer bewusst pointiert formulierten Einladung und dem dazu passenden kurzen YouTube-Video zum ersten WippWerk eingeladen hatten. Allein das Video klickten über 600 Bürger an, die Einladungen wurden auf Facebook in diversen Gruppen geteilt. Natürlich standen auch die Skeptiker schnell auf dem Plan: „Das WippWerk – eine Eintagsfliege?“, hieß es da auch mal. Daniel Juhr stellt klar: „Kommentare wie diesen nehmen wir mit einem Augenzwinkern – und sehen sie als Herausforderung.“

Und diese soll absolut ernst genommen werden: „Uns geht es um die Stadt und um Langfristigkeit. Wir wollen für Wipperfürth in den nächsten Jahren etwas bewirken“, sagt Frank Rütten. Und das zunächst auch, ohne dass das WippWerk eine feste Form hat. Vielleicht bilden sich viele kleine Netzwerke, die gemeinsam ins Machen kommen. Vielleicht erlebt Wipperfürth demnächst mal wieder einen großartigen Stadtevent – von Bürgern für Bürger, mit Streetfoodfestival und Top-Bands. Oder eine Start-up-Szene entsteht. Oder die volldigitale Rabattkarte für den Handel kommt. Oder ein ganz neues Ladenlokal. Oder der Tourismus wird angekurbelt. In diese Richtungen gingen schon die ersten Ideen. Oder, oder … denn Möglichkeiten gibt es viele. Hauptsache, das Ja-Aber-Sagen hört auf. Und nebenbei entsteht womöglich ein ganz neuer, starker, selbstbewusster Wipperfürther Lifestyle. Gummersbach macht das ja gerade ganz gut vor rund ums Steinmüllergelände. Um viel zu erreichen, braucht es Beständigkeit: Deshalb steht auch der Termin fürs nächste WippWerk schon fest: Donnerstag, der 24. Oktober, um 19 Uhr in der Alten Drahtzieherei. Dann wird weiter kreativ am Wipperfürth von morgen gearbeitet.

www.wippwerk.de

Story Teller Auf Reisen

Alle Fotos: Ingo Buerfeind

Came in from the west to the boats of the Highlands, took over the rudder, the band went aboard. First gig: At Benleva we played on the Nessbanks, our keel cut the waves and the water like Aragorn´s sword …“

Und so fährt sie, die Highland Commander, über schottische Seen, durch ein mystisches Land, auf dem Weg zu neuen Geschichten. Jene an Bord werden sie erzählen in eben diesem Lied. Denn es sind oft ihre Reisen, die Begegnungen, die Menschen, die Abende und Nächte und die Wunder der Natur um sie herum, die später zu großartigen Songs werden.

Da sind wir, auf dem Weg zum nächsten Konzert, und der Kiel des Schiffes schneidet so scharf wie Aragorns Schwert … dieses Schwert heißt Anduril, das weiß jeder, der das Ewigkeitswerk von J.R.R. Tolkien gelesen oder die Verfilmungen gesehen hat. So wie Tim Roderwieser, Michael Fliegner, Markus Blumberg, Hannes Landau, Andreas Schwarz, Arne Herbst und Aileen Fliegner.

Sie sind Anduril und ihr Bandname ist gleichermaßen eine Hommage an Tolkien und den Herrn der Ringe.
So wie auch der Proberaum in einer stillen Wohnstraße in Lindlar. Da trifft sich die Skyerish Folkrockband um Gründer und Leadsänger Tim Roderwieser einmal die Woche. Aragorns stechende Augen, der stolze Blick von Braveheart-Held William Wallace – und noch ungezählte andere Bilder, Poster, Schnipsel und Ausschnitte verstecken das alte Backstein. Aber der Blick verweilt nur kurz auf den Wänden. Schließlich geht es ja um die Menschen hier drin. Um ihre Musik. Und ihr großes Projekt, für das sie gerade wieder auf Reisen waren.

Schottland und die Highlands, das war schon vor einigen Jahren und noch vor dem aktuellen, dritten Album „Atlanterra“. Als ENGELBERT zu Besuch ist in Lindlar, sind Anduril gerade von einer Nordland-Reise zurückgekehrt, die nicht nur wegen der fantastischen Ziele undder ungewöhnlichen Konzerte mit befreundeten Musikern unter anderem aus Schottland und Norwegen so besonders ist. Sondern, weil sie zu etwas wirklich Großem gehört: „Nordic Circle“ – der nordische Kreis.

Ein Mammutprojekt (nicht nur, wenn man bedenkt, dass alle Bandmitglieder nebenberuflich Musik machen und zum Beispiel als Malermeister oder Grundschullehrer ihr Geld verdienen), das schon jetzt auf das zwanzigjährige Bestehen von Anduril im Jahr 2021 zustrebt. „In Zeiten, da auf der ganzen Welt wieder Mauern errichtet werden, möchten wir die Menschen verbinden, möchten Brücken bauen. Das ist uns wirklich wichtig“, sagt Tim Roderwieser. Die Idee ist schon vor einigen Jahren entstanden, diesmal während einer Tour durch Irland. Dort unterwegs zu sein, zu spielen und andere Künstler zu treffen, wo die Musik, die man selbst schreibt und spielt, ihren Ursprung hat – das inspiriert.

Warum nicht im Sommer 2019 durch Dänemark, Schweden und Norwegen reisen? Warum nicht mit anderen Musikern spielen? Mit Trude und Leif Johannessen zum Beispiel, die sieben Monate im Jahr am Hardangerfjord leben und die übrige Zeit … genau – in Marienheide! Warum nicht gleich fünf musikalische Partner mit ins Boot holen und mit ihnen gemeinsam über zwei Jahre hinweg ein Album aufnehmen, das natürlich auch „Nordic Circle“ heißen wird. Und am
6. November 2021, in mehr als zwei Jahren, in der Konzerthalle PZ in Lindlar mit einer mitreißenden Live-Show vorgestellt werden wird. Vor 700 Zuschauern.

Was für eine Projektidee. „So was macht man nicht jeden Tag. Und vielleicht würden wir das auch in zehn Jahren nicht mehr machen“, stellt Tim Roderwieser klar. Er weiß: Nach dem Tod von Gitarrist Johannes Koch Ende vergangenen Jahres war erst mal gar nichts klar. Was wird aus uns, was aus der Band, was aus diesem Projekt? „Er hat gewollt, dass wir weitermachen. Er hat immer gesagt: Spielt“, sagt Drummer Andreas Schwarz und seine Bandkollegen nicken. Die Reise von Anduril geht weiter. Gitarrist Markus Blumberg wechselte nach Kochs Tod von der Akustik- zur E-Gitarre.
Und er brachte seine Freundin Aileen Fliegner als neue Co-Sängerin gleich
mit in die Band. Sie ist wiederum die Tochter von Bassist Michael Fliegner. „Wir sind eine große Familie“, sagt der Mann mit der Heavy-Metal-Mähne und lächelt.

 

Ob Folk, Metal oder Hardrock – die Einflüsse, die jeder Einzelne in die Band mit einbringt, sind so vielfältig wie die Musik. Die wiederum, auch das ist klar, passt super auf ein Folkfestival, auch auf einen Mittelaltermarkt, aber nicht unbedingt aufs Schützenfest: „Wenn da einer an die Bühne tritt und sagt: Spielt doch mal was von den Bläck Fööss, müssen wir leider sagen: Nee.“ Nicht, weil Anduril, die unter anderem die Band Runrig als Vorbilder sehen, ergänzend zu den eigenen Stücken keine Cover-Songs spielen würden. Sondern weil sie es nach 18 Jahren Bandkarriere einfach nicht nötig haben, sich zu verbiegen. Sie machen schottischen und irischen Folk, und das verdammt gut. Kraftvolle, rockende Songs wie „Rungholt“, der eine verheerende Sturmflut aus dem Jahr 1362 thematisiert, oder der Titelsong des aktuellen Albums „Atlanterra“ mit seinem so einfachen wie eingängigen Gitarrenmotiv sind so ausgereift und zugleich von hohem musikalischem Anspruch, dass man ihnen ganz bewusst lauschen muss. Oberflächliche Schunkelmucke? Nicht mit Anduril.

Wenngleich Tim Roderwieser als einziger seit Beginn an dabei ist – so etwas wie den einen Mastermind gibt es bei Anduril erfrischenderweise auch nicht. Wer durchs wunderschön auf Alt getrimmte Booklet von „Atlanterra“ blättert, findet bei den Credits zu den einzelnen Songs den Namen fast jedes Bandmitglieds. Manchmal steht da auch einfach „Anduril“: „Dann haben im Grunde alle an diesem Song gearbeitet, das lässt sich bei uns oft gar nicht so trennen“, erklärt Tim Roderwieser. Für die Harmonie innerhalb der Band haben deren Mitglieder über die Jahre die richtige Balance gefunden. Niemand muss damit Geld verdienen; wenn die CD-Verkäufe und rund zwölf Konzerte im Jahr genug Geld fürs Equipment und die nächste Konzertreise einspielen, ist das völlig okay. Und wenn, nachdem man alles wie immer selbst organisiert und gecheckt und dann zwei Stunden lang auf der Bühne gestanden hat, einer mal für den Rest des Abends die Nase voll hat und seine Ruhe haben will, dann ist das eben so.

Morgen ist auch noch ein Tag. Und doch sind es bei Anduril vor allem die Abende, die voller Magie stecken. Wenn die Zuschauer auf der Insel Pellworm, von denen einige die Band noch nie gehört und gesehen haben, begeistert applaudieren. Wenn die sieben Musiker und ihre Gäste in zwei Jahren 700 Menschen in Lindlar feiern werden. Und immer dienstags, wenn sie im Proberaum gemeinsam an ihren Songs arbeiten. So wie jetzt. ENGELBERT bleibt noch einen Moment. Lauscht dem ersten Lied. Und dem nächsten. Und dem nächsten. Und … freut sich jetzt schon auf den 6. November 2021. Auf all die Auftritte, die bis dahin sicher noch kommen. Und all die Bandgeschichten, die früher oder später zu neuen Anduril-Songs werden.