Schutz auf kreative Art

kooperationen

Das Karin Glasmacher-Modelabel aus Engelskirchen und Wiehl stattet die Bielsteiner Erzquell-Brauerei mit individuell gestalteten Mund-Nasen-Masken aus – eine oberbergische Zusammenarbeit, von denen es noch viel mehr geben müsste.

Foto: C.Rothe

Was hat ein Damenmodehersteller aus Wiehl und Engelskirchen mit einer Brauerei in Bielstein zu tun? Bei dieser Frage hätte man vor Monaten noch die Schultern gezuckt. Hm … nix? Oh doch. Spezielle Zeiten erfordern ungewöhnliche Kooperationen. So wie diese: Karin Glasmacher, einzigartig in der Region mit hochwertiger und zeitloser Damenmode, hat schon zu Beginn des Lockdowns im März umgeplant. „Mode ist unsere Leidenschaft, aber ungewöhnliche Zeiten erfordern Flexibilität und Einsatz. Wir haben das Know-how, wir haben die Maschinen, was lag da näher, als Alltagsmasken anzufertigen“, erklärt Geschäftsführer Georg Konrad. So kreativ wie beim Entwerfen und Herstellen der Damenmode ist er auch bei den Masken. Die gibt es in den verschiedensten Farben und Looks als kölsche Edition mit Sprüchen in rheinischer Mundart oder aber auch im Corporate Design mit Logo-Aufdruck für Unternehmen. Stichwort Brauerei: Die Mitarbeiter von Erzquell in Wiehl, insbesondere im Außendienst und in der Logistik, brauchen ständig Masken. Zuerst haben sie die selbst genäht. Jetzt haben sie neue von Konrad – inklusive des Slogans „Heimat ist für uns Zusammenhalt“ – und dieser meint die Unternehmen untereinander als auch die Verbraucher vor Ort. Christian Teipel Werbung und Werbetechnik aus Engelskirchen hat den Druck ermöglicht.

Christina Rothe (Unternehmenskommunikation bei Erzquell) und Georg Konrad sehen in der Kooperation von regionalen Unternehmen eine Chance für nachhaltigen Erfolg. Erzquell hat seinen Gastronomiepartnern unter anderem Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt, welches im Bergischen hergestellt wurde. Es gelte, Zeichen zu setzen: „Hier gibt es so viele hervorragende Firmen und Manufakturen“, unterstreicht Konrad. „Gemeinsam können wir eine neue oberbergische Qualitätsmarke erschaffen. Mit Produkten und Leistungen, die hier in der Region entstehen – und die die Menschen vor Ort kaufen und wertschätzen.“ So wie Mode und Masken von hier. So wie das Bier von hier.

Neustart

immobilien

Pierre Schildberg ist seit Anfang des Jahres Inhaber von Schmitz Immobilienservice in Wipperfürth. Ein Gespräch über Verlässlichkeit, Markenaufbau und digitales Arbeiten in besonderen Zeiten

Beruflicher Neustart. In Zeiten wie diesen. Da sagt sicher nicht jeder: Jo, mach ich! Pierre Schildberg hat Ja gesagt. Seit Anfang des Jahres ist er der Inhaber von Schmitz Immobilienservice in Wipperfürth. Und was seit vielen Jahren geplant war, haben er und sein Schwiegervater und bisheriger Geschäftsführer Berthold Schmitz durchgezogen: Den Generationenwechsel. Was nicht heißt, dass Berthold Schmitz mit knapp sechzig in den Ruhestand geht. Beide haben sich die Projekte, die sie betreuen, aufgeteilt. Berthold Schmitz ist nach wie vor im Büro und steht immer mit Rat und Tat zur Seite. Das Know How aus 25 Jahren Erfahrung möchte der neue Inhaber auch nicht missen und ist froh, darauf noch einige Jahre bauen zu können. Der Firmenname wird selbstverständlich bleiben, wie der gebürtige Berliner Pierre Schildberg unterstreicht: „Ich selbst bin jetzt zehn Jahre hier, habe an dieser Marke mitgebaut. Klar, dass der Name bleibt. Und auch unser Standort in der Wipperfürther Innenstadt. Der ist optimal.“ Was macht die Marke Schmitz aus? Pierre Schildberg zögert keine Sekunde: „Dass wir vor Ort sind, dass wir verlässlich, verbindlich und transparent arbeiten. Wir verwalten insgesamt 1600 Wohneinheiten und haben bei unseren Kunden wie auch den Institutionen den Ruf: Was von Schmitz bearbeitet wird, daran gibt es nichts zu meckern. Und das soll so bleiben.“ Dafür sorgt inzwischen ein zehnköpfiges Team. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren die eigene Auszubildende übernommen, eine weitere Mitarbeiterin eingestellt und somit nach den guten Jahren in der Immobilienwirtschaft nachhaltig ins eigene Unternehmen investiert – in Fachkräfte. 

Das hat sich in den letzten Monaten ausgezahlt, als bereits fest vereinbarte Eigentümerversammlungen abgesagt und zum Teil digital veranstaltet werden mussten. Und als die Arbeit im Homeoffice ausgebaut und für alle Mitarbeiter ermöglicht wurde, sowie diverse Abrechnungen viel eher gemacht wurden als sonst, weil auch die Kunden plötzlich mehr Zeit hatten sich damit zu befassen.  „Dass wir zum 31. Mai schon 98 Prozent unserer Wohnungseigentümer-Gemeinschaften abgerechnet haben, gab es glaube ich noch nie“, sagt Schildberg mit Stolz auf sein Team. Schnelle, digitale Prozesse wie eine Online-Kassenprüfung und die Videomeetings halfen dabei. 

Apropos digital: Ob sich Tools wie virtuelle Hausführungen für potenzielle Käufer in den kommenden Jahren durchsetzen werden? Als Ergänzung ja, aber Pierre Schildberg stellt klar: „Ein Haus oder eine Wohnung kaufen Sie nicht am Rechner. Das ist eine Gefühlsentscheidung, bestenfalls eine für Jahre, und dafür müssen sie das echte Objekt sehen und erleben.“ Um die Kunden dabei zu beraten, und, so sie denn Wohnung oder Haus als Kapitalanlage sehen, diese zu verwalten, ist Pierre Schildberg mit seinem Team da. Jetzt und in Zukunft: „Ich arbeite gerne und es war immer mein Ziel, dieses Familienunternehmen in die zweite Generation zu führen.“

Es geht weiter

kultur

134 Veranstaltungen haben Martin Kuchejda und sein Team
von der Halle 32 in Gummersbach abgesagt. Haben Reparaturarbeiten in und an der Halle vorgezogen. Jetzt beginnen wieder Veranstaltungen. Anders als zuvor. Mit mehr Auflagen. Mit weniger Zuschauern. Und großen Herausforderungen.

Herr Kuchejda, was hat Ihr Job als Leiter der Halle 32 und der Ihres Teams im Moment mit einer Punkband zu tun?

Dass wir beim Machen lernen. In den frühen Punkbands haben die Gitarristen im Grunde erst auf der Bühne das eigentliche Spielen gelernt. Wir müssen nun bei den ersten Veranstaltungen, die wir nach den Monaten, in denen wir schließen mussten, wieder anbieten werden, auch lernen. Und das obwohl wir uns natürlich seit Wochen die Köpfe über das „Wie“ zerbrechen, bis sie rauchen. Wie Helmut Schmidt einst sagte: Du kommst leicht rein, aber schwer wieder raus.

Wie kommt die Halle 32 denn wieder raus, um im Bild zu bleiben?

Wir werden am 28. Juni unsere Musical-Eigenproduktion Kuno Knallfrosch nachholen, die vom April verschoben wurde. Dann geht es im Herbst weiter. Alles unter Einhaltung der strengen Hygienevorschriften und Abstandsregelungen. Das bedeutet bei Theaterstücken und Konzerten zum Beispiel, dass wir von insgesamt 323 Sitzplätzen nur 107 besetzen dürfen. Und das ist noch viel; ich kenne Theater, die dürfen von 500 Plätzen nur 50 nutzen. Da ist es natürlich praktisch unmöglich, eine Veranstaltung unter wirtschaftlich akzeptablen Bedingungen anzubieten.

Sie setzen das Programm zum Glück trotzdem fort. Schwierig dürfte das bei größeren Konzerten und allem werden, was mit Rockmusik zu tun hat, oder?

Wir könnten jetzt aufklebbare Punkte kaufen und als Markierungen auf den Boden setzen. Aber mal ehrlich: Ein Rockkonzert lebt vom Schreien, Schwitzen, Springen. Wie das auf Dauer gehen soll, weiß ich momentan auch nicht. Anderes Beispiel: Wir hätten im Herbst die Bayer-Philharmoniker da gehabt, mit 150 Sängern. Die kann ich aber nicht vor den erlaubten gut hundert Leuten auftreten lassen. Das haben wir gleich mal um zwei Jahre verschoben. Wir müssen, gerade was Konzerte betrifft, auch über digitale Veranstaltungsalternativen nachdenken.

Wie können die aussehen? Stichwort Digitalisierung.

Ich glaube, dass die Halle 32 durch die Krise einen Digitalisierungsschub erlebt. Wir haben eine neue Website, arbeiten intensiv an unserem YouTube-Kanal, denken über Aufzeichnungen und Live-Streaming nach. Ich denke, dass es künftig beide Formen für Kulturdarbietungen nebeneinander geben kann. Die Veranstaltungen bei uns vor Ort und eben die Online-Angebote – auch für Menschen, die einfach noch Angst haben zu den Veranstaltungen zu gehen.

Blicken wir kurz zurück. Als der Lockdown kam, war schnell klar, dass die Halle 32 für viele Wochen komplett schließen wird. Wie haben Sie und Ihr Team die Zeit verbracht?

Wir haben es seinerzeit kommen sehen, nichtsdestotrotz hat es uns mit voller Wucht getroffen. Um es klar zu sagen: Uns ist nichts aufgedrückt worden, wir haben in enger Abstimmung mit dem Gummersbacher Bürgermeister, der sich als hervorragender Krisenmanager gezeigt hat, beschlossen, dass wir komplett zu machen. Alles andere wäre inkonsequent gewesen. Wir haben mit dem Team seither durchgearbeitet, keine Kurzarbeit oder so. Denn: 134 Veranstaltungen, die letztlich von der Schließung betroffen waren, sagen sich nicht von selbst ab. Da muss jeweils öffentlich drüber informiert werden, es braucht Aufhebungsverträge und so weiter. Und wir haben die Zeit für aufwändige Renovierungs- und Umbauarbeiten an und in der Halle genutzt, die eigentlich für den Sommer vorgesehen waren. Unsere Leute haben mehr gearbeitet als sonst, nur eben nicht abends. 

Bald werden sie wieder regelmäßiger abends zum Einsatz kommen …

… ja, und ich hoffe, dass wir bei allen Vorschriften hier eine schöne Atmosphäre erschaffen, sodass die Gäste gerne zu den Veranstaltungen kommen. Letztlich wird uns das Thema nach meinem Dafürhalten noch über Jahre begleiten. Und ich hoffe, dass die Menschen die entsprechenden Schutzmaßnahmen so sehen wie zum Beispiel früher die Gurt- oder Helmpflicht: Am Anfang will das erst mal keiner, aber dann sehen die Leute ein, dass sie dadurch sicherer sind. Ich persönlich bin übrigens der Ansicht, dass der Lockdown absolut erforderlich war. Und dass wir in Deutschland auch deswegen so vergleichsweise geringe Fallzahlen haben.

Immer auf dem Weg

Wir sind auf dem Weg. Blicken von der Anhöhe auf die Stadt. Marschieren über einen schmalen Forstweg. Erreichen die Neyetalsperre. Laufen einfach weiter. Und reden. Zwei Stunden vergehen, ohne dass ich es gemerkt hätte. Weil Stefan Höne so ein großartiger Erzähler ist.

Er erzählt davon, wie er, fest etabliert
und gut bezahlt, mit Anfang vierzig als Ingenieur eines Wipperfürther Unternehmens, dachte: Nein, das ist es nicht. Da ist noch mehr.

Davon, wie er im Jahr 2013, als auch privat einiges im Umbruch war, einfach losging, auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Wie er
eine Route mit über 1200 Kilometern und über sieben Wochen wählte.

Davon, wie er zwischenzeitlich am liebsten gar nicht ankommen wollte.
Sondern immer weiter wandern.

Davon, wie er genau das später machte. Weiter wandern. Auch und vor allem durch Deutschland, vom Bergischen bis in die Eifel zum Beispiel. 

Und wie er, an einem regnerischen Abend in einem abgelegenen Waldstück, plötzlich dachte: Ich könnte Pilgercoaching anbieten. Anderen Menschen beim Pilgern, beim Wandern, helfen, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. 

Davon, wie er schließlich selbst genau diesen neuen Weg einschlug. Von dem er heute lebt.

 

Er hat auf dem Jakobsweg gelernt, dass der scheinbare Anlass, sich auf einen Weg zu machen, oft nicht der wahre ist. „Das ist das Spannende: Du glaubst, ein klares Thema mitzunehmen, aber oft steckt da noch ein ganz anderes hinter. Auf dem Jakobsweg habe ich mich erst mal mit dem freiwilligen Alleinsein auseinandergesetzt. Und wie ich damit klarkomme. Nach ein paar Wochen merkte ich: Mit mir allein unterwegs zu sein, das ist die tollste Begegnung, die ich überhaupt jemals gemacht habe. Und da war ich wieder offen für andere Menschen, die dort pilgerten, und mich mit ihnen auszutauschen. Die Gespräche mit ihnen, das Gehen an sich, das einen ja per se aktiviert, dazu die Natur – all diese Dinge kamen zusammen.“

Und für Stefan Höne war klar: Ich werde einen neuen Lebensweg gehen. Erfahrungen mit Change Management und Projektberatung hatte er bei seinem früheren Arbeitgeber schon gesammelt, war dafür immer offen. Umso mehr Spaß hatte er auch später, als er sich parallel zu seinem Hauptjob als DGSF-zertifizierter Berater zum Supervisor, Coach und OE-Berater fortbildete – und dabei viel über sich selbst lernte. Über seine neue Lebensaufgabe. Und darüber, zu ihr zu stehen: „Erzählst du jemandem, du bist Maschinenbauer, hast BLW studiert und bist gut in Informatik, nicken sie. Erzählst du: Ich bin Pilgercoach und 

Berater, ziehen sie die Stirn kraus.“ Stefan Höne hat seinen Stiefel durchgezogen. Er hat seinen Ingenieursjob gekündigt und bietet die systemische Beratung, Supervision sowie das Pilgercoaching heute hauptberuflich an. Die Menschen mitnehmen, auf einem Weg durchs wunderschöne Bergische Land, und einen ganzen Tag mit ihnen zu arbeiten, diese Idee kam ihm im Jahr 2017. „Auf dem Rückweg von einer Australienreise erzählte ich meiner Sitznachbarin im Flieger davon. Zwei Jahre später rief sie mich an und sagte: Stefan, ich möchte bei dir einen Tag lang das Pilgercoaching buchen. Das war die Initialzündung.“ Heute buchen ihn Teams, zum Beispiel Abteilungen in Firmen oder die Leitung einer Kita, Unternehmer sowie Privatpersonen, die an einem bestimmten Punkt im Leben sind, wo sie eine neue Richtung brauchen. 

Und das war auch insbesondere in den letzten Monaten für viele Menschen, die Ängste, Sorgen und Unsicherheit plagten, eine große Hilfe. Stefan Höne setzt sich stets schon vor der Beratung mit den Klienten auseinander, schickt ihnen Fragen, will wissen, welche Problemstellung sie haben und wo sie am Ende des Tages, des Weges, der Gespräche gerne stehen möchten. 

Welche Rolle spielt bei all dem eigentlich der Glaube? Stefan Höne überlegt kurz. Und gibt eine klare Antwort: „Wer spüren möchte, dass um ihn herum noch etwas anderes ist als Mensch und Natur, der muss erst einmal sich selbst spüren lernen. Ich bin bekennender Christ, ich habe eine gute Verbindung zu Gott. Wenn meine Klienten die auch haben und ihr Glaube in ihrem Alltag hilfreich ist, baue ich ihn gerne mit ein. Wenn nicht, dann nicht. Denn ich finde es ganz fürchterlich, angepredigt zu werden.“

Eine große Rolle spielt in Hönes Arbeit das Bergische Land mit seiner Natur. Bei kernigen Themen wandert er mit seinen Klienten auch mal durch einen Steinbruch, bei leichteren durch einen Sinneswald. Und oft am Wasser, das er in all seinen Formen liebt, sei es ein Bach, der immer einzigartig klingt, oder eine Talsperre. Die Natur als Spiegelbild des Menschen und seiner Herausforderungen. Apropos Herausforderung: Dieser stellt sich Stefan Höne, was das Wandern und Pilgern angeht, nach wie vor auch privat sehr gerne. Er ist den Jesus Trail in Israel gelaufen und den Northwest Trail in England. Dabei plant er so wenig wie möglich im Voraus, sondern geht einfach los. Er weiß: Dem Gehenden schiebt sich der Weg von selbst unter die Füße. 

Den das Gute ist so Nah

Des Wanderns Lust ist, dass man die Zwecklosigkeit genießt.“ Lieh Tse (chinesischer Philosoph).

Und der Blick öffnet sich. Erfasst die Weite. Das Licht. Sonne flutet den Moment, lässt Wiesen, Weiden, Wälder leuchten. Der riesenhafte Baum hinter uns, bedeckt von einem schneeweißen Blütenmeer. Allmählich beruhigt sich der Puls. Was für ein Anstieg auf die grüne Anhöhe über Engelskirchen. „Und jetzt? Wo geht es weiter?“, habe ich meinen Sohn eben noch gefragt, als wir im Tal in einer Sackgasse gelandet waren. Kurzes Umschauen. „Da lang.“ Er hat das gelbe Wanderschild und den schmalen Pfad schnell erblickt. Nur wie steil er sich den Berg hinaufschlängeln würde, das konnte keiner von uns ahnen. Steiler wird es nicht mehr werden auf diesen 36 Kilometern von Ründeroth bis Kürten-Biesfeld. Die Etappen eins und zwei des Bergischen Panoramasteigs, wir haben sie zusammengefasst. Wir werden eine alte Dampflok entdecken, die auf ewig in einem alten Bahnhof geparkt ist, der heute als Wohnhaus genutzt wird. Wir werden durch idyllische Hofschafen und über schier endlose Höhenzüge marschieren und auf die Städte und Gemeinden blicken. Wir werden an einem herrlich liebevoll gestalteten, privaten Wanderparkplatz Rast machen. Wir werden kurz vorm Ziel, nachdem wir fast acht Liter getrunken haben an diesem Sonnentag und jeden Muskel spüren, durch einen magischen Buchenwald wandern. All das erleben wir hier, im Bergischen Land.

Diese neue Zeit hat uns vieles genommen und gleichsam vieles geschenkt, vor allem: Zeit. Wir nutzen sie. Haben die Hunderunden morgens verdoppelt, haben neue Orte und Wege direkt vor der Haustür entdeckt. So wie diesen, den Bergischen Panoramasteig. 244 Kilometer, eine Fernwander-Route durch die Region. Sie beginnt und endet offiziell in Engelskirchen-Ründeroth, direkt an der Agger. Also starten wir da auch, irgendwann im April. Aber weil ich das Schild falsch lese, wandern wir nicht die knapp 17 Kilometer lange erste Etappe Richtung Freilichtmuseum Lindlar, sondern die zwölfte – in umgekehrter Richtung. „Ja, dann werden es wohl 21 Kilometer“, höre ich mich sagen, und meine Frau, die in den nächsten Wochen dankenswerterweise die Chauffeuse spielt und uns zu den einzelnen Wegpunkten des Steiges bringt und wieder abholt, muss nachher eben nach Nümbrecht fahren.

Von Radevormwald nach Wipperfürth, von dort nach Marienheide, später bis Bergneustadt. Mal sind es 20 Kilometer, mal 30, und einmal auch mehr, als wir die besagte Etappe eins nachholen und mit der zweiten verbinden. Und immer wieder stellen wir fest, wie atemberaubend schön unsere Heimat ist. Zumal uns der Frühling ein traumhaftes Wanderwetter schenkt. Heimat neu entdecken – Jens Eichner, Geschäftsführer der Das Bergische gGmbH, die zuständig ist für das Bergische Wanderland, glaubt, dass das gerade jetzt viele Menschen bewegt. 

Deswegen wächst auch das Erlebniswegenetz. Neben dem Bergischen
Panoramasteig beschreibt die Webseite
http://www.bergisches-wanderland.de sehr detailliert den Bergischen Weg, der von Essen bis Königswinter führt. Und die 25 Themenwanderwege, die Bergischen Streifzüge. Der neueste wird der Höhlenweg in Engelskirchen sein, der direkt an der Aggertalhöhle und in der Nähe des kürzlich entdeckten riesigen neuen Höhlennetzes entlang führt. Dort lässt sich zum Beispiel ein Bach entdecken, der in der Erde verschwindet und nach anderthalb Kilometern wieder auftaucht. Auch einige dieser Streifzüge mit ihren vielen Infotafeln rund um Kultur und Natur werden wir in den nächsten Monaten entdecken, zum Beispiel den wunderschönen Kräuterweg bei Neunkirchen-Seelscheid.

Es braucht nicht viel, um beim Wandern glücklich zu werden. Gute Schuhe und Wandersocken, genug zu trinken, ein paar Snacks, ein angenehmes Grundtempo. Wir sind generell recht zügig unterwegs, schaffen im Schnitt knapp fünf Kilometer die Stunde, lieben es, gerade am Berg das Tempo zu halten oder gar anzuziehen. „Jetzt kommt die Bergwertung“, sagt einer von uns bei jedem zweiten Anstieg, und wenn wir nach ein paar hundert Metern bergauf unseren Puls spüren, der Atem schneller wird und wir die Wasserflasche ansetzen, fühlt sich das unfassbar gut an. 

Wandern, das ist Aktivsein und gleichsam entspannen. Es ist unterwegs sein, ohne ankommen zu wollen. Es ist, insbesondere in NRW und im Bergischen Land, aber auch innehalten. Denn immer wieder, auf jeder Etappe, stapfen wir durch riesige Baumfriedhöfe, die zum Teil ganze Wegabschnitte unter sich begraben. Wir erschrecken uns beim Anblick der sterbenden, rindelosen Fichten, die als braun-graue Mahnmale nackt in den leuchtend blauen Himmel ragen. Die Trockenheit. Die Stürme. Die massenhafte Verbreitung des Borkenkäfers. Doch, und das tröstet, inmitten von Totholz erwacht hellgrünes, neues Leben. Kleine Tannen, manche beim nachhaltigen Aufforsten gesetzt, andere scheinbar zufällig entstanden, und junge Buchen wachsen heran.

Der Blick verliert sich mitunter in all dieser Vielfalt aus Flora und Fauna. Da, eine Ringelnatter. Und dort, eine Blindschleiche. Ein Fuchs macht im Zwielicht des nahenden Abends Jagd auf Mäuse. Ein Hase hoppelt frühmorgens durchs Gebüsch. Aber Obacht: Wo war nochmal unser gelbes Wegeschild?
Es ist unser Begleiter über all die Kilometer, und manchmal lässt es uns auch im Stich. Wenn bei Forstarbeiten genau der Baum gefällt wurde, der an einem Abzweig das Schild trug. Das erleben wir einige Male und verlaufen uns um ein paar Kilometer. Da kommt auch mal Frust auf, aber wir lernen: Es gehört dazu, dass man sich mal verläuft.

Für die Beschilderung setzt das Team vom Bergischen Wanderland übrigens ehrenamtliche Wegepaten ein, die regelmäßig auf den Etappen unterwegs sind. Und die machen ihren Job insgesamt wirklich gut. Eine Regel: Rund 50 Meter nach einer Abbiegung hängt ein „Bestätigungsschild“ nach dem Motto: Ja, du bist richtig. Weil aber zur Zeit an so vielen Stellen sterbende Bäume gefällt werden müssen, kann auch schon mal ein Schild fehlen. Wem das auffällt, der kann mit der praktischen App des Bergischen Wanderlandes Wegedetektiv spielen und die entsprechende Position online melden.

Was außerdem fehlt, sind mehr Unterkünfte. Klar, es gibt sie, auch entlang des Steigs, aber wir finden: Gerade für Touristen geht da noch mehr. Nicht nur Hotels oder Pensionen. Trekkingplätze zum Beispiel wie in der Eifel und im Hunsrück. Komplett naturnah gestaltet für Menschen, die legal dort zelten möchten und dafür, buchbar über eine Onlineplattform, auch gerne zehn Euro die Nacht zahlen. War in der Region sogar geplant, wie Jens Eichner erzählt. Wurde aber sowohl vom Rheinisch-Bergischen als auch vom Oberbergischen Kreis erstmal abgelehnt. Schade, nichts verstanden. 

Zum Glück sind einige Hoteliers und Gastronomen da mehr auf Zack. Sie bieten Wanderpauschalen an, transportieren auf Wunsch das Gepäck, leben Gastfreundschaft und Freundlichkeit.
Die erleben wir auch, wenn wir durch Hofschaften wandern oder andere
Wanderer treffen. Die auch entdecken, wie wertvoll ein neues Weniger sein kann. Schuhe an und los. Direkt vor der Haustür. Hier bei uns.

Sie machen einfach. Und es wird grandios.

musik

Superthousand aus Gummersbach fangen das Leben in ihren Songs ein. Mit ihrem neuen Album mehr denn je. Ist das
Psychedelic Rock? Alternative? Progressive? Independent? 

Ist egal. Denn Großartigkeit braucht keine Kategorie.

 

Foto: Ingo Winkelströter

Wow, das klingt wie … nein. Weg damit. Furchtbar, immer dieses Vergleichsdenken. Man hat schon so vieles gehört. Also noch mal: Es klingt gut. Melancholisch. Kraftvoll. Ernst. Ja, es rockt. Aber nicht brachial. Ein bisschen psychedelisch? Ja, durchaus. Aber nicht verschwurbelt. Nicht gewollt intellektuell. Es erfordert ein aufmerksames Lauschen. Ein mehrmaliges. Kein Wunder bei Songlängen von im Schnitt sechs und gerne auch mal elf Minuten, vielen Tempowechseln und recht komplexen Melodien. Keine Musik zum Rückwärtseinparken. Eine Musik, um das Licht zu dimmen, die Boxen aufzudrehen, die Augen zu schließen. 

Und sich klar zu machen: Verdammt noch mal, wir haben in Oberberg sau-
gute Bands. So wie Superthousand aus Gummersbach. Sie waren zu viert, jetzt sind sie zu dritt, aber sie klingen wie zehn. Sänger und Gitarrist Dominik Mertens schafft es, so viel Gefühl und Leidenschaft in seine raue, bewegende Stimme zu legen, dass er den Hörer schon bei der ersten Zeile von „World on Wire“ packt, dem Opener des neuen Albums mit dem etwas kryptischen Titel #trnsit. Ja, das Weglassen von Vokalen ist im Trend, ansonsten entziehen sich Superthousand aber jeglichen Kategorien. Das Trio, zu dem mit Drummer Markus Missbrandt sowie Lars Dreier, Bassist, Keyboarder und Gitarrist nicht nur kreative Songschreiber, sondern gleichzeitig auch begnadete Soundtüftler gehören, hat die wunderbare Freiheit von Menschen, die keinen fragen müssen. Sondern einfach machen. „Ich habe ein so zugepacktes Leben. Das hier, diese Montagabende in unserem Proberaum in Gummersbach, da kann ich einfach alles fließen lassen. Und ich hab noch nie mit Musikern gearbeitet, die auch als Freunde so cool sind“, bringt es Dominik auf den Punkt. 

Im Proberaum in Gummersbach sind auch die bisher drei Superthousand-Platten entstanden: „Universe Reverse“ im Jahr 2013 mit sechs Songs, „Voyage“ drei Jahre später mit fünf Tracks. Und nun „#trnsit“. Wieder ein Song mehr –und zwei Zehnminüter. „Das sagen wahrscheinlich alle Bands, aber: Wir haben noch mal eine Schippe draufgepackt. Wir hatten mehr Zeit, hatten mehr Leute um uns herum, die uns unterstützt haben. Das ist ein bisschen wie beim Film mit anfangs SD, dann HD und später 4K“, 

sagen die drei. Sie jammen jeden Montag, „und wenn wir Glück haben, läuft irgendwo ein Aufnahmegerät und wir halten die Melodie fest. Einer von uns hat später vielleicht einen Text dazu. Und am Ende wird ein Song draus.“ Elektronischer sind die Songs geworden, ihr Sound ist noch einmal deutlich besser abgemischt. Und sie stecken voll schöner Ideen: Den Takt von „Safe and Now“, dem letzten Song auf dem neuen Album, das ENGELBERT schon vor der Veröffentlichung hören durfte, bilden zu Anfang gleichmäßige Schritte. Über einen Waldweg? Auf einer Lichtung? Egal. Man hört zu und geht einfach mit. Spürt die Melancholie, die diesen Song durchzieht. Erlebt, wie er sich aufbaut, Sekunde für Sekunde. Wie er nach zweieinhalb Minuten von der Ballade in eine Rocknummer explodiert. Wie er wieder ruhiger wird. Und erneut Fahrt aufnimmt. Plötzlich erklingt ein Didgeridoo in diesem zehnminütigen wunderbaren Auf und Ab. Ein Song wie ein Leben. Und genauso plötzlich zu Ende.

Superthousand fangen das Leben ein. Kreieren Gänsehautmomente. Auf ihrem Album. Und live. Mehr Auftritte sollen es werden, und wenn man Drummer Markus, der sich als Schlagzeuglehrer und Mitglied einer Rage-against-the-machine-Coverband durchaus Berufsmusiker nennen darf, fragt, dann am liebsten jede Woche: „Auf der Bühne, hinterm Schlagzeug, das ist mein Happy Place.“ Nicht nur seiner. Weil nicht nur Superthousand in den Liveversionen ihrer Songs aufgehen, sondern auch ihre Fans. „Und es ist egal, ob uns Leute in Kuala Lumpur, in Hamburg oder in Oberberg hören. Es ist schön, wenn sie kommen. Nicht, weil es Bier gibt oder wir ihre Nachbarn sind, sondern weil sie unsere Musik gut finden.“

Diese Musik ist gut. So gut, dass die Band und ihre Songs, bei allem Lokalkolorit, auf eine große Bühne gehören. Und in die Hände einer Plattenfirma, die sie fördert. Und ihnen bitte alle Freiheiten lässt. Denn diese musikalische Kreativität braucht ihren Raum. Für noch viel mehr grandiose Songs. 

Der Lebenssegler

porträt

Vom Punk zum Lagerarbeiter. Vom Fast-Modedesigner
zum Model. Vom GZSZ-Star zum Kinoschauspieler. Vom Winnetou zum Theaterdarsteller. Ja, wir reden von ein und derselben Person. Dem Gummersbacher Jan Sosniok.

© Frank Wartenberg

Er wagt es mal wieder. Etwas zu tun, was er noch nie gemacht hat. Diesmal in Berlin im Schlossparktheater, mit Susan Sideropoulus: „Zwei wie Bonnie & Clyde“. Neunzig Minuten auf der Bühne, Abend für Abend. Momentan probt er, im April ist Premiere. Also dann: mal austesten, wie das wohl läuft. Ob sich Versagensängste blicken lassen? Und wenn schon. Einfach probieren.
Das Schöne, wenn man so durchs Leben geht und sich dabei auch noch geschickt anstellt: Die Erfahrung zeigt, dass es ja immer geklappt hat. So wie beim Gummersbacher Schauspieler Jan Sosniok. Ein Einfach-mal-Macher. 

„Ich war immer ein bisschen das Boot ohne Segel und bin durchs Meer getrieben. Und bin dann auf Inseln gelandet, von denen ich nicht wusste, dass es die gibt. Dort ergaben sich Gelegenheiten. Und die habe ich wahrgenommen.“

Eine wunderbare Form der Unangepasstheit hat Jan Sosniok, der am 14. März
52 Jahre geworden ist, schon in Oberberg in der Schule an sich entdeckt.
Still rumsitzen? Machen, was der Lehrer sagt? Äh … nö. Muss nicht sein. Lieber die Klassenkameraden unterhalten. Mit den Kumpels in Aktion sein. Sosniok, der mit neun Jahren mit seinen Eltern aus Gummersbach Richtung Reichshof zieht, arrangiert sich mit dem Schulalltag, nimmt ihn aber auch nicht allzu ernst.

„Die Lehrer schrieben in mein Zeugnis: Der Jan ist nicht dumm, der ist nur zu faul. Ich war nie zu faul. Ich hatte nur
immer bessere Sachen zu tun. Und da kam der Unterricht auch mal zu kurz.“ 

Zu diesen besseren Sachen gehört, das Leben zu genießen. Sein Ding zu machen. Anders zu sein. Auch auffallen zu wollen. Das geht in den Achtzigern in Oberberg wunderbar, wenn man sich als Punk neu erfindet. Macht Jan Sosniok. Mit Iro-Schnitt, schwarzen Klamotten, spitzen Stiefeln. Er besucht inzwischen die Hauswirtschaftsschule, gemeinsam mit einem Kumpel ist er der einzige Junge in einer Klasse voller Mädels, und das als Teenager – könnte schlimmer kommen. Einen Plan vom Leben hat Jan Sosniok da noch nicht, spürt aber: Es kann was Kreatives werden. Er näht sich sein Punk-Outfit zum Teil selber. Also vielleicht was mit Modedesign? Klar, warum nicht. Also nach Berlin zur Bewerberauswahl an einer Modeschule trampen. Es dauert vom tiefsten Oberberg aus eine Ewigkeit. Und zurück erst! Für Nüsse, denn mit der Modeschule wird es nichts. Nicht weiter schlimm, Nähen bleibt ein Hobby – und so repariert Sosniok heute auch mal die Hosen seiner Tochter. 

Die erste eigene Wohnung in Wiehl seinerzeit muss aber finanziert werden, also jobbt er. Auf Montage, im Lager, zur Not um vier Uhr morgens, der junge Gummersbacher ist sich für nichts zu fein, außerdem gibt es um vier ja noch Nachtzuschlag. Jan Sosniok ist dreiundzwanzig und noch immer das Boot ohne Segel. Ausgerechnet seine damalige Freundin hisst es dann eines Tages.

„Sie erfuhr, dass die Zeitschrift Max das Gesicht des Jahres 92 sucht und sagte: Mach doch da mal mit. Habe ich gemacht. Und kam von allen Bewerbern unter die besten zehn. Ja, und plötzlich hatte ich eine Agentur.“

Kurz darauf geht es konkret in eine Richtung: die Schauspielerei. Denn für die RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, damals noch in der Anfangszeit, heute ein Klassiker, und für Sosniok zu der Zeit schon ein Begriff, sucht neue Darsteller. Seine Agentur schlägt ihn vor. RTL will ihn. Der Lebenssegler nimmt Kurs auf Berlin. Und erkennt im Unsteten plötzlich etwas kurios Verlässliches.

„Ich bin oft in Jobs reingerutscht, von denen ich anfangs keine Ahnung hatte! Es hieß bei GZSZ: In zwei Wochen kannst du anfangen, aber du musst nach Berlin kommen. Also wegziehen aus Wiehl, aus Oberberg, wo ich die ersten 25 Jahre meines Lebens verbracht hatte. Letztlich war das kein Problem für mich, ich hatte gar keine Zeit, um groß drüber nachzudenken. 

Beim Schauspiel kommt es ja zuerst mal darauf an, die eigenen Hemmungen fallen zu lassen, sich was zu trauen. Techniken wie das richtige Atmen und so weiter kommen später dazu. Ich bin, glaube ich, ein guter Autodidakt. Wenn ich Skifahren lernen will, stelle ich mich an den Rand der Piste und schaue mir das von den anderen ab. Meine Frau staunt darüber immer.“

Sosniok macht, und er macht es offenkundig nicht so ganz verkehrt. Nach GZSZ dreht er über 40 Spielfilme, tritt in 35 unterschiedlichen Serien auf, feiert unter anderem mit „Berlin, Berlin“ Erfolge – und ist auch im Kinofilm zur Serie zu sehen, der am 19. März Premiere hat und auch im SEVEN in Gummersbach zu sehen sein dürfte. Dass er oft in der Rolle des gut aussehenden Schwiegersohns gebucht wird, stört ihn nicht weiter. Mit der Film- und Fernsehbranche, auch mit ihren Befindlichkeiten und Eitelkeiten, hat er sich längst arrangiert.

„Man wird dafür durchlässig. Weiß, wie man die unterschiedlichen Typen zu nehmen hat. Letztlich habe ich mir dank dieses Berufs, dieser Branche, ein schönes Leben aufbauen können in Berlin. Für meine Familie und mich.“

Die Familie, das ist Jan Sosnioks Hafen, die Insel, wo er auftankt. Da geht ihm nichts drüber. Übrigens auch, was Freunde und Verwandte in Oberberg betrifft, zu denen er nach wie vor engen Kontakt hat. Gleichwohl: Einen Segler zieht es auch immer wieder in neue Gefilde. Ausgerechnet bei der Verleihung des Musikpreises Echo wird er im Jahr 2012 gefragt, ob er Lust auf die berühmten Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg habe.

„Ich fragte: Warum nicht? Für welche Rolle denn? Und der Veranstalter antwortete: Können Sie sich aussuchen. Wir besetzen komplett neu. Ich dachte nur: Wenn mir die Nummer eins angeboten wird, warum was anderes nehmen? Es dauerte dann im Nachhinein noch etwas, aber Anfang 2013 kam der Anruf. Ich war Winnetou. Und konnte nicht reiten. Also bin ich für zwei Monate aufs Pferd gezogen, habe auf dem Sattel gelebt und alles getan für eine gute Show.“

Hat geklappt. So gut, dass Sosniok sechs Spielzeiten lang als Winnetou die Festspiele rockte und gemeinsam mit dem Ensemble jedes Jahr einen neuen Besucherrekord aufstellte. Fast 390.000 Zuschauer waren es 2018. Und was macht Jan Sosniok? Er setzt die Segel. Macht sich wieder auf zu neuen Ufern. Denn:

„Man soll die Party verlassen, wenn‘s am geilsten ist.“

Aktuelle Station: das Theater. 90 Minuten zu zweit auf der Bühne. Um es mit Pippi Langstrumpf zu sagen: Das hat Jan Sosniok noch nie gemacht – also kann 

er völlig sicher sein, dass er es schafft!

Kaffee ist Magie!

reportage

Bei einem Barista-Seminar in der Rösterei und Manufaktur
von Rigano caffe erfährt man, warum das so ist. Und was Wunderbares dabei herauskommt, wenn Menschen tun, was sie lieben. Vier Wipperfürther haben dort mal vorbeigeschaut.

Wer liebt, was er tut, muss nie mehr arbeiten. Wer Menschen dabei zusehen darf, wie sie tun, was sie lieben, dem geht das Herz auf. Und wer bei einem Barista-Seminar bei Rigano caffe dabei sein durfte, versteht schnell, warum die Unternehmer im Kaffee pure Magie sehen. So wie Alexandra Rigano, die als Coach die Teambuildingevents bei Rigano organisiert. Weil sie weiß, wie Kaffee die Menschen zusammenbringt.

So wie Lorenzo Rigano, der das Unternehmen vor zwanzig Jahren gegründet hat, anfangs als reinen Vertrieb und für die Wartung von Kaffeemaschinen.

So wie Stephanie Rigano, seine Frau, die „es liebt, Kaffee zu rösten“. Die das auch seit zehn Jahren mit Hingabe, viel Kreativität und großem Erfolg macht. Und dabei im Social Marketing immer menschlich und nachhaltig denkt und handelt. Denn die Riganos, die in Remscheid ihre Rösterei nebst Verkaufs-, Schulungs- und Showroom betreiben, machen Kaffee mit Leib und Seele. Sie machen ihn gut. Weil sie alles darüber wissen. Dieses Wissen haben sie mit dem ENGELBERT-Team sowie Andrea und Jörg Pramor vom iMed aus Wipperfürth geteilt.

„Wir reisen mindestens einmal im Jahr in die Anbaugebiete“, erzählt Stephanie Rigano. Immer ist ihr dabei die Unterstützung der lokalen Landwirte wichtig. Gemeinsam mit einigen anderen Unternehmen hat das Ehepaar Rigano in der Dominikanischen Republik eine kleine Plantage gekauft. „Dort waren wir auch schon mit unseren Kindern. Wir haben in der örtlichen Schule eine Küche und Toilette eingebaut, neue Tafeln angeschafft, die Kinder haben mit den einheimischen Kindern gespielt.“ Auch so kann ein Urlaub aussehen. Die Kaffeepflücker und ihre Familien unterstützen, faire Preise bezahlen, genau wissen, wie die Bedingungen im jeweiligen Herkunftsland rund um den Äquator sind, ganz gleich ob in Mittel- und Südamerika, Ostafrika oder Südostasien – all das ist für die Familie Rigano selbstverständlich. Das Siegel „Aktion Kinderpläne“ steht für nachhaltig, sozial und mit Liebe geröstet, wie Stephanie Rigano unterstreicht: „Wir möchten mit jedem Kaffee etwas an diejenigen zurückgeben, die unseren Kaffeegenuss erst möglich machen.“ Der Weg von der Ernte bis ins Bergische ist weit – es kann ein halbes Jahr dauern. Gepflückt wird der Kaffee übrigens in Form einer dunkelroten Kirsche von Hand. Die Bohne selbst ist der Kern dieser Kirsche und kann auf verschiedene Weisen getrocknet werden, was entweder in der Frucht passiert, die dann wie eine Rosine schrumpft. Oder, nachdem die Bohne aus der Kirsche genommen wurde, direkt an der Sonne. Das Ergebnis ist Geschmackssache. Stephanie Rigano mag selbst am liebsten den süd- und mittelamerikanischen Kaffee mit seinen sanften Schokoladen- und Nussnoten. Aus dem Mott, also dem Fruchtfleisch rund um die Bohne, lässt sich übrigens ein leckerer Tee zaubern. 

Der Anbau und die Herkunft ist das eine – die perfekte Röstung das andere. Und eine der Lieblingsbeschäftigungen von Stephanie Rigano, die mit ihrem Mann bisher 40 verschiedene Sorten hergestellt hat und immer wieder neue Bohnenkombinationen versucht. „Dafür haben wir ja den Babyröster“, sagt sie lachend und zeigt auf die mit Abstand kleinste der Röstmaschinen. Die größte ist computergesteuert. 

Am Babyröster testen die Remscheider Kaffeeexperten neue Sorten, Röstzeiten und vieles mehr. In der Zeit liegt das Geheimnis: Die Bohnen werden je nach Art und Sorte (zum Beispiel Kaffee Crema oder Espresso) mindestens 15 bis 20 Minuten geröstet, meist bei rund 200 Grad. Dabei verlieren sie an Flüssigkeit und somit an Gewicht: Von den anfangs fünf Kilogramm bleiben 4,2. Die dann, ganz wichtig, luftgetrocknet werden. 

Das Rösten dürfen die Teilnehmer des Barista-Seminars übrigens selbst ausprobieren und können anschließend gut nachvollziehen, warum die deutsche Röstergilde schon einige Sorten Rigano-

Kaffee mit der Goldmedaille ausgezeichnet hat. Darunter ist der Rico speciale, den Stephanie und Lorenzo Rigano nach ihrem Sohn benannt haben.

Wenn nach der Röstung Lorenzo Rigano vorführt, wie man mit den frischen Bohnen den perfekten Espresso Macchiato macht, bekommt man fast ein schlechtes Gewissen, wenn im Büro wieder nur der drittklassige Vollautomat läuft. Rigano ist offizieller Vertriebs- und Wartungspartner von Jura und auch Experte für jene italienischen, voll verchromten Maschinenmeisterwerke, wie man sie oft in guten Kaffeebars und, in kleinerer Form, manchmal auch bei guten Freunden zu Hause sieht. Was sie alle gemeinsam haben: Das Mahlwerk ist nicht integriert. Die Bohnen werden in einer separaten Kaffeemühle gemahlen, dann verdichtet und in die Maschine gegeben. 

Die Mahldauer, die Auslaufzeit des Kaffees (möglichst 25 Sekunden), das Aufschäumen (nicht zu lange oder zu heiß, damit die Milch keinesfalls verbrennt) – Lorenzo Rigano überlässt nichts dem Zufall und er schult auch gerne Gastronomen, die ihren Kunden ebenfalls die perfekte Kaffeekreation servieren möchten. Ein gelungener Espresso lässt sich nicht verrühren, ganz gleich, wie oft der Löffel in ihn eintaucht, die wunderbar braune Crema schließt sich immer wieder. 

Ein Barista-Seminar bei Rigano, das ist für einige Stunden und viele leckere Tassen ein mitreißendes, pures Kaffee-Erlebnis, das im Show- und Seminarraum zu Ende geht. Dort, wo die Auswahl der neuen Bohnen für daheim schwerfällt. Dort, wo es noch so vieles rund um den Kaffee gibt. Hocker aus Kaffeesäcken zum Beispiel, sehr coole T-Shirts, die die Riganos selber entworfen haben, und natürlich viele Infos über Stephanie Riganos Herzensprojekt „Kinderpläne“. Der Verein, den sie selbst gegründet hat, hilft Kindern und Jugendlichen auf direktem Wege. Viele der Events, die das Unternehmen übers Jahr hinweg veranstaltet, kommen dem Verein zu Gute. „Hier haben wir unsere Erfüllung gefunden“, sagen die Riganos. 

Saitenweise Leidenschaft

musik

Luciano Marziali ist ein Gitarrenvirtuose. In Gummersbach hat er die Konzertreihe „Zauber der Gitarre“ etabliert. Vor der Show am 13. Dezember in der Halle 32 blickt
er auf 40 Jahre Musikerleben zurück.

Wenn er am Freitag, den 13. Dezember, gemeinsam mit seinem Duettpartner Tobias Kassung bekannte Filmmelodien auf der Gitarre interpretiert, ist das für die Besucher der Halle 32 ein wahrer Glücksfall. Denn Luciano Marziali ist ein Virtuose. Einer, der für das Gitarrenspiel lebt. Einer von ganz wenigen Menschen, die schon sehr früh im Leben wissen, was sie später einmal machen werden. Dass diese eine Sache, komme, was wolle, immer zu ihrem Leben gehören wird. Das Wunderbare an der Konzertreihe „Zauber der Gitarre“, die der Italiener in Gummersbach ins Leben gerufen hat: Er teilt sich die Bühne mit anderen hervorragenden Künstlern. Im Dezember werden es neben Kassung mit Livio Gianola der sicherlich höchstgeschätzte Flamenco-Gitarrist Italiens sowie der schon seit den 70er Jahren weltweit angesehene deutsche Akustikgitarrist Peter Finger sein. Ein Abend und drei Konzertteile mit je 40 Minuten in einer musikalischen Qualität, wie man sie so in der Region sicher selten erlebt. 

Das Schöne an Konzerten ist ja, Menschen dabei zuschauen und zuhören zu dürfen, wie sie das tun, was sie lieben. Luciano Marziali entdeckte diese Liebe, da war er gerade mal drei Jahre alt. „Mein Vater spielte damals hobbymäßig eine Gitarre, und ich griff immer wieder zu dem Instrument. Dann bekam ich meine erste eigene Gitarre aus Plastik, um zu schauen, was passiert. Ich habe immer wieder daran herumgeklimpert. Mit sechs Jahren folgte dann eine richtige aus Holz. Und ich spielte. Und meine Eltern merkten, dass ich richtig Lust darauf hatte.“ Er spielte gut, so gut, dass sein erster Musiklehrer eingestand: Der Junge braucht eine besondere Förderung, er braucht andere Musiklehrer. Seine Eltern ermöglichten ihm das. Und noch mehr: Als Luciano Marziali elf Jahre alt war, erhielt er die Chance, sich fürs Musikkuratorium in seiner italienischen Heimat zu bewerben. Er wurde aufgenommen. Was das nun bedeuten würde, war ihm vollkommen klar: „Die nächsten zehn Jahre mehrmals die Woche nach der Schule noch einige Stunden Gitarre lernen.“ 

Hui. Und das soll einer durchziehen, der erst elf ist? Was ist mit der Teenagerzeit? Was mit den Klassenkameraden, die, nichts für ungut, nach der Schule eher in den Fußballverein gehen? „Ja, ich habe einige Male gedacht, das schaffe ich nicht. Aber das bezog sich auf die normale Schule“, antwortet Marziali und lacht. Er zog beides durch: Die Schule, das Kuratorium, und Zeit, um mit den Kumpels zu kicken, blieb auch noch. Mit den anderen Kuratoriumsschülern traf er sich sogar oft vor dem eigentlichen Unterricht, um gemeinsam zu musizieren. „Da wusste ich schon, dass die Gitarre immer Teil meines Lebens sein wird.“ In welcher Form, das war aber noch offen. Vielleicht sogar eine Karriere als Rockgitarrist? Immerhin besaß er auch mal eine E-Gitarre des Modells, mit dem schon Van Halen die Bühne rockte. 

Aber er blieb dann doch bei der Akustischen. Und nach dem Abitur und dem Beginn seines Musikstudiums war ihm auch klar: Ich werde Profimusiker. Nur nicht in Italien. Denn Luciano Marziali zog es weg von zu Hause. Er landete an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt, das Diplom vom Musikkuratorium in Italien frisch in der Tasche. Luciano Marziali sprach anfangs kein Wort Deutsch, die Sprache der Musik ist zum Glück universell. Deutsch lernte der heute 43-Jährige nebenbei, spricht längst fließend mit einem sehr charmanten italienischen Akzent. 

Er hat es geschafft, aus seiner Leidenschaft einen Beruf zu machen. Hat als klassischer Gitarrist diverse musikalische Auszeichnungen erhalten, mehrere Alben aufgenommen, zuletzt eines mit besagten Filmmusiken, die er am 13. Dezember live spielen wird. Auch Flamenco spielte er eine ganze Zeit lang, gab das aber nach und nach auf. Aus einem ganz pragmatischen Grund: „Beim Flamenco spielt man vergleichsweise hart, dabei gehen die Fingernägel kaputt. Für die klassischen Stücke brauchst du aber Top-Fingernägel.“ Beides parallel ging nicht. Marziali entschied sich für die Klassik. Das Schöne dabei: „Wenn du die klassische Technik beherrschst, kannst du auch viele andere Stilrichtungen spielen.“Heute tritt er nicht nur leidenschaftlich gern auf, er gibt all sein Wissen aus 40 Jahren Musik auch weiter – als Gitarrenlehrer in Köln. Und wie kam Luciano Marziali nach Gummersbach, wo er schon seit einigen Jahren eng mit Martin Kuchejda, dem Leiter der Halle 32, zusammenarbeitet? „Ich habe einige Jahre in der Musikschule Engelskirchen unterrichtet. Eine Schülerin dort kannte Martin, damals noch zu Zeiten des Bruno-Goller-Hauses. Ich nahm Kontakt auf, spielte ein Konzert. Und ich hatte damals schon den Eindruck, dass die Leute Lust auf eine ganze Gitarren-Konzertreihe haben.“ Haben sie. Und sie dürfen sich auf einen weiteren Abend mit allen Facetten der Gitarre freuen:

Freitag, 13. Dezember, 19 Uhr: „Zauber der Gitarre“ mit Livio Gianola, Luciano Marziali und Tobias Kassung sowie
Peter Finger.

Gute Aussichten

wetter

Oliver Baldsiefen informiert mit seiner Wetterinfo Lindlar jeden Tag knapp 8.000 Abonnenten auf Facebook, ob morgen
Sonne, Regen oder Schnee zu erwarten ist. Der passionierte Ballonfahrer hat sich für sein Hobby viel Fachwissen angeeignet.

Er hatte halt noch nicht genug Hobbys. Und in erster Linie ist Oliver Baldsiefen seit einigen Jahren schon ein leidenschaftlicher Ballonfahrer. Mit zwölf stand er das erste Mal in
einem Korb. War damals schon dem
bergischen Wetter, den Winden, der
Witterung ausgeliefert. Genau so will er das, denn dieses Ausgeliefertsein, dieses Nicht-wissen-können, wo die nächste rund anderthalbstündige Ballonfahrt wohl endet, das macht den Reiz ja erst aus. Um so einen Ballon selber überhaupt fahren zu dürfen, musste der Lindlarer unter anderem eine flugmeteorologische Prüfung absolvieren. Rund zwanzigmal pro Jahr steigt Baldsiefen inzwischen im Wetter-Online-Ballon in die Luft, oft auch vom Neyeflugplatz in Wipperfürth aus. 

Und er liebt es, dass keine Fahrt wie die andere ist. Auch, wenn das schon mal herausfordernd sein kann: „Wenn du dann zweihundert Meter vor der Landewiese über einem Baum in der Luft stehst, weil kein Wind weht, dann stehst du. Steigst ein bisschen auf und wieder ab, hoffst, dass eine kleine Brise aufkommt, die dich weiterträgt.“ Zur Not dient auch schon mal eine Campingplatz-Wiese als Landeplatz. 

Mit den Jahren stellte Baldsiefen fest, wie sehr ihn dieses Wetter doch fasziniert, ganz unabhängig von der Ballonfahrt. Zumal ihn die Menschen mit und mit gefragt haben: „Hör mal, Oliver, du kennst dich doch damit aus – wie wird denn das Wetter morgen?“ Denn das Wetter ist ja bekanntlich immer ein Thema. Also gab Baldsiefen bald auf seiner privaten Facebookseite Auskunft.
Vor gut sechs Jahren war das. Und er traf im Oberbergischen einen Nerv.

Immer mehr Menschen wollten Baldsiefens lokale Wettervorhersage. Also ging er mit einer eigenen Wetterseite an den Start: Wetterinfo Lindlar. Die haben inzwischen fast 8.000 Menschen abonniert, fast 7.500 Fans hat Baldsiefen dort, zudem haben viele tausend seine App. Stresst ihn das? Nö. „Ich muss ja an den Tagen, an denen ich nicht mit dem Ballon in der Luft sein kann, auch was zu tun haben“, sagt Baldsiefen und lächelt. Hauptberuflich und mit ebenso großer Leidenschaft arbeitet er als Einkäufer in einem metallverarbeitenden Unternehmen. Und in der Tat: In den letzten sechs Jahren hat er nur an einem einzigen Tag keine Wettervorhersage gepostet – am Weihnachtsfeiertag 2018, da hat er die Vorhersage einen Tag im Voraus gemacht. Er hat schon aus dem Kanarenurlaub das bergische Wetter geschrieben, sogar aus dem Krankenhaus. Er 

bekommt dafür keinen Cent, es ist ein reines Hobby. 

Das macht ihm nicht nur deshalb so großen Spaß, weil er sich für das Wetter, gerade auch im Bergischen Land, so begeistern kann. Sondern auch, weil er von seinen Lesern so tolles Feedback bekommt. Aus aller Welt: „Ich habe Leser in China, in den USA … Menschen, die ausgewandert sind und sich immer noch fürs Wetter in der Heimat interessieren.“ Wo aber bekommt Baldsiefen eigentlich die aktuellen Wetterdaten her? Ganz einfach: Er fährt ja den von Wetter Online gesponserten Ballon und kann sich über den meteorologischen Dienst jeden Tag die aktuellen Wetterdaten besorgen. Im Grunde für die ganze Welt. Aber die Daten allein reichen ihm natürlich nicht.
„Ich bin von Hause aus sehr neugierig. Ich will immer wissen, wie alles funktioniert.“ Also hat er sich autodidaktisch ein fundiertes Wissen rund ums Wetter angeeignet. Und gibt es den Menschen im Oberbergischen in einfachen Worten wieder. So, dass sie es verstehen. So, dass sie wissen, was am nächsten Tag Sache ist. Was sich nicht immer ganz so einfach darstellt, allein schon wegen des europäischen und amerikanischen Modells der Großwetterlage. „Da gibt es immer zwei Sichtweisen.“ Für den nächsten Tag oder die kommende halbe Woche kann Baldsiefen ziemlich konkret das Wetter vorhersagen. Örtliche Unwetter kommen indes oft so plötzlich, dass auch er nicht so etwas prognostizieren kann wie: „Achtung, in Frielingsdorf ist morgen um 16 Uhr mit Hagel zu rechnen“. Und wer ernsthaft glaube, man könne jetzt schon einen milden oder strengen Winter für Januar oder Februar vorhersagen, dem kann Baldsiefen nur antworten: „Das ist einfach Quatsch.“

Und was macht Oliver Baldsiefen, wenn es, wie in den vergangenen beiden Sommern, wochenlang sonnig und heiß ist? „Das ist in der Tat schwierig, da immer wieder etwas Neues zu sagen. Dann umschreibt man das Ganze eben ein bisschen nett.“ Das geht auch prima im Herbst und Winter, zumal dann wettertechnisch sehr viel passiert. Das erzählt Baldsiefen dann zum Beispiel so wie am Samstag, den 9. November: „Liebe Wettergemeinde! 1,5 Liter können schon seeeehr nass werden, vor allem, wenn sie einem penetrant auf den Kopf tröpfeln. Die Tropfen waren dann heute doch präsenter, als es das europäische Modell berechnet hatte …“ 

Mit der Zeit hat Oliver Baldsiefen einen besonderen Blick für Wetter und Witterung entwickelt. Er kann anhand von bestimmten Wolkenarten und deren Höhe sagen, ob es Niederschläge geben wird. 

Hatte der Lindlarer nie Lust, sein Hobby mal zum Beruf zu machen? Nein. Zumal immer häufiger Computer das Wetter von morgen berechnen. Baldsiefen erzählt dieses Wetter. Wie, das kann er steuern. Den Inhalt weniger: „Und das ist es, was mich daran nach wie vor fasziniert. Das Wetter ist mit das Einzige, was der Mensch nicht beeinflussen kann. Und ich hoffe, dass es so bleibt. Denn wenn wir anfangen, uns darin auch noch einzumischen, dann ist es echt vorbei.“