umfassend versorgt

Frau Dr. Weishap, von einem Mitarbeiter der Ärztekammer ist das Brustzentrum am Klinikum Oberberg kürzlich als „klein, aber fein“ bezeichnet worden. Wie finden Sie denn das?

Dr. Anja Weishap: „Ich finde, das trifft es ganz gut. Von der Struktur und Anzahl der Patientinnen her sind wir klein. Wir haben rund 160 Erstdiagnosen im Jahr hier in Oberberg, andere Zentren haben 500. Unsere Patientinnen kommen aus dem gesamten Kreis, aber auch aus dem Märkischen und zum Teil dem Sieg-Kreis. Und fein, weil wir hier für jede Patientin ein individuelles Therapiekonzept finden, sie umfassend betreuen, auch psychosozial mit einer Psycho-Onkologin. Wir beraten zur Reha nach einer Behandlung und wir legen großen Wert auf die Vorsorge. So laden wir jedes Jahr zu einer Infoveranstaltung ein, was jedes Mal bis zu 70 Frauen gerne annehmen. Bei uns kann man sogar an einem
Silikonmodell lernen, wie man die eigene Brust selbst abtastet.“

Wenn die Mammographie erfolgt ist, wie geht es dann weiter?

Dr. Anja Weishap: „Wenn ein negativer Befund vorliegt, ist ja alles gut. Ist er positiv, bekommt die Patientin binnen drei oder vier Tagen einen neuen Termin. Übrigens unabhängig davon, ob sie gesetzlich oder privat versichert ist. Dann wird ein genaueres bildgebendes Verfahren eingesetzt, zum Beispiel Ultraschall. Wir setzen auch die so genannte Stanzbiopsie ein. Hierbei wird in Hochgeschwindigkeit eine Gewebeprobe genommen. Die Brust wird örtlich betäubt, das Ganze verläuft fast ohne Schmerzen. Und dann sichten wir die Befunde. Insbesondere die Stanzbiopsie gibt uns gute Informationen darüber, wie ein Tumor wächst und wie man ihn bekämpfen kann. Es gibt ja die verschiedensten Arten von Tumoren. Schnell wachsende, aggressive und ebenso langsam wachsende. Wir hatten hier auch schon Patientinnen, die hatten in einer Brust acht kleine Tumore.“

Wie reagieren betroffene Patientinnen auf eine Krebsdiagnose?

Dr. Anja Weishap: „Viele Frauen sagen zuerst: Weg, weg, weg damit! Das ist der erste Reflex, nach dem Motto: Bloß raus mit dem Tumor, und wenn die Brust dafür abgenommen werden muss. Dabei ist wichtig zu wissen: Es gibt heute neben der Chemotherapie und der Operation weitere Behandlungsmethoden, die auch sehr gut wirken. Eine Antikörperbehandlung oder eine antihormonelle Therapie zum Beispiel. Gerade Antikörper wirken auf bestimmte aggressive Tumorzellen sehr gut. Manchmal hilft auch eine Kombination aus mehreren Therapien, das ist alles hochindividuell.“
Wir geben den betroffenen Patientinnen zudem immer Bedenkzeit und empfehlen auch, sich eine Zweitmeinung einzuholen. Letztlich sind die meisten Tumoren binnen vieler Monate oder Jahre gewachsen. Da hat man dann in der Regel auch noch einmal zwei oder drei Wochen Zeit, um in Ruhe zu überlegen, welche Behandlung es denn sein soll. Und ob nicht die Nebenwirkungen im Kontrast zum Ergebnis stehen. Nur in rund einem Viertel der Fälle ist eine Amputation der Brust notwendig. Zum Beispiel dann, wenn in einer Brust mehrere Tumore gefunden werden oder ein Tumor in der Brustwarze sitzt und wir die Brust nach deren Entfernung nicht mehr erhalten können.“

Die Angst vor der Amputation – ist das auch eine Altersfrage?

Dr. Anja Weishap: „Nein. Das ist für eine 75-jährige Frau genauso schlimm wie für eine junge. Man ist ja im Alter nicht weniger Frau. Krebs in der Brust wird anders wahrgenommen als etwa im Finger, das hat viel mit dem Körperbild zu tun. Und dazu gehört bei einer Frau natürlich ihre Brust. Sie hat etwas Symbolhaftes, Ureigenes. Mit der weiblichen Brust kann man ein Kind komplett ernähren. So etwas verliert man nicht. Und wenn, dann hat das viel mit dem Verlust von Attraktivität zu tun. Davor haben die Frauen Angst. Auch deshalb haben wir eine Psycho-Onkologin im Team, die die Patientinnen psychologisch betreut und sie auch nach einer Operation besucht.“

Viele Frauen haben auch Angst, dass sie das Krebsrisiko geerbt haben könnten.

Dr. Anja Weishap: „Das stimmt, dabei ist diese Angst eigentlich unbegründet. Brustkrebs ist nur zu etwa 1,5 Prozent genetisch bedingt. Und bei unseren Patientinnen lässt sich die Ursache nur zu maximal fünf bis sieben Prozent auf
die Gene zurückführen. Ein Hinweis auf familiären Brustkrebs ist, wenn zwei
Verwandte ersten Grades in jungen Jahren betroffen waren.“

Im Schnitt bekommt trotzdem jede achte Frau in Deutschland Brustkrebs. Welche Risikofaktoren gibt es?

Dr. Anja Weishap: „Es sind immer mehrere Faktoren. Ungesunde Ernährung, viel Alkohol, wenig Sport, spät das erste Kind bekommen – jeweils ja, aber das ist nicht alles. Letztlich spielt das Alter eine Rolle. Je öfter sich die Zellen teilen müssen, desto höher wird das Risiko eines Fehlers durch einen Ausfall der Reparaturenzyme.“

Wenn eine Brust amputiert werden muss, bietet das Klinikum Oberberg auch einen Brustaufbau an?

Dr. Anja Weishap: „Ja, und das zahlt, wenn es eine medizinische Ursache gibt, auch die Krankenkasse. Wichtig ist hierbei aber immer zu wissen: Ein Brustimplantat ist und bleibt ein Fremdkörper. Die Hersteller von Silikonimplantaten geben im Schnitt acht bis zehn Jahre Garantie, das heißt, je nach Alter der Patientin stehen auch noch einige weitere Operationen an. Wenn wir trotz einer Operation die Brustwarze erhalten können, bleiben übrigens meistens die Empfindungen. Müssen wir sie neu formen, ist das leider nicht der Fall.“

Neben der medizinischen Versorgung bietet das Brustzentrum Oberberg noch eine Reihe weiterer Hilfen und Services. Welche zum Beispiel?

Dr. Anja Weishap: „Wir arbeiten mit dem Haarkompetenzzentrum Gummersbach zusammen, für den Fall, dass Patientinnen wegen einer Chemotherapie die Haare verlieren. Wir bieten auch Kosmetikseminare an, zeigen, wie sich die Frauen die Augenbrauen schminken können und auch, wie sie sich ein Tuch binden, wenn eine Perücke nicht infrage kommt. All das tut den Frauen unendlich gut. Wir arbeiten ja mit manchen Patientinnen über viele Jahre zusammen, in dieser Zeit wachsen sie einem schon ans Herz. Aber am liebsten ist es mir, wenn ich nur einmal im Jahr einen Befund bekomme und sehe: Okay, alles in Ordnung. Dann mache ich drei Kreuze. Letztlich ist Brustkrebs der am häufigsten vorkommende Tumor bei der Frau. Die Heilungschancen sind aber heute exzellent. Sie liegen bei 80 Prozent.“