Haar für Haar eine gute Geschichte

Sie schreibt auch. Mal Abgründiges, mal mitten aus dem Leben. Geschichten findet Petra Dehler genug. Und entwickelt sie dann als Mitglied der SchreibFedern Gummersbach. Sollte sie jemals ihre eigene Geschichte aufschreiben, dürften es spannende Seiten werden. Sie erzählen von einer leidenschaftlichen Unternehmerin. Die als gelernte Friseurmeisterin, Zweithaarspezialistin und Heilpraktikerin seit 22 Jahren ihr Haarkompetenz-Zentrum in Gummersbach führt. Die Menschen aus dem Oberbergischen und weit darüber hinaus, von Frankfurt bis zum Niederrhein, mit Haarersatz versorgt. Es sind vor allem Frauen. Sie haben Krebserkrankungen zu verkraften und in der Regel nach gut zwei Wochen Chemotherapie ihr Haar verloren. Oder ihnen fiel schon in jungen Jahren aufgrund einer Autoimmunerkrankung ihr gesamtes Körperhaar aus. Oder sie haben im Alter das Problem, dass ihr Haar vor allem auf dem Oberkopf immer dünner wird. Für sie alle nimmt sich Petra Dehler Zeit. Insbesondere für die Erstberatung: „Die dauert immer mindestens eine Stunde.“ Denn die Haarexpertin möchte die Menschen kennenlernen, mit denen sie unter Umständen über Jahre zusammenarbeiten wird. Als Heilpraktikerin hilft sie auch jenen, die nicht wissen, warum ihnen die Haare ausfallen. So kommen in ihre Haarsprechstunde nicht nur Menschen, die zu einem Haarersatz beraten werden möchten. Manche bringen auch die Laborberichte mit und Petra Dehler sucht mit ihnen nach Gründen für den Haarverlust.

Welche Erkrankung liegt vor? Soll es eine Synthetikperücke sein oder eine Echthaarperücke? Wo ist die Kundin versichert und was übernimmt die Krankenkasse? Diese und viele weitere Fragen klärt die Expertin. Sie weiß: „Bei Chemo-Patienten übernehmen verschiedene Krankenkassen alle sechs bis zwölf Monate die Kosten für einen Haarersatz.“ So lange hält dieser im Schnitt, wobei sich das nicht pauschalisieren lässt. Synthetik ist übrigens einfacher zu pflegen als Echthaar; dieses wiederum empfiehlt sich wegen der Optik und Tragbarkeit, wenn eine Kundin eine längere Perücke haben möchte. Manch anderem reicht vielleicht auch ein Haarteil, welches sich wiederum in Farbe und Look dem verbliebenen Haar perfekt angleichen muss. „Und das geht nur mit Echthaar“, rät die Expertin. Ihre Maxime: „Ein Haarersatz muss unsichtbar sein.“ Sprich, man darf ihn nicht als solche erkennen. Mit entscheidend ist hierfür der vordere Haaransatz. Dieser muss, möglichst von Hand, so fein gearbeitet sein, dass, auch wenn der Wind das Haar nach oben weht, darunter ein natürlicher Haarwuchs erscheint. Wichtig ebenfalls: Alle paar Wochen zur Intensivpflege und Perückenanpassung ins Haarkompetenz-Zentrum kommen, damit aus unsichtbar nicht sichtbar wird. Wie perfekt sich ein Haarteil ins vorhandene Haar integrieren lässt, hat Petra Dehler mit ihrem Team Anfang Juni im PORTAL by Volksbank demonstriert, beim diesjährigen Haarspende-Aktionstag. Aber Halt! Das ist ja schon der nächste Teil der Petra-Dehler-Geschichte.

Und der erzählt von der engagierten Ehrenamtlerin, die jedes Jahr zahlreiche Charity-Aktionen initiiert oder sich an ihnen beteiligt. Denn sie sammelt regelmäßig Echthaar von ihren Kundinnen, aus dem dann Perücken hergestellt werden können. Binnen zwölf Monaten kommen im Schnitt bis zu 30 Zöpfe zusammen. Pro Zopf spendet sie einen festen Betrag an die Klinikclowns der Kinderklinik am Kreiskrankenhaus Gummersbach. Die Zöpfe schickt sie zum Bundesverband der Zweithaarspezialisten. Dort wird bundesweit gesammelt und im Frühjahr des Folgejahres für einen Guten Zweck versteigert. Spenden kann sein Haar, wer mindestens 25 Zentimeter Haarlänge abgeben kann – und nur, wenn sie chemisch unbehandelt ist. Also keine Dauerwelle, Tönung und Farbe. „Nur dieses Haar kann für eine Perücke chemisch weiter bearbeitet werden“, erklärt Petra Dehler. 

Fester Bestandteil ihrer eigenen Charityaktionen ist der besagte der Haarspendeaktionstag im PORTAL by Volksbank, wo auch dieses Jahr wieder viele Frauen (und auch Männer) ihr Haar spendeten. Bei der Lesung am Abend unterstützten dann rund 60 Zuschauer die Aktion. Zu der gehört auch, das Thema Haarersatz offensiv zu thematisieren, weil es leider, gerade bei Frauen, noch viel zu oft ein Tabu ist. Eine von Petra Dehlers Kundinnen mit kreisrundem Haarausfall stellte sich für eine Vorführung zur Verfügung. Sprich: Sie ließ sich vor allen Zuschauern die Perücke abnehmen, zeigte ihre Glatze und stand dann als Model für eine Vielzahl von anderen Perücken zur Verfügung, die Petra Dehler ihr aufsetzen ließ. Jede wirkte anders, alle hatten eins gemeinsam: Sie sahen absolut natürlich aus. Ebenso wie besagter Haarersatz, den sie symbolisch dem PORTAL-Filialleiter Mario Schevardo verpasste. Er bekam einen „Metal-Zopf“, passend zum letzten Song des „The Höösch“-Gitarristen Christoph Rüßmann, der die Lesung auch in diesem Jahr wieder musikalisch begleitete – und als Zugabe Metallicas „Nothing else matters“ spielte. Charity und Aufklärung darf bei aller Ernsthaftigkeit des Thema durchaus mal mit Augenzwinkern daherkommen. Auch dafür steht Petra Dehler. Zuletzt sammelte sie übrigens Zöpfe beim Nick & Co. Cup zugunsten von Kindern mit Behinderungen, den Bettina Hühn von den Helfenden Händen Oberberg jährlich veranstaltet (mehr dazu in ENGELBERT Ausgabe 1/2019). Auch hier ging der Erlös an die Klinikclowns. Direkt im Anschluss blickte die Gummersbacherin begeistert auf das Fußballturnier zurück: „Ich glaube, die Leute haben die Welt an diesem Wochenende ein bisschen besser gemacht.“ 

Sie ist übrigens sicher: Es lassen sich noch viel mehr echte Haare gewinnen, aus denen dann Perücken hergestellt werden können für Menschen, die aus kosmetischen oder Krankheitsgründen einen Haarersatz brauchen. Dafür wird Petra Dehler auch in den nächsten Jahren voller Engagement aktiv sein – und schreibt damit Haar für Haar eine echt gute Geschichte.

Gutes tun

Manchmal ist es der Zufall, der ein Leben verändert. Das eigene. Und das vieler anderer. „Haben Sie schon vom Sohn meiner Cousine gehört? Von Nick? Der ist erst vier und hat einen Gehirntumor, der nicht operiert werden kann. Die Ärzte haben ihn zum Sterben nach Hause geschickt.“ Es ist das Jahr 2011, als Bettina Hühn diese wenigen Sätze hört über eine Familie und ihr Kind, die sie noch nie im Leben gesehen hat. Aber diese Sätze brennen sich ein. „Das war wie ein Unfall, der einem passiert. Und nicht mehr loslässt“, erinnert sich die gelernte Hotelfachfrau heute zurück. Was genau sie daran so bewegt hat? Vielleicht diese suggerierte Endgültigkeit. Da wird einer Familie gesagt: So, das war es. Dein Kind wird sehr bald sterben. Sieh mal zu. „Mit Nick hat alles angefangen. Er ist quasi unser Gründungskind“, sagt Bettina Hühn heute, sieben Jahre, nachdem sie „Helfende Hände Oberberg“ ins Leben gerufen hat. 

In dieser Zeit hat sie viele schwer kranke Kinder begleitet. Auch bis in den Tod. Hat am Sterbebett gesessen. Vor allem aber hat sie helfen können. Denn sie setzt sich für Familien ein, die scheinbar jede Hoffnung verloren haben. Sie kämpft für sie. Zum Beispiel für
Zuschüsse von Krankenkassen für dringend benötigte Hilfsmittel oder Therapien, die diese oft zunächst nicht finanzieren wollen. Bettina Hühn fackelt nicht lange, wenn ihr eine Sache wichtig ist. Sie macht, packt an. Kurz nachdem sie Nick und seine Familie kennen lernte, besorgte sie sich über private Kontakte unter anderem eine Inkontinenzmatratze, Desinfektionsmittel und weitere wichtige Utensilien. Denn es fehlte an vielem: „Da schickt man ein Kind zum Sterben nach Hause, ohne, dass die Versorgung gewährleitet ist.“ Bei diesem Satz hebt die toughe, souveräne, starke Frau ihre Stimme. Weil sie auch nach Jahren nicht versteht, warum manche Krankenkassen manche Leistungen einfach nicht gewähren. Deshalb ist sie zum Sprachrohr geworden und vertritt Eltern, die sich an sie wenden, bei Kassen, Ärzten oder auch Kliniken. Die Familien, die sie betreut, kennt Bettina Hühn alle persönlich.

Aber es geht ihr nicht nur um eine gerechte medizinische Versorgung. Sondern auch um ein bisschen Lebensfreude für schwer kranke Kinder und ihre Eltern, um Halt für Familien, deren komplettes Leben die Krankheit auf den Kopf gestellt hat, was insbesondere die Mütter oft stark belastet. Es geht um das Erfüllen von (manchmal letzten) Wünschen, um Ausflüge und Events. Und manchmal auch darum, einen Begleithund mitzufinanzieren, wie etwa für den schwer kranken Paul. Und ja, es geht auch um Öffentlichkeit. Um auf das Schicksal betroffener Kinder aus dem Oberbergischen und ihren Bedarf an Hilfe aufmerksam zu machen. Helfende Hände Oberberg ist Bettina Hühns private Initiative, die
2013 als Projekt in die Ursula-Barth-Stiftung integriert wurde  – deren Vorsitzende Bettina Hühn seit 2013 ebenfalls ist. Die Stiftung finanziert sich über Spenden. Und wer die sammeln möchte, muss über das Gute sprechen, das er tut. 

Bettina Hühn ist froh, sich über die Jahre ein gutes Netzwerk aufgebaut zu haben. Und was sie für die Kinder in den letzten Jahren erreicht hat, beeindruckt sehr. Am 15. und 16. Juni findet zum sechsten Mal der Nick & Co. Cup statt, ein Jugendfußballturnier der SpVg Dümmlinghausen-Bernberg, zu dem nationale und internationale Top-Teams nach Gummersbach kommen, unter anderem vom 1. FC Köln, FC St. Pauli und Juventus Turin. Sie alle kicken für den guten Zweck. Am 8. November veranstaltet Bettina Hühn „Eine Nacht für Nick & Co.“ in der Halle 32, eine Spendengala mit Drei-Gänge-Menü und großem Showprogramm samt anschließender Party. 

Die Erlöse kommen direkt den Kindern zu Gute. Auch Heiner Brand, Schirmherr und Sonderbotschafter der Helfenden Hände, wird bei der Gala zu Gast sein. 

Bettina Hühn müsste all das nicht tun. Sie könnte weiter, wie früher einmal, als Reiseleiterin auf Kreuzfahrtschiffen um die Welt reisen. Aber sie will es so. Das Ehrenamt erfüllt sie so sehr, dass sie ihren Job inzwischen aufgegeben hat. „Ich selbst habe davon nichts“, sagt sie bescheiden. „Aber die Familien, denen ich helfe, haben davon alles.“ Auch die von Nick, dem Kind, das einst zum Sterben nach Hause geschickt wurde. Sein Tumor ist seit einigen Jahren inaktiv.
Nick wird im Juni zwölf Jahre alt.