Die Heimat Finderin

im Gespräch

Petra Nadolny ist im Oberbergischen zu Hause. Und auf der Bühne. Und vor der Kamera. Und als Autorin. In so vielen Rollen und voller Leidenschaft. Sie bringt zum Lachen. Sie regt zum Nachdenken an. Und sie denkt bewegend an ein besonderes Jahr zurück. Das ihr trotz allem viel gegeben hat.

Ein einzelner Drehtag für eine Seriengastrolle. Oder ein halbjähriges Engagement am Theater. Ein kurzer Auftritt in einer Satireshow. Oder zweimonatige Dreharbeiten für einen Kinofilm. Immer wieder neu, immer wieder anders, immer neue Menschen. Für Petra
Nadolny ist es immer auch Heimat.

„Ich kann mich auf diese Projekte ganz und gar einlassen, mein Herz öffnen. Für einen Tag oder eine lange Zeit. Und ich kann auch loslassen, das habe ich gelernt in all den Jahren, das war ein Prozess. Und der ist wichtig, sonst würde man kaputtgehen. Ich weiß von Beginn an: Mit diesen Menschen, mit den Kollegen, den Regisseuren, arbeitest du jetzt für eine bestimmte Zeit. Das wird eine intensive Zusammenarbeit, gemeinsam geben wir alles für unser Ziel, ganz intensiv. Da durchströmt uns
die Kreativität. Aber immer ist da eine Endgültigkeit.Am Ende musst du die Menschen und das Projekt
loslassen. Weil ein neues beginnt. Damit umgehen können, das hat was mit Demut zu tun.“

Das Jahr 2020 ist bereits in den November gezogen, als die Schauspielerin, die schon in so viele Rollen geschlüpft ist, die 34 Jahre lang ihr eigenes Theater geführt und mehrere Bücher geschrieben hat, davon erzählt, wie es ist, Künstlerin zu sein. Und darin eine Heimat zu finden. Und gleichsam davon berichtet, was dieses so andere Jahr mit ihr gemacht hat. Wie soll man kreativ sein und bleiben, wenn einem die gesamte Jahresplanung um die Ohren fliegt? Wenn Dreharbeiten abgesagt und Theater geschlossen werden? Wenn niemand in der Branche wirklich weiß, wie es weitergehen soll, weil der Schockzustand aus dem Frühjahr einfach andauert?

„Man rast in eine Angst rein und fragt sich: Erinnert sich danach noch jemand an dich? Ich denke an die Premieren von zwei Kinofilmen, in denen ich mitgespielt habe, großartige Filme, die ich nicht besuchen konnte, weil der Lockdown kam. Dann die Theaterschließungen, dabei sind das doch keine Superspreader-Orte  … das ist schon alles in allem ein bedrückendes Jahr.“

Das sagt die Frau, die nicht nur durch ihre Rollen in den Kultparodie-Sendungen „Switch“ und „Switch Reloaded“ einem Millionenpublikum bekannt wurde – mehr als einhundert Charaktere hat sie hier in mehr als zehn Jahren verkörpert, unter anderem auf grandiose Weise die Literaturkritikerin Elke Heidenreich. Und die aktuell auch in der Satiresendung Extra3 zu sehen ist, weil ihr das komödiantische Talent einfach im Blut liegt. Aber selbst bei Extra3 waren die Dreharbeiten zwischenzeitlich wegen der Pandemie unterbrochen.
Was also tun? Umdenken. Sich besinnen. Auf die Heimat, ihr Lebensthema, seit sie noch vor der Wende aus der DDR ausgereist ist, weil sie mit der dortigen Ideologie nichts mehr zu tun haben wollte. So lernte sie in diesem Sommer ihre oberbergische Wahlheimat noch einmal ganz neu kennen. Noch mehr lieben. Mit ihrer Schönheit und auch ihrem Schrecken.
„Ich war so oft draußen. Habe viele
Obstbäume und Sträucher in unserem Garten gepflanzt, habe wie so viele Menschen das Wandern neu entdeckt, andere, ungewöhnliche Wanderwege kennengelernt, bin Kajak gefahren, und habe die Region dadurch noch mehr lieben gelernt. Was haben wir hier für eine traumhafte Umgebung, da geht einem doch das Herz auf. Und was haben wir gleichsam angerichtet, wenn man sich den Kahlschlag in den Wäldern anschaut. Da kommt der Klimawandel sehr nah. Deshalb habe ich beschlossen, mich noch stärker zu engagieren, Spenden zu sammeln, damit zum Beispiel andere, neue Baumarten in der Region angepflanzt werden können. Ich finde es total wichtig, direkt vor Ort etwas zu machen, was zu bewegen.“ 

Und Petra Nadolny, die nicht nur Schauspielerin, sondern auch Diplom-Journalistin ist, hat in den vergangenen Monaten auch wieder zum Schreiben
gefunden und neue Geschichten zu Papier gebracht. Auch darin spielt
Heimat eine Rolle. Heimat als Ort, an dem man lebt, als Beruf, den man liebt, als Mensch, mit dem man arbeitet. Immer geht es darum, Wurzeln zu schlagen, die bleiben werden, egal, was kommt. So wie beim Theater 1+1, das Petra Nadolny 34 Jahre lang gemeinsam mit ihrem Kollegen Wolfgang Fiebig
betrieben hat. Mit Leib und Seele.

„Wir haben alle unsere Stücke selber geschrieben, inszeniert und gespielt.
Wir haben alles selbst vermarktet. Es war einfach unser Theater.“

Es bot die komplette künstlerische Freiheit und war zugleich ein Gegenpol zur oft schnelllebigen und unkalkulierbaren Fernsehbranche. Ihr Theater im Jahr 2019 nach mehr als drei Jahrzehnten aufgeben zu müssen, weil sich Wolfgang Fiebig beruflich nach Leipzig orientierte, das war hart. Eine Heimat, die jetzt Erinnerung ist, und an die Petra Nadolny oft und gerne zurückdenkt. Aber sie blickt auch voraus, und das bei aller Nachdenklichkeit mit großer Freude und mit Optimismus. Denn mit sechzig Jahren, da geht sie einfach weiter. Weil Alter höchstens eine Nebenrolle spielt.

„Ja, die Sechzig … ich habe da gar keinen richtigen Bezug zu. Für manche Menschen mag dieses Alter sicher eine Rolle spielen. Man selbst glaubt das ja auch nicht. Man guckt in den Spiegel und denkt: Häh? Ich fühle mich frisch und gesund, bin noch fit in der Birne und fühle mich in nichts eingeschränkt. Ich weiß nicht einmal, ob ich mich als 25-Jährige besser gefühlt habe als
heute. Zumal ich ja all das, was ich mache und was ich liebe, so lange machen kann, wie es mir gut geht. Und genau das will ich, denn dafür ist dieser Beruf zu schön.“

Dieser Beruf, der sie im nächsten Jahr auch wieder auf die Theaterbühne führen wird – als Tatortreinigerin nach Vorlage der Kultserie mit Bjarne Mädel. Nur eben mit einer weiblichen Reinigungskraft in der Hauptrolle, die an den Tatorten von Verbrechen sauber macht und dort auf skurrile Charaktere trifft. Tragik trifft Komik – das ist genau ihr Ding.

Und auch ein Filmprojekt steht an, wie Petra Nadolny schon verrät. Ein WDR-Film, in dem es um eine Bäckerfamilie gehen wird, die wegen des immer noch stattfindenden Braunkohletagebaus ihr Dorf verlassen muss. Da ist es wieder, das Heimatthema, und nicht nur deshalb freut sich Petra Nadolny schon auf die Dreharbeiten zu dem Film, der in und um Aachen spielen soll. Sondern auch, weil es wieder etwas Neues ist. Weil sie wieder mit Kolleginnen und Kollegen spielen darf, die den Beruf genauso lieben wie sie. Deshalb sagt sie auch jedem jungen Menschen, der vielleicht ausgerechnet jetzt, in dieser seltsamen Zeit, überlegt, eine Karriere als Schauspielerin oder Schauspieler zu starten, Folgendes:

„Mach dein Ding. Das kann ich ganz uneingeschränkt sagen. Ja, mach dein Ding, wenn die Energie da ist, wenn du dafür brennst. Denn man kann jeden Tag eine andere Entscheidung treffen. Und jedes neue Projekt bleibt immer
eine Mutprobe.“