Anne für alle

porträt

Anne Loth ist Wipperfürths erste Bürgermeisterin. Sie bringt mehr mit als Führungserfahrung und eine Karriere in der freien Wirtschaft. Denn sie ist sie selbst geblieben. Und sie hat sich die Hansestadt bewusst ausgesucht. Dort hat sie viel vor.

Ding Dong. Wieder einmal. Und Anne Loth hat keine Ahnung, wer gleich öffnet. Aber genau darum geht es ja in diesem so anderen Sommer 2020. Einfach klingeln. Die Ratspolitiker von SPD und CDU, die ihre Bürgermeisterkandidatin bei ihren Hausbesuchen abwechselnd begleiten, kennen das mit dem Ding Dong schon – und so wird gerade das Ungewisse zum Reizvollen. Denn hinter jeder Tür lebt ein Bürger dieser Stadt. Ein Mensch, für den sich Anne Loth einsetzen will und wird. Deshalb lautet die Botschaft, wenn die Tür sich öffnet, auch nicht: Guten Tag, bitte wählen Sie uns. Sondern: Guten Tag, wir möchten uns bei Ihnen bewerben. Das kommt an. Auch bei einem Hundertdreijährigen und seiner kaum jüngeren Frau, der ihr am liebsten gleich seine ganze Wohnung zeigen möchte.



Es sind Begegnungen wie diese, die der 48-Jährigen jetzt, da sie keine Kandidatin mehr ist, sondern Wipperfürths erste Bürgermeisterin, noch am stärksten in Erinnerung sind am Ende eines nicht gerade ereignisarmen Jahres. Weil sie direkt mit den Menschen sprechen konnte. Hautnah erlebte, wie sie wohnen und leben. In der Innenstadt. In den Kirchdörfern. Und dass daraus eines der wichtigsten Themen ihrer ersten Amtszeit werden dürfte: Wohnraum schaffen. Für alle.
Für Familien. Und eben auch für jene Senioren, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Aber natürlich braucht eine Stadt noch so vieles mehr, um jetzt und auch in Zukunft lebens- und liebenswert zu sein. Klimaschutz, Bildung, Infrastruktur, Digitalisierung, Ansiedlung von Unternehmen, Tourismus, Einzelhandel – alles wichtig, alles elementar, keine Frage. Anne Loth, die sich Wipperfürth zum Leben und Arbeiten bewusst ausgesucht hat, die den Stolz und die Liebenswürdigkeit der Menschen im Oberbergischen Kreis und insbesondere in der Hansestadt schätzt, stellt noch einige andere Fragen vorne an: „Wo wollen wir eigentlich insgesamt hin mit dieser Stadt? Können wir überall alles umsetzen? Oder müssen wir uns nicht auf bestimmte Dinge fokussieren? Und welche sollten das sein?“ Auch darum wird es gehen. Und dafür wird Anne Loth alles geben. Mit einem guten Team und klarer Kommunikation.

So, wie sie es immer schon gemacht hat. In der freien Wirtschaft, wo sie unter anderem in Frankfurt am Main tätig war. Und zuletzt als Geschäftsführerin der Ökumenischen Initiative in Wipperfürth. Schnell ist sie. Im Denken. Im Handeln. „Ich muss dann immer zusehen, dass ich nicht zu schnell werde. Dass ich die anderen mitnehme“, gibt sie zu. Das ist gar nicht so einfach, wenn einem das eigene Tempo überhaupt nicht schnell vorkommt, weil man es gewohnt ist.
Und auch volle Termintage wie ihre ersten im Amt als Bürgermeisterin nicht als anstrengend oder gar belastend, sondern als bereichernd und herausfordernd empfindet.

Anne Loth liebt die Arbeit, denn sie ist damit aufgewachsen. „Ich komme aus der Landwirtschaft, bin auf einem großen Bauernhof aufgewachsen damals im Emsland. Da gab es immer etwas zu tun, von morgens bis abends, es gab eigentlich nie ein Ende der Arbeit“, erzählt sie. Und das hat sie auch nie gestört. Als Mutter von vier Kindern hat sie neben ihrem Job auch deren Alltag und den Haushalt gemanagt, unter anderem in einer Zeit, als ihr Mann beruflich oft im Ausland unterwegs war. Hat geklappt – und jetzt hält er ihr den Rücken frei.
Denn Bürgermeisterin ist man entweder ganz oder gar nicht, das ist Anne Loth klar. Den gesamten Wahlkampf hat sie neben ihrem Job bei der Ökumenischen Initiative gestemmt und sich immer wieder auf neue Mitbewerber eingestellt. Erst der Amtsinhaber Michael von Rekowski, der dann schon im Frühjahr beschloss, den Job zu wechseln, wegen der Pandemie doch bis zum Herbst blieb, und später die Gegenkandidaten Stefan Liedholz und Frank-Michael Müller. Und natürlich die Pandemie, die so vieles veränderte. Anne Loth nahm es, wie es kam. Mit all ihrer Erfahrung in Management und Menschenführung.
Sie weiß: Sie kann das. Deshalb hat sie auch damals nicht allzu lange gezögert, als man sie fragte, ob sie sich einen solchen Job denn vorstellen könne.
Den Familienrat einberufen, sich auf die eigenen Stärken besonnen und beschlossen: Ja, ich mache das. Und ich weiß auch, wie: „Ich möchte gerne das Scharnier sein zwischen Verwaltung, Politik und Bürgern. Und gerade die Bürger so gut in die Gestaltung dieser Stadt einbeziehen, wie es nur geht. Wir als Verwaltung sind hierbei der Dienstleister.“

Wie das gehen kann, haben schon die ersten Bürgersprechstunden gezeigt: Kommunikation, Kommunikation und noch einmal Kommunikation. Die Sprache der Menschen sprechen. Ihre Sorgen ernst nehmen. Mit den Unternehmern auf Augenhöhe im Kontakt bleiben. Diese schätzt Anne Loth übrigens sehr: „Ich bin absolut beeindruckt, welch großartige Firmen wir hier haben, die zum Teil weltweit eine Rolle spielen und deren Inhaber absolut bodenständig und heimatverbunden sind. Und von denen einige auch die oft so schwierige Nachfolge schon geregelt haben.“ Mit ihnen und den Bürgern, die in so vielen Vereinen und Institutionen engagiert sind, will Anne Loth Zukunft gestalten. Dafür langt es nicht, nur auf eine Amtszeit zu blicken, das weiß die 48-Jährige. Dafür braucht es einen Masterplan über zehn oder zwanzig Jahre. Klar, einen Plan gibt es, Gemeindeentwicklungskonzept lautet das Wort-Ungetüm dazu. Auch der Umbau des Busbahnhofs am Surgères-Platz taucht darin natürlich auf.

Konzepte erwachen zum Leben durch mutige Visionen. Durch clevere Ideen. Durch notwendige Kompromisse. Durch Mut zur Entscheidung. Und durch eine gemeinsame Geschichte, an der so viele Menschen wie möglich mitschreiben dürfen. Damit sie zu einem Erfolg wird.

Anne Loths Geschichte als Bürgermeisterin hat gerade erst begonnen. Sie muss die Menschen, mit denen sie arbeitet, erst noch alle kennen lernen und dann zusammenbringen. Sie wird sicher hier und da Strukturen verändern. Und sie will die Bürger mit ihrer wertschätzenden, authentischen und positiven Art anstecken. Um eine Stadt, die mehr als 800 Jahre alt ist, fit zu machen für die Zukunft.