Den das Gute ist so Nah

Des Wanderns Lust ist, dass man die Zwecklosigkeit genießt.“ Lieh Tse (chinesischer Philosoph).

Und der Blick öffnet sich. Erfasst die Weite. Das Licht. Sonne flutet den Moment, lässt Wiesen, Weiden, Wälder leuchten. Der riesenhafte Baum hinter uns, bedeckt von einem schneeweißen Blütenmeer. Allmählich beruhigt sich der Puls. Was für ein Anstieg auf die grüne Anhöhe über Engelskirchen. „Und jetzt? Wo geht es weiter?“, habe ich meinen Sohn eben noch gefragt, als wir im Tal in einer Sackgasse gelandet waren. Kurzes Umschauen. „Da lang.“ Er hat das gelbe Wanderschild und den schmalen Pfad schnell erblickt. Nur wie steil er sich den Berg hinaufschlängeln würde, das konnte keiner von uns ahnen. Steiler wird es nicht mehr werden auf diesen 36 Kilometern von Ründeroth bis Kürten-Biesfeld. Die Etappen eins und zwei des Bergischen Panoramasteigs, wir haben sie zusammengefasst. Wir werden eine alte Dampflok entdecken, die auf ewig in einem alten Bahnhof geparkt ist, der heute als Wohnhaus genutzt wird. Wir werden durch idyllische Hofschafen und über schier endlose Höhenzüge marschieren und auf die Städte und Gemeinden blicken. Wir werden an einem herrlich liebevoll gestalteten, privaten Wanderparkplatz Rast machen. Wir werden kurz vorm Ziel, nachdem wir fast acht Liter getrunken haben an diesem Sonnentag und jeden Muskel spüren, durch einen magischen Buchenwald wandern. All das erleben wir hier, im Bergischen Land.

Diese neue Zeit hat uns vieles genommen und gleichsam vieles geschenkt, vor allem: Zeit. Wir nutzen sie. Haben die Hunderunden morgens verdoppelt, haben neue Orte und Wege direkt vor der Haustür entdeckt. So wie diesen, den Bergischen Panoramasteig. 244 Kilometer, eine Fernwander-Route durch die Region. Sie beginnt und endet offiziell in Engelskirchen-Ründeroth, direkt an der Agger. Also starten wir da auch, irgendwann im April. Aber weil ich das Schild falsch lese, wandern wir nicht die knapp 17 Kilometer lange erste Etappe Richtung Freilichtmuseum Lindlar, sondern die zwölfte – in umgekehrter Richtung. „Ja, dann werden es wohl 21 Kilometer“, höre ich mich sagen, und meine Frau, die in den nächsten Wochen dankenswerterweise die Chauffeuse spielt und uns zu den einzelnen Wegpunkten des Steiges bringt und wieder abholt, muss nachher eben nach Nümbrecht fahren.

Von Radevormwald nach Wipperfürth, von dort nach Marienheide, später bis Bergneustadt. Mal sind es 20 Kilometer, mal 30, und einmal auch mehr, als wir die besagte Etappe eins nachholen und mit der zweiten verbinden. Und immer wieder stellen wir fest, wie atemberaubend schön unsere Heimat ist. Zumal uns der Frühling ein traumhaftes Wanderwetter schenkt. Heimat neu entdecken – Jens Eichner, Geschäftsführer der Das Bergische gGmbH, die zuständig ist für das Bergische Wanderland, glaubt, dass das gerade jetzt viele Menschen bewegt. 

Deswegen wächst auch das Erlebniswegenetz. Neben dem Bergischen
Panoramasteig beschreibt die Webseite
http://www.bergisches-wanderland.de sehr detailliert den Bergischen Weg, der von Essen bis Königswinter führt. Und die 25 Themenwanderwege, die Bergischen Streifzüge. Der neueste wird der Höhlenweg in Engelskirchen sein, der direkt an der Aggertalhöhle und in der Nähe des kürzlich entdeckten riesigen neuen Höhlennetzes entlang führt. Dort lässt sich zum Beispiel ein Bach entdecken, der in der Erde verschwindet und nach anderthalb Kilometern wieder auftaucht. Auch einige dieser Streifzüge mit ihren vielen Infotafeln rund um Kultur und Natur werden wir in den nächsten Monaten entdecken, zum Beispiel den wunderschönen Kräuterweg bei Neunkirchen-Seelscheid.

Es braucht nicht viel, um beim Wandern glücklich zu werden. Gute Schuhe und Wandersocken, genug zu trinken, ein paar Snacks, ein angenehmes Grundtempo. Wir sind generell recht zügig unterwegs, schaffen im Schnitt knapp fünf Kilometer die Stunde, lieben es, gerade am Berg das Tempo zu halten oder gar anzuziehen. „Jetzt kommt die Bergwertung“, sagt einer von uns bei jedem zweiten Anstieg, und wenn wir nach ein paar hundert Metern bergauf unseren Puls spüren, der Atem schneller wird und wir die Wasserflasche ansetzen, fühlt sich das unfassbar gut an. 

Wandern, das ist Aktivsein und gleichsam entspannen. Es ist unterwegs sein, ohne ankommen zu wollen. Es ist, insbesondere in NRW und im Bergischen Land, aber auch innehalten. Denn immer wieder, auf jeder Etappe, stapfen wir durch riesige Baumfriedhöfe, die zum Teil ganze Wegabschnitte unter sich begraben. Wir erschrecken uns beim Anblick der sterbenden, rindelosen Fichten, die als braun-graue Mahnmale nackt in den leuchtend blauen Himmel ragen. Die Trockenheit. Die Stürme. Die massenhafte Verbreitung des Borkenkäfers. Doch, und das tröstet, inmitten von Totholz erwacht hellgrünes, neues Leben. Kleine Tannen, manche beim nachhaltigen Aufforsten gesetzt, andere scheinbar zufällig entstanden, und junge Buchen wachsen heran.

Der Blick verliert sich mitunter in all dieser Vielfalt aus Flora und Fauna. Da, eine Ringelnatter. Und dort, eine Blindschleiche. Ein Fuchs macht im Zwielicht des nahenden Abends Jagd auf Mäuse. Ein Hase hoppelt frühmorgens durchs Gebüsch. Aber Obacht: Wo war nochmal unser gelbes Wegeschild?
Es ist unser Begleiter über all die Kilometer, und manchmal lässt es uns auch im Stich. Wenn bei Forstarbeiten genau der Baum gefällt wurde, der an einem Abzweig das Schild trug. Das erleben wir einige Male und verlaufen uns um ein paar Kilometer. Da kommt auch mal Frust auf, aber wir lernen: Es gehört dazu, dass man sich mal verläuft.

Für die Beschilderung setzt das Team vom Bergischen Wanderland übrigens ehrenamtliche Wegepaten ein, die regelmäßig auf den Etappen unterwegs sind. Und die machen ihren Job insgesamt wirklich gut. Eine Regel: Rund 50 Meter nach einer Abbiegung hängt ein „Bestätigungsschild“ nach dem Motto: Ja, du bist richtig. Weil aber zur Zeit an so vielen Stellen sterbende Bäume gefällt werden müssen, kann auch schon mal ein Schild fehlen. Wem das auffällt, der kann mit der praktischen App des Bergischen Wanderlandes Wegedetektiv spielen und die entsprechende Position online melden.

Was außerdem fehlt, sind mehr Unterkünfte. Klar, es gibt sie, auch entlang des Steigs, aber wir finden: Gerade für Touristen geht da noch mehr. Nicht nur Hotels oder Pensionen. Trekkingplätze zum Beispiel wie in der Eifel und im Hunsrück. Komplett naturnah gestaltet für Menschen, die legal dort zelten möchten und dafür, buchbar über eine Onlineplattform, auch gerne zehn Euro die Nacht zahlen. War in der Region sogar geplant, wie Jens Eichner erzählt. Wurde aber sowohl vom Rheinisch-Bergischen als auch vom Oberbergischen Kreis erstmal abgelehnt. Schade, nichts verstanden. 

Zum Glück sind einige Hoteliers und Gastronomen da mehr auf Zack. Sie bieten Wanderpauschalen an, transportieren auf Wunsch das Gepäck, leben Gastfreundschaft und Freundlichkeit.
Die erleben wir auch, wenn wir durch Hofschaften wandern oder andere
Wanderer treffen. Die auch entdecken, wie wertvoll ein neues Weniger sein kann. Schuhe an und los. Direkt vor der Haustür. Hier bei uns.