Der Lebenssegler

porträt

Vom Punk zum Lagerarbeiter. Vom Fast-Modedesigner
zum Model. Vom GZSZ-Star zum Kinoschauspieler. Vom Winnetou zum Theaterdarsteller. Ja, wir reden von ein und derselben Person. Dem Gummersbacher Jan Sosniok.

© Frank Wartenberg

Er wagt es mal wieder. Etwas zu tun, was er noch nie gemacht hat. Diesmal in Berlin im Schlossparktheater, mit Susan Sideropoulus: „Zwei wie Bonnie & Clyde“. Neunzig Minuten auf der Bühne, Abend für Abend. Momentan probt er, im April ist Premiere. Also dann: mal austesten, wie das wohl läuft. Ob sich Versagensängste blicken lassen? Und wenn schon. Einfach probieren.
Das Schöne, wenn man so durchs Leben geht und sich dabei auch noch geschickt anstellt: Die Erfahrung zeigt, dass es ja immer geklappt hat. So wie beim Gummersbacher Schauspieler Jan Sosniok. Ein Einfach-mal-Macher. 

„Ich war immer ein bisschen das Boot ohne Segel und bin durchs Meer getrieben. Und bin dann auf Inseln gelandet, von denen ich nicht wusste, dass es die gibt. Dort ergaben sich Gelegenheiten. Und die habe ich wahrgenommen.“

Eine wunderbare Form der Unangepasstheit hat Jan Sosniok, der am 14. März
52 Jahre geworden ist, schon in Oberberg in der Schule an sich entdeckt.
Still rumsitzen? Machen, was der Lehrer sagt? Äh … nö. Muss nicht sein. Lieber die Klassenkameraden unterhalten. Mit den Kumpels in Aktion sein. Sosniok, der mit neun Jahren mit seinen Eltern aus Gummersbach Richtung Reichshof zieht, arrangiert sich mit dem Schulalltag, nimmt ihn aber auch nicht allzu ernst.

„Die Lehrer schrieben in mein Zeugnis: Der Jan ist nicht dumm, der ist nur zu faul. Ich war nie zu faul. Ich hatte nur
immer bessere Sachen zu tun. Und da kam der Unterricht auch mal zu kurz.“ 

Zu diesen besseren Sachen gehört, das Leben zu genießen. Sein Ding zu machen. Anders zu sein. Auch auffallen zu wollen. Das geht in den Achtzigern in Oberberg wunderbar, wenn man sich als Punk neu erfindet. Macht Jan Sosniok. Mit Iro-Schnitt, schwarzen Klamotten, spitzen Stiefeln. Er besucht inzwischen die Hauswirtschaftsschule, gemeinsam mit einem Kumpel ist er der einzige Junge in einer Klasse voller Mädels, und das als Teenager – könnte schlimmer kommen. Einen Plan vom Leben hat Jan Sosniok da noch nicht, spürt aber: Es kann was Kreatives werden. Er näht sich sein Punk-Outfit zum Teil selber. Also vielleicht was mit Modedesign? Klar, warum nicht. Also nach Berlin zur Bewerberauswahl an einer Modeschule trampen. Es dauert vom tiefsten Oberberg aus eine Ewigkeit. Und zurück erst! Für Nüsse, denn mit der Modeschule wird es nichts. Nicht weiter schlimm, Nähen bleibt ein Hobby – und so repariert Sosniok heute auch mal die Hosen seiner Tochter. 

Die erste eigene Wohnung in Wiehl seinerzeit muss aber finanziert werden, also jobbt er. Auf Montage, im Lager, zur Not um vier Uhr morgens, der junge Gummersbacher ist sich für nichts zu fein, außerdem gibt es um vier ja noch Nachtzuschlag. Jan Sosniok ist dreiundzwanzig und noch immer das Boot ohne Segel. Ausgerechnet seine damalige Freundin hisst es dann eines Tages.

„Sie erfuhr, dass die Zeitschrift Max das Gesicht des Jahres 92 sucht und sagte: Mach doch da mal mit. Habe ich gemacht. Und kam von allen Bewerbern unter die besten zehn. Ja, und plötzlich hatte ich eine Agentur.“

Kurz darauf geht es konkret in eine Richtung: die Schauspielerei. Denn für die RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, damals noch in der Anfangszeit, heute ein Klassiker, und für Sosniok zu der Zeit schon ein Begriff, sucht neue Darsteller. Seine Agentur schlägt ihn vor. RTL will ihn. Der Lebenssegler nimmt Kurs auf Berlin. Und erkennt im Unsteten plötzlich etwas kurios Verlässliches.

„Ich bin oft in Jobs reingerutscht, von denen ich anfangs keine Ahnung hatte! Es hieß bei GZSZ: In zwei Wochen kannst du anfangen, aber du musst nach Berlin kommen. Also wegziehen aus Wiehl, aus Oberberg, wo ich die ersten 25 Jahre meines Lebens verbracht hatte. Letztlich war das kein Problem für mich, ich hatte gar keine Zeit, um groß drüber nachzudenken. 

Beim Schauspiel kommt es ja zuerst mal darauf an, die eigenen Hemmungen fallen zu lassen, sich was zu trauen. Techniken wie das richtige Atmen und so weiter kommen später dazu. Ich bin, glaube ich, ein guter Autodidakt. Wenn ich Skifahren lernen will, stelle ich mich an den Rand der Piste und schaue mir das von den anderen ab. Meine Frau staunt darüber immer.“

Sosniok macht, und er macht es offenkundig nicht so ganz verkehrt. Nach GZSZ dreht er über 40 Spielfilme, tritt in 35 unterschiedlichen Serien auf, feiert unter anderem mit „Berlin, Berlin“ Erfolge – und ist auch im Kinofilm zur Serie zu sehen, der am 19. März Premiere hat und auch im SEVEN in Gummersbach zu sehen sein dürfte. Dass er oft in der Rolle des gut aussehenden Schwiegersohns gebucht wird, stört ihn nicht weiter. Mit der Film- und Fernsehbranche, auch mit ihren Befindlichkeiten und Eitelkeiten, hat er sich längst arrangiert.

„Man wird dafür durchlässig. Weiß, wie man die unterschiedlichen Typen zu nehmen hat. Letztlich habe ich mir dank dieses Berufs, dieser Branche, ein schönes Leben aufbauen können in Berlin. Für meine Familie und mich.“

Die Familie, das ist Jan Sosnioks Hafen, die Insel, wo er auftankt. Da geht ihm nichts drüber. Übrigens auch, was Freunde und Verwandte in Oberberg betrifft, zu denen er nach wie vor engen Kontakt hat. Gleichwohl: Einen Segler zieht es auch immer wieder in neue Gefilde. Ausgerechnet bei der Verleihung des Musikpreises Echo wird er im Jahr 2012 gefragt, ob er Lust auf die berühmten Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg habe.

„Ich fragte: Warum nicht? Für welche Rolle denn? Und der Veranstalter antwortete: Können Sie sich aussuchen. Wir besetzen komplett neu. Ich dachte nur: Wenn mir die Nummer eins angeboten wird, warum was anderes nehmen? Es dauerte dann im Nachhinein noch etwas, aber Anfang 2013 kam der Anruf. Ich war Winnetou. Und konnte nicht reiten. Also bin ich für zwei Monate aufs Pferd gezogen, habe auf dem Sattel gelebt und alles getan für eine gute Show.“

Hat geklappt. So gut, dass Sosniok sechs Spielzeiten lang als Winnetou die Festspiele rockte und gemeinsam mit dem Ensemble jedes Jahr einen neuen Besucherrekord aufstellte. Fast 390.000 Zuschauer waren es 2018. Und was macht Jan Sosniok? Er setzt die Segel. Macht sich wieder auf zu neuen Ufern. Denn:

„Man soll die Party verlassen, wenn‘s am geilsten ist.“

Aktuelle Station: das Theater. 90 Minuten zu zweit auf der Bühne. Um es mit Pippi Langstrumpf zu sagen: Das hat Jan Sosniok noch nie gemacht – also kann 

er völlig sicher sein, dass er es schafft!