Gutes direkt vor der Haustür

regionalität

Georg und Jochen Offermann setzen in ihren Edekamärkten in Wipperfürth immer stärker auf Hersteller und Lieferanten aus der Region. Fisch, Eier, Bier, Fleisch, Honig von hier. Nachhaltig produziert und von bester Qualität.

Von hier. Für hier. Das ist für die Brüder Offermann in Wipperfürth mehr als ein Werbespruch. Es ist selbstverständlich geworden, denn in ihren Edekamärkten bieten sie mittlerweile viele hochwertige Produkte an, die in unmittelbarer Umgebung produziert werden – total lokal. Honig oder Landbier. Eier oder Fischspezialitäten. Rind- oder Schweinefleisch. Hergestellt von Menschen in und um Wipperfürth, die dieselbe Philosophie haben wie sie: Nachhaltig und naturnah denken und arbeiten. Die genau wissen, wo ihre Zutaten herkommen, weil sie sie aussuchen. Wie die Tiere, deren Fleisch sie später verarbeiten, leben, weil sie sie selbst aufziehen. Und welche herausragende Qualität im Produkt steckt, weil sie es selbst herstellen. Mit Leidenschaft, Können und einem Blick für die Region.

So wie das Team vom Hof Hedfeld am Rande von Kreuzberg. Von links kreuzen die Ferkel! Ja, das kommt dort jedes Jahr vor. Die Rinder, Schweine und Hühner laufen dort frei – wenn sie groß sind, natürlich in ihren Gehegen. Für ihre 1500 Hühner haben die Hedfelds sogar zwei mobile Hühnerställe angeschafft. „Fleisch und Wurst unserer Schweine und Rinder, die wir hier im Hofladen verkaufen – das ist High-End“, wissen die beiden Familien. Kartoffeln und Eier liefern sie an Offermann. Sie nutzen die natürlichen Ressourcen, wie es nur geht, auch fürs Futter ihrer Tiere. So viel wie nötig, so wenig wie möglich, lautet die Philosophie. Auch beim Kartoffelanbau: „Wir düngen unsere Böden mit natürlichen Rohstoffen. Weil wir eine Verantwortung gegenüber der Natur und ihren Schätzen haben, mit denen wir arbeiten.“

So wie in der Fischzucht Hahn an der Halver Straße
in Wipperfürth. Wer wie Denis Hahn und seine Familie
die Fische vom Ei angefangen züchtet, der braucht ein
immenses Fachwissen. Wie muss das Futter sein? Wie das
Wasser? Wie sorge ich für eine möglichst naturnahe Zucht? „Wir wissen ganz genau, wie das funktioniert“, erklärt Denis Hahn. „Und wir wissen, was die Menschen aus der Region
mögen. Dass sie unsere Forellen und Lachsforellen lieben. Ebenso wie zum Beispiel den Saibling, der auch von vielen Restaurants geordert wird und sehr gut ankommt.“
Die Hahns füttern von Hand, verarbeiten und räuchern
selber. Es dauert mitunter anderthalb Jahre und mehr
vom Ei bis zum handelsfertigen Fisch. „Das ist es uns wert.
Denn wir erfüllen höchste Standards an die Qualität.“

So wie in der Rönsahler Brauerei. Wer ein Rönsahler Helles, ein Dunkles oder das kräftige Bockbier probiert, ist begeistert. Vollmundig, süffig, lecker! Das Team um Tim Feldmann legt größten Wert auf den Brauvorgang: „Wir wissen, wie gut das nach alter Tradition gebraute Landbier ist. Apropos Tradition: Unsere Kupfersudpfanne wird direkt befeuert, und wir brauen darin ausschließlich sorgfältig ausgewählte Qualitätsmalze mit feinstem Brauwasser.“ Das Landbier gärt vier bis sechs Tage, bevor es sechs Wochen lang in den Lagerkellern reift. So entfaltet es auf natürliche Weise sämtliche Aromen und Geschmacksstoffe. Ob in der Dreiviertel-Liter-Flasche oder im Zwei-Liter-Bier-Siphon – traditionelles Rönsahler Landbier gehört zu einer gelungenen Feier einfach dazu.

So wie bei der Imkerin Angelika Leistikow.

Sie ist inzwischen seit 14 Jahren Imkerin und auch Bienensachverständige, betreibt neun Wirtschaftsvölker, züchtet Jungvölker und bildet Jungimker aus. Und sie liebt es, das zu ernten, was die Natur hier bei uns zu bieten hat. Im Frühjahr kann das ein Löwenzahnhonig sein, im Sommer auch Klee- oder Wald- und Blütenhonig. „An der Farbe der Pollenhöschen kann ich bestimmen, wo die Bienen gerade waren. Welchen Honig es wohl demnächst geben wird. Ich
mache alles selber: Die Bienenhaltung,
die Honigproduktion. Und ich imkere nach biologischen Grundsätzen, das ist mir sehr wichtig.“

 

So wie bei Berg und Mark. Vanessa Beinghaus erzählt: „Erst zum Ende meines Studiums der Agrarwissenschaften war mir klar: Ja, ich gehe zurück ins Familienunternehmen, auf den Hof meiner Eltern in Vossebrechen. Und ich bin sehr froh über diesen Schritt, denn so habe ich die Vermarktung und den Vertrieb des regionalen Fleisches nicht nur in der Hand. Ich weiß auch ganz genau, wie es verarbeitet wird.“ Geschlachtet werden unter anderem Schweine im Auftrag anderer Landwirte sowie eigene Rinder, und das für die Tiere so schonend wie möglich. Die Qualität des Fleisches prüfen die Experten genau. Sie verarbeiten zum Beispiel montags bis mittwochs Wurst und Fleisch vom Schwein, donnerstags und freitags das vom Rind. Und liefern es umgehend aus: „Ganz ehrlich: Viel frischer als bei uns geht eigentlich gar nicht. Und dabei arbeiten wir sehr nachhaltig. So produzieren wir den Strom für die Metzgerei per PV-Anlage selbst und verwenden SB-Verpackungen aus
100 Prozent recyclingfähigem Material.“

Janine goes green

Nachhaltigkeit

Von der Groß- und Außenhandelskauffrau zur
Explosiv-Moderatorin bei RTL. Und von da zur Autorin, Speakerin und Expertin für Umwelt- und Zukunfts-
themen: Die Engelskirchenerin Janine Steeger.

©NadineDilly

März 2011. Janine Steeger verfolgt wie Millionen andere Menschen, was da gerade im japanischen Fukushima abgeht. Unterwasserbeben. Tsunami. Atomarer Gau. Sie ist zu der Zeit schwanger, sitzt über Tage vor dem Fernseher, dem Medium, dem sie ihre eigene Karriere zu verdanken hat. Denn sie ist das Gesicht des RTL-Magazins „Explosiv“. Und jetzt? Beginnt das Umdenken. Kommen die Fragen: Kann das so weitergehen, wie wir Menschen leben? Ist Atomkraft die Antwort auf unsere Energiefragen? Wie will ich meinem Kind eigentlich unsere Welt hinterlassen? So beginnt die Erfolgsfrau aus Engelskirchen, für die es bis dato über viele Jahre immer höher, schneller, weiter ging, sich mit Grenzen des Wachstums zu befassen. Sie entwickelt sogar die Idee für eine Nachhaltigkeitssendung. Nur ist sie ihrer Zeit weit voraus: „Ich bin damit komplett durchgefallen.“ Also weiter Explosiv moderieren? Weiter Boulevard machen, was sie ja seit Jahren auch liebt? Ja, eine Zeit lang, bis sie 2015 …

… aber Halt. Das ging jetzt ganz schön schnell, oder? Stimmt, denn für Janine Steeger nahm das Leben von Jahr zu Jahr mehr Fahrt auf. Seit sie als Teenager, mit dreizehn oder vierzehn Jahren, das erste Mal auf RTL die Sendung „Explosiv“ sah – damals noch moderiert von Barbara Eligmann. Die kannte in Deutschland jeder. Jetzt auch die junge Engelskirchenerin: „Es war total absurd. Wir hatten zu Hause keine Satellitenschüssel, konnten nur die öffentlich-rechtlichen Sender empfangen. Ich sah Explosiv bei einer Freundin. Und ein paar Sekunden reichten aus, dass ich wusste: Das will ich. Ich will diese Sendung eines Tages moderieren.“ Aber erzähl das mal einem in Oberberg … Nee, ist klar, Janine! Genau …! Sie selbst bekam nach dem Abi am Aggertal-Gymnasium auch Angst vor der eigenen Courage. Also doch was Klassisches machen: Eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau im elterlichen Betrieb. Gedacht, gemacht, „obwohl ich genau wusste, dass ich den nie übernehmen würde.“

Der Traum von der Medienkarriere, er lebte insgeheim weiter. Also kündigen. Ein Studium beginnen, Germanistik und Co; halt irgendwas, was mit Medien zu tun haben könnte. Nebenbei Praktika absolvieren. In der Heimat, bei der Oberbergischen Volkszeitung, bei Radio Berg. Dort später als Freie Mitarbeiterin. Weiter studieren. Chancen erkennen. Und sie nutzen: „Eines Tages bekam ich einen Praktikumsplatz bei ProSieben in München, bei der Sendung Taff. Ich kannte dort jemanden, mit dem ich zur Schule gegangen war. So viel zum Thema Klüngel“, erinnert sich Janine Steeger und lacht. Und so viel zum Thema Schicksal: Sie beginnt in München am Tag nach dem Unfalltod von Lady Di. Eine Tragödie. Und, so ist das nun mal in der Medienwelt: Eine Themenwiese, die sich in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren bestens bespielen lässt. Janine Steeger wagt den Sprung ins kalte Wasser und schwimmt sich frei. Absolviert ein Volontariat bei ProSieben, dreht erste Beiträge, lernt Moderieren – und sie lernt, es auszuhalten, sich selbst vor der Kamera agieren zu sehen: „Das ist am Anfang der Horror. Aber da muss man durch. Es ist unglaublich wichtig, sich die ersten und auch die späteren Moderationen immer wieder selber anzuschauen.“

Die Engelskirchenerin liebt es. Das Schnelle. Den Zeitdruck. Die tagtägliche scheinbare Unmöglichkeit, binnen Stunden oder Minuten Infos und Bilder aus ganz Deutschland zu besorgen, um daraus einen Beitrag für die Abendsendung zu machen. Sie geht darin auf: „Ich habe eine Eigenschaft, die viele in der Branche haben und haben müssen: Je hektischer es wird, je größer der Druck, desto ruhiger werde ich. Ich kann dann ganz klar denken.“ Muss sie auch. Erst recht später als Chefin vom Dienst, als sie selbst die Beträge anderer Mitarbeiter abnehmen muss. Erst recht, als sie zu RTL Nord nach Hamburg wechselt, einer echten Talentschmiede, die schon so manchen deutschen Top-Moderator hervorgebracht hat. Wo sie selbst zu einer Top-Moderatorin wird. Und natürlich, als sie eines Tages zum Casting nach RTL in Köln geht – denn dort wird ein neues Gesicht für Explosiv gesucht: „Ich war gut vorbereitet, gleichsam total aufgeregt. Es klappte. Gerade, als ich mit meinem Mann in Köln eine Wohnung suchte, kam der Anruf. Als mich dann später alte Freundinnen bei RTL sahen, konnten Sie es kaum fassen, dass ich meine Ankündigung von damals, noch als Teenager, wahr gemacht hatte. Ich selbst hatte das gar nicht mehr auf dem Schirm.“ Sieben Jahre lang moderiert sie also die RTL-Kultsendung. Bis …

… 2015. Vier Jahre nach Fukushima. Vier Jahre, in denen sich Janine Steeger damit befasst hat, wie man nachhaltiger leben, das Klima schützen kann – und dass man dabei nicht perfekt sein muss. Sondern erst einmal: anfangen sollte. Wie sie: „Wir haben zuerst unser Auto verkauft, erledigen alles mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Haben, als die Kapsel-Kaffeemaschine kaputt war, eine neue gekauft und mit Fairtrade-Bohnen gefüllt. Haben Obst und Gemüse nicht mehr eingepackt, sind mit Mehrwegbeuteln zum Bäcker.“ Sie selbst hat sich auch wissenschaftlich mit dem Thema befasst, an der Fernuni den Kurs „Betriebliches Umweltmanagement und Umweltökonomie“ absolviert. 

Und … sie hat bei RTL gekündigt. Um sich hauptberuflich dem Thema Nachhaltigkeit zu widmen. Um die richtigen Fragen zu stellen. Wie diese: „Warum stehen auf den Verpackungen nicht einfach Marker: Ich gehöre in den Restmüll, ich gehöre in den gelben Sack, und so weiter. Dann würde das ständige Grübeln beim Entsorgen aufhören.“ Sie ist überzeugt, dass jeder etwas tun kann. Aber es brauche auch große, globale Lösungen, für die sich ganze Konzerne zusammentun, um entscheidend das Klima zu schützen. Über ihre Webseite kann man „Green Janine“ buchen. Als Speakerin, als Moderatorin – und man kann das Moderieren bei ihr lernen, denn sie ist als Medientrainerin aktiv. Zu ihren Auftritten reist sie mit dem Zug, trägt dabei Kleidung aus nachhaltiger Produktion, arbeitet soweit es geht papierlos. Sie möchte motivieren und inspirieren, denn jeder kann in vielen kleinen Schritten das Klima schützen. Ohne Druck, Stress, schlechtes Gewissen. Sondern mit Spaß. Vermisst sie den Boulevard eigentlich? 

Ein bisschen vielleicht. Aber Janine Steeger weiß heute auch: Es gibt einfach Wichtigeres. 

Zum Holländer

löffelweise

Bei Peter Hartkopf in Lindlar gibt es noch traditionelle
deutsche Küche – aber mit dem gewissen Etwas.

Mmmh … wie das schon wieder duftet! Da läuft einem glatt das Wasser im Mund zusammen.
ENGELBERT ist heute noch einmal zu Gast bei Peter Hartkopf. Um genau zu sein in seinem Restaurant „Zum Holländer“ in Lindlar. Hier zaubert der Koch heute zartes Rinderschmorsteak mit einer Portweinsauce, Gemüsestreifen und einem Kartoffel-Schnittlauch-Püree. Klingt fantastisch. Schmeckt auch so …
Peter Hartkopf beginnt mit den Steaks. Diese brät er in einer Pfanne von beiden Seiten scharf an, sodass sie von innen aber noch roh sind. Denn nach dem Braten kommen sie für ungefähr eine Stunde zum Schmoren in einen großen Topf mit Rinderfond. Gleichzeitig braten in einer Pfanne rote Zwiebeln an. Um die Farbe zu verstärken gibt der Koch Tomatenmark hinzu und löscht sie mit Rotwein ab. Das Ganze kommt dann mit in den Schmortopf.
In einem anderen Topf köchelt die Portweinsoße vor sich hin. Sie besteht aus einer selbst gemachten Bratengrundsoße und – wie es der Name schon sagt – selbstverständlich aus Rot- und Portwein.
Für das Beilagengemüse wählt Peter Hartkopf Kohlrabi, Möhren, Zuckerschoten, Brokkoli und Keniabohnen. Sein Tipp für das Gemüse: „Immer ein gutes Stück Butter und eine Prise Zucker zum Glasieren hinzufügen. Schmeckt nicht nur lecker, sondern gibt dem Gemüse auch einen tollen Glanz.“
Als zweite Beilage fehlt jetzt nur noch das selbst gemachte Kartoffelpüree. Dieses wird ganz klassisch aus gestampften Kartoffeln, Butter und einem Schuss Sahne zubereitet. Das Fleisch ist nun auch fertig geschmort und zerfällt schon fast beim Zuschauen. Peter Hartkopf richtet alles geschmackvoll auf einem Teller an.
Den alten DDR-Gasherd, von dem wir beim letzten Besuch berichtet haben, gibt es übrigens seit Kurzem nicht mehr in der Küche – und der Koch-Meister trauert ihm noch ein wenig nach. Doch trotz der technischen Umstellung schafft es das Team vom Holländer immer wieder, seine Gäste glücklich zu machen. Und nach diesem super leckeren
Gericht ist es ENGELBERT auch!

Sie machen einfach. Und es wird grandios.

musik

Superthousand aus Gummersbach fangen das Leben in ihren Songs ein. Mit ihrem neuen Album mehr denn je. Ist das
Psychedelic Rock? Alternative? Progressive? Independent? 

Ist egal. Denn Großartigkeit braucht keine Kategorie.

 

Foto: Ingo Winkelströter

Wow, das klingt wie … nein. Weg damit. Furchtbar, immer dieses Vergleichsdenken. Man hat schon so vieles gehört. Also noch mal: Es klingt gut. Melancholisch. Kraftvoll. Ernst. Ja, es rockt. Aber nicht brachial. Ein bisschen psychedelisch? Ja, durchaus. Aber nicht verschwurbelt. Nicht gewollt intellektuell. Es erfordert ein aufmerksames Lauschen. Ein mehrmaliges. Kein Wunder bei Songlängen von im Schnitt sechs und gerne auch mal elf Minuten, vielen Tempowechseln und recht komplexen Melodien. Keine Musik zum Rückwärtseinparken. Eine Musik, um das Licht zu dimmen, die Boxen aufzudrehen, die Augen zu schließen. 

Und sich klar zu machen: Verdammt noch mal, wir haben in Oberberg sau-
gute Bands. So wie Superthousand aus Gummersbach. Sie waren zu viert, jetzt sind sie zu dritt, aber sie klingen wie zehn. Sänger und Gitarrist Dominik Mertens schafft es, so viel Gefühl und Leidenschaft in seine raue, bewegende Stimme zu legen, dass er den Hörer schon bei der ersten Zeile von „World on Wire“ packt, dem Opener des neuen Albums mit dem etwas kryptischen Titel #trnsit. Ja, das Weglassen von Vokalen ist im Trend, ansonsten entziehen sich Superthousand aber jeglichen Kategorien. Das Trio, zu dem mit Drummer Markus Missbrandt sowie Lars Dreier, Bassist, Keyboarder und Gitarrist nicht nur kreative Songschreiber, sondern gleichzeitig auch begnadete Soundtüftler gehören, hat die wunderbare Freiheit von Menschen, die keinen fragen müssen. Sondern einfach machen. „Ich habe ein so zugepacktes Leben. Das hier, diese Montagabende in unserem Proberaum in Gummersbach, da kann ich einfach alles fließen lassen. Und ich hab noch nie mit Musikern gearbeitet, die auch als Freunde so cool sind“, bringt es Dominik auf den Punkt. 

Im Proberaum in Gummersbach sind auch die bisher drei Superthousand-Platten entstanden: „Universe Reverse“ im Jahr 2013 mit sechs Songs, „Voyage“ drei Jahre später mit fünf Tracks. Und nun „#trnsit“. Wieder ein Song mehr –und zwei Zehnminüter. „Das sagen wahrscheinlich alle Bands, aber: Wir haben noch mal eine Schippe draufgepackt. Wir hatten mehr Zeit, hatten mehr Leute um uns herum, die uns unterstützt haben. Das ist ein bisschen wie beim Film mit anfangs SD, dann HD und später 4K“, 

sagen die drei. Sie jammen jeden Montag, „und wenn wir Glück haben, läuft irgendwo ein Aufnahmegerät und wir halten die Melodie fest. Einer von uns hat später vielleicht einen Text dazu. Und am Ende wird ein Song draus.“ Elektronischer sind die Songs geworden, ihr Sound ist noch einmal deutlich besser abgemischt. Und sie stecken voll schöner Ideen: Den Takt von „Safe and Now“, dem letzten Song auf dem neuen Album, das ENGELBERT schon vor der Veröffentlichung hören durfte, bilden zu Anfang gleichmäßige Schritte. Über einen Waldweg? Auf einer Lichtung? Egal. Man hört zu und geht einfach mit. Spürt die Melancholie, die diesen Song durchzieht. Erlebt, wie er sich aufbaut, Sekunde für Sekunde. Wie er nach zweieinhalb Minuten von der Ballade in eine Rocknummer explodiert. Wie er wieder ruhiger wird. Und erneut Fahrt aufnimmt. Plötzlich erklingt ein Didgeridoo in diesem zehnminütigen wunderbaren Auf und Ab. Ein Song wie ein Leben. Und genauso plötzlich zu Ende.

Superthousand fangen das Leben ein. Kreieren Gänsehautmomente. Auf ihrem Album. Und live. Mehr Auftritte sollen es werden, und wenn man Drummer Markus, der sich als Schlagzeuglehrer und Mitglied einer Rage-against-the-machine-Coverband durchaus Berufsmusiker nennen darf, fragt, dann am liebsten jede Woche: „Auf der Bühne, hinterm Schlagzeug, das ist mein Happy Place.“ Nicht nur seiner. Weil nicht nur Superthousand in den Liveversionen ihrer Songs aufgehen, sondern auch ihre Fans. „Und es ist egal, ob uns Leute in Kuala Lumpur, in Hamburg oder in Oberberg hören. Es ist schön, wenn sie kommen. Nicht, weil es Bier gibt oder wir ihre Nachbarn sind, sondern weil sie unsere Musik gut finden.“

Diese Musik ist gut. So gut, dass die Band und ihre Songs, bei allem Lokalkolorit, auf eine große Bühne gehören. Und in die Hände einer Plattenfirma, die sie fördert. Und ihnen bitte alle Freiheiten lässt. Denn diese musikalische Kreativität braucht ihren Raum. Für noch viel mehr grandiose Songs. 

Der Lebenssegler

porträt

Vom Punk zum Lagerarbeiter. Vom Fast-Modedesigner
zum Model. Vom GZSZ-Star zum Kinoschauspieler. Vom Winnetou zum Theaterdarsteller. Ja, wir reden von ein und derselben Person. Dem Gummersbacher Jan Sosniok.

© Frank Wartenberg

Er wagt es mal wieder. Etwas zu tun, was er noch nie gemacht hat. Diesmal in Berlin im Schlossparktheater, mit Susan Sideropoulus: „Zwei wie Bonnie & Clyde“. Neunzig Minuten auf der Bühne, Abend für Abend. Momentan probt er, im April ist Premiere. Also dann: mal austesten, wie das wohl läuft. Ob sich Versagensängste blicken lassen? Und wenn schon. Einfach probieren.
Das Schöne, wenn man so durchs Leben geht und sich dabei auch noch geschickt anstellt: Die Erfahrung zeigt, dass es ja immer geklappt hat. So wie beim Gummersbacher Schauspieler Jan Sosniok. Ein Einfach-mal-Macher. 

„Ich war immer ein bisschen das Boot ohne Segel und bin durchs Meer getrieben. Und bin dann auf Inseln gelandet, von denen ich nicht wusste, dass es die gibt. Dort ergaben sich Gelegenheiten. Und die habe ich wahrgenommen.“

Eine wunderbare Form der Unangepasstheit hat Jan Sosniok, der am 14. März
52 Jahre geworden ist, schon in Oberberg in der Schule an sich entdeckt.
Still rumsitzen? Machen, was der Lehrer sagt? Äh … nö. Muss nicht sein. Lieber die Klassenkameraden unterhalten. Mit den Kumpels in Aktion sein. Sosniok, der mit neun Jahren mit seinen Eltern aus Gummersbach Richtung Reichshof zieht, arrangiert sich mit dem Schulalltag, nimmt ihn aber auch nicht allzu ernst.

„Die Lehrer schrieben in mein Zeugnis: Der Jan ist nicht dumm, der ist nur zu faul. Ich war nie zu faul. Ich hatte nur
immer bessere Sachen zu tun. Und da kam der Unterricht auch mal zu kurz.“ 

Zu diesen besseren Sachen gehört, das Leben zu genießen. Sein Ding zu machen. Anders zu sein. Auch auffallen zu wollen. Das geht in den Achtzigern in Oberberg wunderbar, wenn man sich als Punk neu erfindet. Macht Jan Sosniok. Mit Iro-Schnitt, schwarzen Klamotten, spitzen Stiefeln. Er besucht inzwischen die Hauswirtschaftsschule, gemeinsam mit einem Kumpel ist er der einzige Junge in einer Klasse voller Mädels, und das als Teenager – könnte schlimmer kommen. Einen Plan vom Leben hat Jan Sosniok da noch nicht, spürt aber: Es kann was Kreatives werden. Er näht sich sein Punk-Outfit zum Teil selber. Also vielleicht was mit Modedesign? Klar, warum nicht. Also nach Berlin zur Bewerberauswahl an einer Modeschule trampen. Es dauert vom tiefsten Oberberg aus eine Ewigkeit. Und zurück erst! Für Nüsse, denn mit der Modeschule wird es nichts. Nicht weiter schlimm, Nähen bleibt ein Hobby – und so repariert Sosniok heute auch mal die Hosen seiner Tochter. 

Die erste eigene Wohnung in Wiehl seinerzeit muss aber finanziert werden, also jobbt er. Auf Montage, im Lager, zur Not um vier Uhr morgens, der junge Gummersbacher ist sich für nichts zu fein, außerdem gibt es um vier ja noch Nachtzuschlag. Jan Sosniok ist dreiundzwanzig und noch immer das Boot ohne Segel. Ausgerechnet seine damalige Freundin hisst es dann eines Tages.

„Sie erfuhr, dass die Zeitschrift Max das Gesicht des Jahres 92 sucht und sagte: Mach doch da mal mit. Habe ich gemacht. Und kam von allen Bewerbern unter die besten zehn. Ja, und plötzlich hatte ich eine Agentur.“

Kurz darauf geht es konkret in eine Richtung: die Schauspielerei. Denn für die RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, damals noch in der Anfangszeit, heute ein Klassiker, und für Sosniok zu der Zeit schon ein Begriff, sucht neue Darsteller. Seine Agentur schlägt ihn vor. RTL will ihn. Der Lebenssegler nimmt Kurs auf Berlin. Und erkennt im Unsteten plötzlich etwas kurios Verlässliches.

„Ich bin oft in Jobs reingerutscht, von denen ich anfangs keine Ahnung hatte! Es hieß bei GZSZ: In zwei Wochen kannst du anfangen, aber du musst nach Berlin kommen. Also wegziehen aus Wiehl, aus Oberberg, wo ich die ersten 25 Jahre meines Lebens verbracht hatte. Letztlich war das kein Problem für mich, ich hatte gar keine Zeit, um groß drüber nachzudenken. 

Beim Schauspiel kommt es ja zuerst mal darauf an, die eigenen Hemmungen fallen zu lassen, sich was zu trauen. Techniken wie das richtige Atmen und so weiter kommen später dazu. Ich bin, glaube ich, ein guter Autodidakt. Wenn ich Skifahren lernen will, stelle ich mich an den Rand der Piste und schaue mir das von den anderen ab. Meine Frau staunt darüber immer.“

Sosniok macht, und er macht es offenkundig nicht so ganz verkehrt. Nach GZSZ dreht er über 40 Spielfilme, tritt in 35 unterschiedlichen Serien auf, feiert unter anderem mit „Berlin, Berlin“ Erfolge – und ist auch im Kinofilm zur Serie zu sehen, der am 19. März Premiere hat und auch im SEVEN in Gummersbach zu sehen sein dürfte. Dass er oft in der Rolle des gut aussehenden Schwiegersohns gebucht wird, stört ihn nicht weiter. Mit der Film- und Fernsehbranche, auch mit ihren Befindlichkeiten und Eitelkeiten, hat er sich längst arrangiert.

„Man wird dafür durchlässig. Weiß, wie man die unterschiedlichen Typen zu nehmen hat. Letztlich habe ich mir dank dieses Berufs, dieser Branche, ein schönes Leben aufbauen können in Berlin. Für meine Familie und mich.“

Die Familie, das ist Jan Sosnioks Hafen, die Insel, wo er auftankt. Da geht ihm nichts drüber. Übrigens auch, was Freunde und Verwandte in Oberberg betrifft, zu denen er nach wie vor engen Kontakt hat. Gleichwohl: Einen Segler zieht es auch immer wieder in neue Gefilde. Ausgerechnet bei der Verleihung des Musikpreises Echo wird er im Jahr 2012 gefragt, ob er Lust auf die berühmten Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg habe.

„Ich fragte: Warum nicht? Für welche Rolle denn? Und der Veranstalter antwortete: Können Sie sich aussuchen. Wir besetzen komplett neu. Ich dachte nur: Wenn mir die Nummer eins angeboten wird, warum was anderes nehmen? Es dauerte dann im Nachhinein noch etwas, aber Anfang 2013 kam der Anruf. Ich war Winnetou. Und konnte nicht reiten. Also bin ich für zwei Monate aufs Pferd gezogen, habe auf dem Sattel gelebt und alles getan für eine gute Show.“

Hat geklappt. So gut, dass Sosniok sechs Spielzeiten lang als Winnetou die Festspiele rockte und gemeinsam mit dem Ensemble jedes Jahr einen neuen Besucherrekord aufstellte. Fast 390.000 Zuschauer waren es 2018. Und was macht Jan Sosniok? Er setzt die Segel. Macht sich wieder auf zu neuen Ufern. Denn:

„Man soll die Party verlassen, wenn‘s am geilsten ist.“

Aktuelle Station: das Theater. 90 Minuten zu zweit auf der Bühne. Um es mit Pippi Langstrumpf zu sagen: Das hat Jan Sosniok noch nie gemacht – also kann 

er völlig sicher sein, dass er es schafft!