Saitenweise Leidenschaft

musik

Luciano Marziali ist ein Gitarrenvirtuose. In Gummersbach hat er die Konzertreihe „Zauber der Gitarre“ etabliert. Vor der Show am 13. Dezember in der Halle 32 blickt
er auf 40 Jahre Musikerleben zurück.

Wenn er am Freitag, den 13. Dezember, gemeinsam mit seinem Duettpartner Tobias Kassung bekannte Filmmelodien auf der Gitarre interpretiert, ist das für die Besucher der Halle 32 ein wahrer Glücksfall. Denn Luciano Marziali ist ein Virtuose. Einer, der für das Gitarrenspiel lebt. Einer von ganz wenigen Menschen, die schon sehr früh im Leben wissen, was sie später einmal machen werden. Dass diese eine Sache, komme, was wolle, immer zu ihrem Leben gehören wird. Das Wunderbare an der Konzertreihe „Zauber der Gitarre“, die der Italiener in Gummersbach ins Leben gerufen hat: Er teilt sich die Bühne mit anderen hervorragenden Künstlern. Im Dezember werden es neben Kassung mit Livio Gianola der sicherlich höchstgeschätzte Flamenco-Gitarrist Italiens sowie der schon seit den 70er Jahren weltweit angesehene deutsche Akustikgitarrist Peter Finger sein. Ein Abend und drei Konzertteile mit je 40 Minuten in einer musikalischen Qualität, wie man sie so in der Region sicher selten erlebt. 

Das Schöne an Konzerten ist ja, Menschen dabei zuschauen und zuhören zu dürfen, wie sie das tun, was sie lieben. Luciano Marziali entdeckte diese Liebe, da war er gerade mal drei Jahre alt. „Mein Vater spielte damals hobbymäßig eine Gitarre, und ich griff immer wieder zu dem Instrument. Dann bekam ich meine erste eigene Gitarre aus Plastik, um zu schauen, was passiert. Ich habe immer wieder daran herumgeklimpert. Mit sechs Jahren folgte dann eine richtige aus Holz. Und ich spielte. Und meine Eltern merkten, dass ich richtig Lust darauf hatte.“ Er spielte gut, so gut, dass sein erster Musiklehrer eingestand: Der Junge braucht eine besondere Förderung, er braucht andere Musiklehrer. Seine Eltern ermöglichten ihm das. Und noch mehr: Als Luciano Marziali elf Jahre alt war, erhielt er die Chance, sich fürs Musikkuratorium in seiner italienischen Heimat zu bewerben. Er wurde aufgenommen. Was das nun bedeuten würde, war ihm vollkommen klar: „Die nächsten zehn Jahre mehrmals die Woche nach der Schule noch einige Stunden Gitarre lernen.“ 

Hui. Und das soll einer durchziehen, der erst elf ist? Was ist mit der Teenagerzeit? Was mit den Klassenkameraden, die, nichts für ungut, nach der Schule eher in den Fußballverein gehen? „Ja, ich habe einige Male gedacht, das schaffe ich nicht. Aber das bezog sich auf die normale Schule“, antwortet Marziali und lacht. Er zog beides durch: Die Schule, das Kuratorium, und Zeit, um mit den Kumpels zu kicken, blieb auch noch. Mit den anderen Kuratoriumsschülern traf er sich sogar oft vor dem eigentlichen Unterricht, um gemeinsam zu musizieren. „Da wusste ich schon, dass die Gitarre immer Teil meines Lebens sein wird.“ In welcher Form, das war aber noch offen. Vielleicht sogar eine Karriere als Rockgitarrist? Immerhin besaß er auch mal eine E-Gitarre des Modells, mit dem schon Van Halen die Bühne rockte. 

Aber er blieb dann doch bei der Akustischen. Und nach dem Abitur und dem Beginn seines Musikstudiums war ihm auch klar: Ich werde Profimusiker. Nur nicht in Italien. Denn Luciano Marziali zog es weg von zu Hause. Er landete an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt, das Diplom vom Musikkuratorium in Italien frisch in der Tasche. Luciano Marziali sprach anfangs kein Wort Deutsch, die Sprache der Musik ist zum Glück universell. Deutsch lernte der heute 43-Jährige nebenbei, spricht längst fließend mit einem sehr charmanten italienischen Akzent. 

Er hat es geschafft, aus seiner Leidenschaft einen Beruf zu machen. Hat als klassischer Gitarrist diverse musikalische Auszeichnungen erhalten, mehrere Alben aufgenommen, zuletzt eines mit besagten Filmmusiken, die er am 13. Dezember live spielen wird. Auch Flamenco spielte er eine ganze Zeit lang, gab das aber nach und nach auf. Aus einem ganz pragmatischen Grund: „Beim Flamenco spielt man vergleichsweise hart, dabei gehen die Fingernägel kaputt. Für die klassischen Stücke brauchst du aber Top-Fingernägel.“ Beides parallel ging nicht. Marziali entschied sich für die Klassik. Das Schöne dabei: „Wenn du die klassische Technik beherrschst, kannst du auch viele andere Stilrichtungen spielen.“Heute tritt er nicht nur leidenschaftlich gern auf, er gibt all sein Wissen aus 40 Jahren Musik auch weiter – als Gitarrenlehrer in Köln. Und wie kam Luciano Marziali nach Gummersbach, wo er schon seit einigen Jahren eng mit Martin Kuchejda, dem Leiter der Halle 32, zusammenarbeitet? „Ich habe einige Jahre in der Musikschule Engelskirchen unterrichtet. Eine Schülerin dort kannte Martin, damals noch zu Zeiten des Bruno-Goller-Hauses. Ich nahm Kontakt auf, spielte ein Konzert. Und ich hatte damals schon den Eindruck, dass die Leute Lust auf eine ganze Gitarren-Konzertreihe haben.“ Haben sie. Und sie dürfen sich auf einen weiteren Abend mit allen Facetten der Gitarre freuen:

Freitag, 13. Dezember, 19 Uhr: „Zauber der Gitarre“ mit Livio Gianola, Luciano Marziali und Tobias Kassung sowie
Peter Finger.

Gute Aussichten

wetter

Oliver Baldsiefen informiert mit seiner Wetterinfo Lindlar jeden Tag knapp 8.000 Abonnenten auf Facebook, ob morgen
Sonne, Regen oder Schnee zu erwarten ist. Der passionierte Ballonfahrer hat sich für sein Hobby viel Fachwissen angeeignet.

Er hatte halt noch nicht genug Hobbys. Und in erster Linie ist Oliver Baldsiefen seit einigen Jahren schon ein leidenschaftlicher Ballonfahrer. Mit zwölf stand er das erste Mal in
einem Korb. War damals schon dem
bergischen Wetter, den Winden, der
Witterung ausgeliefert. Genau so will er das, denn dieses Ausgeliefertsein, dieses Nicht-wissen-können, wo die nächste rund anderthalbstündige Ballonfahrt wohl endet, das macht den Reiz ja erst aus. Um so einen Ballon selber überhaupt fahren zu dürfen, musste der Lindlarer unter anderem eine flugmeteorologische Prüfung absolvieren. Rund zwanzigmal pro Jahr steigt Baldsiefen inzwischen im Wetter-Online-Ballon in die Luft, oft auch vom Neyeflugplatz in Wipperfürth aus. 

Und er liebt es, dass keine Fahrt wie die andere ist. Auch, wenn das schon mal herausfordernd sein kann: „Wenn du dann zweihundert Meter vor der Landewiese über einem Baum in der Luft stehst, weil kein Wind weht, dann stehst du. Steigst ein bisschen auf und wieder ab, hoffst, dass eine kleine Brise aufkommt, die dich weiterträgt.“ Zur Not dient auch schon mal eine Campingplatz-Wiese als Landeplatz. 

Mit den Jahren stellte Baldsiefen fest, wie sehr ihn dieses Wetter doch fasziniert, ganz unabhängig von der Ballonfahrt. Zumal ihn die Menschen mit und mit gefragt haben: „Hör mal, Oliver, du kennst dich doch damit aus – wie wird denn das Wetter morgen?“ Denn das Wetter ist ja bekanntlich immer ein Thema. Also gab Baldsiefen bald auf seiner privaten Facebookseite Auskunft.
Vor gut sechs Jahren war das. Und er traf im Oberbergischen einen Nerv.

Immer mehr Menschen wollten Baldsiefens lokale Wettervorhersage. Also ging er mit einer eigenen Wetterseite an den Start: Wetterinfo Lindlar. Die haben inzwischen fast 8.000 Menschen abonniert, fast 7.500 Fans hat Baldsiefen dort, zudem haben viele tausend seine App. Stresst ihn das? Nö. „Ich muss ja an den Tagen, an denen ich nicht mit dem Ballon in der Luft sein kann, auch was zu tun haben“, sagt Baldsiefen und lächelt. Hauptberuflich und mit ebenso großer Leidenschaft arbeitet er als Einkäufer in einem metallverarbeitenden Unternehmen. Und in der Tat: In den letzten sechs Jahren hat er nur an einem einzigen Tag keine Wettervorhersage gepostet – am Weihnachtsfeiertag 2018, da hat er die Vorhersage einen Tag im Voraus gemacht. Er hat schon aus dem Kanarenurlaub das bergische Wetter geschrieben, sogar aus dem Krankenhaus. Er 

bekommt dafür keinen Cent, es ist ein reines Hobby. 

Das macht ihm nicht nur deshalb so großen Spaß, weil er sich für das Wetter, gerade auch im Bergischen Land, so begeistern kann. Sondern auch, weil er von seinen Lesern so tolles Feedback bekommt. Aus aller Welt: „Ich habe Leser in China, in den USA … Menschen, die ausgewandert sind und sich immer noch fürs Wetter in der Heimat interessieren.“ Wo aber bekommt Baldsiefen eigentlich die aktuellen Wetterdaten her? Ganz einfach: Er fährt ja den von Wetter Online gesponserten Ballon und kann sich über den meteorologischen Dienst jeden Tag die aktuellen Wetterdaten besorgen. Im Grunde für die ganze Welt. Aber die Daten allein reichen ihm natürlich nicht.
„Ich bin von Hause aus sehr neugierig. Ich will immer wissen, wie alles funktioniert.“ Also hat er sich autodidaktisch ein fundiertes Wissen rund ums Wetter angeeignet. Und gibt es den Menschen im Oberbergischen in einfachen Worten wieder. So, dass sie es verstehen. So, dass sie wissen, was am nächsten Tag Sache ist. Was sich nicht immer ganz so einfach darstellt, allein schon wegen des europäischen und amerikanischen Modells der Großwetterlage. „Da gibt es immer zwei Sichtweisen.“ Für den nächsten Tag oder die kommende halbe Woche kann Baldsiefen ziemlich konkret das Wetter vorhersagen. Örtliche Unwetter kommen indes oft so plötzlich, dass auch er nicht so etwas prognostizieren kann wie: „Achtung, in Frielingsdorf ist morgen um 16 Uhr mit Hagel zu rechnen“. Und wer ernsthaft glaube, man könne jetzt schon einen milden oder strengen Winter für Januar oder Februar vorhersagen, dem kann Baldsiefen nur antworten: „Das ist einfach Quatsch.“

Und was macht Oliver Baldsiefen, wenn es, wie in den vergangenen beiden Sommern, wochenlang sonnig und heiß ist? „Das ist in der Tat schwierig, da immer wieder etwas Neues zu sagen. Dann umschreibt man das Ganze eben ein bisschen nett.“ Das geht auch prima im Herbst und Winter, zumal dann wettertechnisch sehr viel passiert. Das erzählt Baldsiefen dann zum Beispiel so wie am Samstag, den 9. November: „Liebe Wettergemeinde! 1,5 Liter können schon seeeehr nass werden, vor allem, wenn sie einem penetrant auf den Kopf tröpfeln. Die Tropfen waren dann heute doch präsenter, als es das europäische Modell berechnet hatte …“ 

Mit der Zeit hat Oliver Baldsiefen einen besonderen Blick für Wetter und Witterung entwickelt. Er kann anhand von bestimmten Wolkenarten und deren Höhe sagen, ob es Niederschläge geben wird. 

Hatte der Lindlarer nie Lust, sein Hobby mal zum Beruf zu machen? Nein. Zumal immer häufiger Computer das Wetter von morgen berechnen. Baldsiefen erzählt dieses Wetter. Wie, das kann er steuern. Den Inhalt weniger: „Und das ist es, was mich daran nach wie vor fasziniert. Das Wetter ist mit das Einzige, was der Mensch nicht beeinflussen kann. Und ich hoffe, dass es so bleibt. Denn wenn wir anfangen, uns darin auch noch einzumischen, dann ist es echt vorbei.“

Der Vogel Flüsterer

natur

Marco Wahl ist Berufsfalkner. Er hat 28 Greifvögel im Wiehler Tierpark Niederfischbach in seiner Obhut. In der Hauptsaison bietet er zwei Flugshows pro Tag an und verzaubert die
Zuschauer mit seinen Königen der Lüfte. 

Bernsteinfarbene Augen. Sie fixieren dich mit stechendem Blick. Dann fliegt der Adler los. Stürzt sich vom Baumstumpf. Segelt knapp über das Gras. Kurz vor dir steigt er wieder hoch in die Luft. Ein Windhauch. Mehr spürst du nicht, wenn er lautlos über deinen Kopf gleitet und behutsam auf seiner Hand landet. Die Hand von Marco Wahl. Wie er dazu kam, Falkner zu werden? 

„Da war ich noch ein kleiner Bub. Ich bin damals mit meinem Vater über die Landstraße gefahren und da saßen zwei Bussarde auf dem Asphalt. Der eine wurde überfahren und der andere saß daneben. Immer wenn der tote Bussard den Fahrtwind abbekommen hat, dann sah es so aus, als ob er fliegen würde. Der andere ist dann immer hoch geflogen, hat beobachtet und wohl gedacht, der andere lebe noch. Und sich dann doch wieder neben ihn gekauert. Das fand ich sehr interessant. Diese Bindung zwischen den Greifvögeln. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe viel zu den Vögeln gelesen. Und dann kam der Wunsch: Wenn ich groß bin, möchte ich einen Greifvogel im Garten haben.“ 

Erst begann Wahl eine ganz gewöhnliche Lehre. Nach seiner Zeit beim Bund lernte er dann einen Falkner kennen. Der stellte schnell fest, dass der junge Mann ein sehr gutes Händchen für Greifvögel hat. Marco Wahl schwenkte um, begann seine Ausbildung zum Berufsfalkner und schloss sie nach zweieinhalb Jahren erfolgreich ab. Seit zehn Jahren ist er selbstständig. Heute besitzt er 28 Vögel, die im Tierpark Niederfischbach zu Hause sind. Er hat nicht einfach nur Greifvögel. Er hat afrikanische Lannerfalken, Steppenadler, Bartkäuze, Mäusebussarde, Schnee-Eulen und sogar sibirische Uhus. Und jedes Tier hat einen Namen. „Bei der Namensgebung sind wir ein bisschen eigen. Ich habe jetzt mehrere neue Vögel. Da werden einem natürlich 7.000 Namen vorgeschlagen, aber das ist wie bei den eigenen Kindern. Das dauert ein bisschen, bis man den richtigen gefunden hat. Er muss passen!“

Marco Wahl hat zu seinen Greifvögeln eine immer intensivere Bindung aufgebaut. Wenn ein Vogel mal ausgeflogen ist und im Baum sitzt? „Da können die Kollegen stundenlang rufen, wie sie wollen“, sagt Marco Wahl und lacht. Ist er selbst vor Ort, kommen die Greifvögel in wenigen Sekunden zu ihm runter. Er ist ihre Bezugsperson. Ihm vertrauen sie. Nach so vielen Jahren kann er am Schrei des Vogels erkennen, ob es sich um den Hubert, den Franz oder den Siggi handelt. Bei allen 28 Schützlingen. 

Der Klang der Rufe sei so unterschiedlich wie beim Menschen die Stimme.

Dass ein Vogel während einer Flugshow auf einen Ausflug geht, kommt nicht selten vor. Im Tal des Tierparks kennen sie sich aus, alles, was sich hinter den Hügeln befindet, ist Neuland. Steppenadler Toni war mal eine Woche auf Tour. Wie er kommen die Vögel meistens alle von alleine zurück. Manchmal wird Marco Wahl auch angerufen und muss seine Vögel irgendwo auflesen und nach Hause holen. „Ich sage immer, die haben alle ein Glöckchen am Bein, und wenn scheinbar der Weihnachtsmann über euer Haus fliegt: Dann wisst ihr, der gehört mir. Trotzdem werde ich wegen jedem Mäusebussard angerufen.“ 

Als Berufsfalkner hat Wahl eine Menge Aufgaben. Sein typischer Arbeitstag sieht so aus, dass er mit seinen Greifvögeln Tauben aus Gebäuden vertreibt. Er startet am Kölner Dom und lässt für zwei, drei Stunden seine Wüstenbussarde und Falken fliegen und Präsenz zeigen. Die holen alle Tauben aus den kleinsten Winkeln des Doms. Im Idealfall trauen sie sich nicht noch mal wieder rein. Dann geht es weiter zum Köln-Bonner Flughafen. Vor Ort unterstützt er andere Berufsfalkner, die Elstern und Tauben vertreiben sollen. Nach drei bis fünf Stunden fährt er mit seinen Vögeln im Gepäck zu weiteren Firmenhallen.

Ein üblicher Tag von Marco Wahl ist lang – 16 Stunden im Durchschnitt. Da bleibt wenig Zeit für seine Greifvögel in Niederfischbach. Deshalb hat er die Unterstützung von Luisa. Sie ist angestellte Falknerin und übernimmt die meiste Arbeit im Tierpark. Täglich wird jeder Vogel mindestens ein Mal auf die Hand genommen. Es wird geschaut, ob alle gesund sind. Und sie werden fliegen gelassen und intensiv trainiert. Nur so entsteht das Vertrauen zwischen Falkner und Vogel. Nicht jeder kümmert sich so fürsorglich um seine Greifvögel. Marco Wahl arbeitet eng mit den Behörden zusammen, nimmt Vögel auf, die nicht artgerecht gehalten werden und in Missständen leben. „Wir päppeln sie auf und trainieren sie. Und in der Regel ist es dann so, dass meine Mitarbeiter sich Hals über Kopf in diese Greifvögel verlieben – und dann müssen die ‚leider’ da bleiben.“ 

Während seiner Flugshow schallt Marco Wahls Stimme durch das ganze Tal. Er erzählt Anekdoten von seinen Greifvögeln. Witzelt mit den Zuschauern. Entertainment mit Herz und Sachverstand. Klar, dass die Besucher auch mal eine Schnee-Eule im Nacken streicheln dürfen, bis sie zuckersüß schnurrt. Als Tierparkbesucher merkt man schnell, dass Marco Wahl hier sein Element gefunden hat. Er hat sich den Traum verwirklicht, den er schon als Kind hatte.

Ein Sturm zieht auf

musik

Von der Tributeband zur Hardrockformation mit eigenen Songs: Freakstorm aus Gummersbach haben eine EP vorgelegt, die Lust auf viel mehr macht. Auf Liveshows. Und auf ein Album.

Sieht verdammt gut aus, das brennende Brautkleid auf dem Cover der ersten EP. Mutig, provokativ und vor allem hochprofessionell inszeniert. So wie das Video zu „Can‘t keep me down“. Überhaupt dieser Song: Eine Hardrock-Nummer aus einem Guss. Kraftvoll, mitreißend, großartiger Chorus, starke Lyrics. Dann der Blick auf die Website – die Bandstory, die gesamte Menüführung, alles in Englisch. Moment mal, kommt diese Band nicht von hier? Aus Gummersbach? Ja, kommt sie. Aber Freakstorm hat sich einen internationalen Anstrich verpasst, der dieser Band nicht nur gut steht, er liegt geradezu auf der Hand. Denn die EP mit ihren sechs Songs, die Ende Oktober erschienen ist, klingt so ausgereift, als hätte die Band in den letzten Jahren nichts anderes gemacht, als eigene englischsprachige Rocksongs zu produzieren.

Foto: Marcel Fuderholz

Hat sie aber. Die Gründungsmitglieder um Sängerin und Songwriterin Sinah Meier, Drummer OIiver Fuchs, die Gitarristen Dirk Weidmann und Toby Wendeler sowie Bassist Marc Bremer machen seit ihrer Jugendzeit Musik – nur war es früher nicht diese. Klar, rockig war es in diversen anderen Bands. „Aber mit diesen Songs, wie wir sie jetzt schreiben und produzieren, haben wir unsere Traummusikrichtung gefunden“, stellt Oliver Fuchs klar, der für Freakstorm nicht nur am Schlagzeug sitzt, sondern auch einen Großteil der Öffentlichkeitsarbeit übernimmt. Das wiederum so engagiert, dass die neue EP der Band unter anderem in bekannten Szenemagazinen wie ROCKS und BreakOut vorgestellt wurde, die Musikvideos im Internet viral gingen und auf Facebook einige zehntausend Menschen erreichten. Das neue Freakstorm, es ist nicht regional gedacht, sondern soll Rockfans auf der ganzen Welt erreichen. 

Moment – wie jetzt, wieso neu? Und was war dann vorher? Die Tributeband. Denn der Bandname kommt nicht von ungefähr. Er huldigt der amerikanischen Rockband Halestorm, die wiederum nach dem Nachnamen von Leadsängerin Lzzy Hale benannt ist. „Wir mögen die Songs der Band, also haben wir Freakstorm als Tribute gegründet und die Stücke gecovert“, erzählt Oliver Fuchs. Ausgerechnet bei einem Treffen mit der Band Anfang 2017 ergab sich eine ganz neue Richtung: Sängerin Sinah inspirierte die Begegnung zum eigenen Song „We got the fire“. Freakstorm nahmen ihn auf, und Sinah Meier, die vorher schon viele Songs geschrieben hatte, nur keine Rockstücke, merkte: Da geht was. Ihre Bandkollegen merkten das auch und fanden mit dem erfahrenen Produzenten Dennis Ward, einem gebürtigen Amerikaner, der auch schon Metalbands wie Unisonic und Sänger wie Bob Catley produziert hat, den richtigen Partner. Er machte mit der Band aus guten Songs noch bessere. Und der Gummersbacher Produzent Oliver Fennel brachte sie in seinem Label heraus. Rock made in Gummersbach – im halben Dutzend. 

Warum kein ganzes Album? Weil Sinah Meier und Oliver Fuchs in diesem Jahr stolze Eltern einer kleinen Tochter wurden. Die EP indes ist so gut gelungen, dass es nur eine Frage der Zeit (und der Nächte, in denen man wieder durchschlafen kann …) sein wird, bis das komplette Album erscheint.

Songideen hat Sinah Meier genug. Die nimmt sie per iPad zunächst selbst auf, die anderen Bandmitglieder geben ihre Ideen dazu, gemeinsam entstehen die Stücke. Das ist nicht immer einfach, wie etwa bei „Payback Time“, an dem Freakstorm über Wochen herumfeilten. Die Geduld hat sich ausgezahlt: Besagtes ROCKS-Magazin hat den Song auf seine Promo-CD genommen, die mit dem Heft verkauft wird. Ein Freakstorm-Song, der tausendfach die Leser und Hörer erreicht – eine bessere Werbung gibt es nicht. 

Foto: Doris Gassner

Geht da bald noch mehr? Wird aus dem Hobby, der Leidenschaft, ein Beruf? „Vor 25 Jahren hätte ich jetzt gesagt: Ja, schauen wir, was geht. Aber heute stehen wir alle im Leben“, antwortet Oliver Fuchs. „Und es ist auch ganz gut, wenn man davon nicht leben muss, sondern es so machen kann, wie man möchte“, ergänzt Gitarrist Dirk Weidmann. Sängerin Sinah Meier zögert kurz. „Och, so ein Träumchen ist da schon noch“, sagt sie und lächelt. Freakstorm haben die komfortable Situation, dass alle Bandmitglieder feste Jobs haben, also von der Musik nicht leben müssen. Diese Musik ist wiederum so gut, dass sie es womöglich irgendwann könnten. 

Vielleicht fegt ja in einigen Jahren ein oberbergischer Sturm über die Rockbühnen Europas? „Wir lassen die Kirche im Dorf und machen einen Schritt nach dem anderen. Und freuen uns über jeden Fan aus der Szene, dem unsere Musik gefällt“, gibt sich Oliver Fuchs bewusst bescheiden. Keine Frage: So bald wie möglich werden Freakstorm die neuen Songs auch live performen. In der Region. Und dann sicher ganz schnell auch anderswo. Denn der melodiöse, top-produzierte Hardrock aus Gummersbach ist verdammt gut. Und als EP bei Saturn und auf Amazon zu haben.

 

Seine Worte voll Magie

porträt

Er ließ Martha tanzen. Und sie tanzt weiter. So wie Tom Saller  aus Wipperfürth weiter schreibt. Er hat „Ein neues Blau“
erschaffen und weiß schon, wie die nächsten Bücher
sein werden. Und warum es gut ist, nicht nur als Schriftsteller, sondern auch weiter als Psychotherapeut zu arbeiten.

Wer ist er, dieser Tom Saller? Und wie ist er? Man kennt ihn in Wipperfürth als Psychotherapeut, der auf der Gaulstraße seit Jahren eine eigene Praxis betreibt. Man kennt ihn als Saxophonisten einer Jazzband, bei deren Auftritten er gerne mal richtig Gas gibt. Vor allem kennt man ihn aber als erfolgreichen Autor, dessen Bücher deutschlandweit in jeder Buchhandlung zu finden sind. Die auf den Spiegel-Bestsellerlisten stehen. Seit vielen Wochen. Tom Saller ist vieles. Vor allem eins: wunderbar entspannt. Er ruht in sich. Wenn er erzählt, von sich, vom Schreiben, vom Leben, dann möchte man ihm ewig weiter zuhören. 

Schon seit seiner Kindheit sind Bücher ein Teil seines Lebens. Nicht selten bedient er sich am Bücherregal seiner Eltern. Im Teenageralter beginnt er, eigene Songs und Gedichte zu schreiben. Auch Gedichte über Liebe, na klar. Nach dem Abi dann eine ganz andere Richtung: Saller beginnt ein Medizinstudium. Da ist dann plötzlich keine Zeit mehr für Poesie und Phantasie: „Medizin ist ein ausgesprochen unromantisches Studium. Naturwissenschaftlich, was mir eigentlich gar nicht liegt. In der Zeit habe ich nichts geschrieben. Und als später unsere Söhne geboren wurden, da hatte ich plötzlich den Eindruck: Mein Herz ist so voll. Ich begann, ganz kurze Vignetten zu schreiben. Vier, fünf Sätze. Länger waren die gar nicht.“ 

Doch da steckt viel mehr in ihm. Ein ganzer Roman. So wie in Volker Kutscher ganze Romane stecken. Die beiden spielen zusammen Doppelkopf, seit vielen Jahren schon. Und zu sehen, wie aus dem ehemaligen Redakteur Kutscher ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, faszinierte Tom Saller: „Ich kannte bis dato keine Schriftsteller, und die Vorstellung war für mich unmöglich, dass ein echter Mensch ein Buch schreiben könnte. Ich glaube, dies hat mich ermutigt. Und dann habe ich mich hingesetzt und losgeschrieben.“ Was mancher nicht weiß: „Wenn Martha tanzt“ ist nicht sein erster Roman. Da schlummern noch zwei Werke in der Schublade, ein Krimi und ein Thriller. 

Aber der Durchbruch kam eben mit Martha. Die Taschenbuchausgabe der bewegenden Geschichte aus der Bauhaus-Ära ist gerade in siebter Auflage erschienen. Wie er den Roman geschrieben hat? „Mit Magie.“ Anders kann er sich das nicht erklären. „Bei Lesungen denke ich manchmal: Das ist nicht von mir, das habe definitiv nicht ich geschrieben.“ Doch, hat er. Ganz anders war es bei „Ein neues Blau“. Diesmal musste er ein Exposee schreiben, diesmal hatte er einen Abgabetermin – diesmal hatte er auch eine vierwöchige Schreibblockade. Der Druck des zweiten Buches nach dem Sensationserfolg? Ja, er spürte ihn. Doch er überwand die Blockade. 

Seine erste Leserin und Kritikerin ist immer seine Frau. Im gemeinsamen Sommerurlaub entstand die Idee zu
„Ein neues Blau“, seine Frau trug viel dazu bei. Und Tom Saller entdeckte bald: „Irgendwann entwickeln die Figuren ein Eigenleben und dann darf man dem nicht im Wege stehen. Wenn ich das Gefühl habe, die Figuren müssen etwas Bestimmtes sagen, dann lasse ich das zu, weil es später eine Bedeutung haben wird.“ Tom Saller schreibt anders. Typisch für ihn ist eine verknappte, präzise Sprache. Seine Leser schätzen seinen Schreibstil. Er hat Wiedererkennungswert. Er berührt. „Sie werden in meinen Romanen relativ wenig über das Wetter oder die Natur finden. Wenn da ein Baum steht, dann schreibe ich, da steht ein Baum. Keine Eiche, keine Buche. Der Himmel ist entweder blau oder grau, da sind dann keine Schäfchenwolken, die einen Salto aufführen.“ Seine Lektorin schätzt diesen Stil als echtes Alleinstellungsmerkmal. 

Es ist auch dieser Stil, der vor einigen Jahren seine Agentur überzeugte. So sehr, dass sie das Manuskript zu „Wenn Martha tanzt“ schon kurz, nachdem er es vorgestellt hatte, an die Spitze ihrer Neuvorstellungen fürs kommende Jahr setzte. Schließlich erhielt der renommierte Ullstein-Verlag den Zuschlag. 

Wie aber kam Saller überhaupt an die Agentur? „Durch Zufall und mit purem Glück“, sagt er heute. Schon mit seinem Krimi, der bis dato nicht veröffentlicht wurde, ging er vor einigen Jahren auf Agentursuche: „Ich habe damals recherchiert und schnell gelernt: Ein Manuskript blind an einen Verlag zu schicken, wird kaum funktionieren.“ Also besser zuerst zu einer Agentur. Was für so manchen Autor allerdings auch erst mal nicht funktioniert – achtzig Absagen sind keine Seltenheit.

Saller suchte sich die zehn besten Agenturen in Deutschland und die dritte nahm ihn als Autor unter Vertrag. Auch wenn der Krimi sowie ein später nachgeschobener Psychothriller, den Saller selbst für nicht ausgereift hält, es nicht bis zu einem Verlag schafften – bei der Agentur blieb er. Und mit Martha änderte sich alles. Nie hatte Tom Saller den Masterplan, Schriftsteller zu werden. Dann der Erfolg. 

Ist da nicht die Gefahr groß, dass man abhebt? Nicht bei Tom Saller, der sehr selbstreflektiert erzählt: „Vor 25 Jahren vielleicht. Da wäre ich vermutlich zu einer unangenehmen Person geworden. Heute bin ich 52 Jahre alt und sehr geerdet. In der Tiefe verändert dieser Erfolg gar nichts, zumal ich ja immer noch die Praxis in Wipperfürth als Korrektiv habe. Die führe ich unverändert fort, auch mit derselben Patientenzahl. Aber an der Oberfläche kitzelt es schon meinen Narzissmus. Ich gehe auch gerne mal auf Patrouille in die Buchhandlungen der Region und schaue da nach meinen Büchern“, sagt Tom Saller mit einem Augenzwinkern. Schriftsteller und Therapeut sein, das will Saller auch in Zukunft, denn beides bereitet ihm große Freude, und er bekommt dieses Arbeiten in zwei Welten auch gut hin. Die Romane drei und vier sind schon geplant, auch inhaltlich.

Das Schreiben – für ihn Lust und Leidenschaft. So wie auch die Lesetouren, von Sylt bis Stuttgart und gerne auch durch die Heimat. Gerne tritt er mit seinem Sohn auf, der zwischen den Lesepassagen Songs spielt. Tom Saller liebt den direkten Kontakt zum Publikum, in Gesichter schauen, Emotionen und Reaktionen sehen. Mit Menschen ins Gespräch kommen, mit ihnen differenziert über seine Bücher sprechen. Was er dagegen gar nicht mehr haben kann, ist das Lesen von Rezensionen. Denn viele sind plump und eindimensional: „Normalerweise bin ich durchaus kritikfähig, ich würde gerne mit jedem Kritiker diskutieren, aber ich kann ja nicht allen antworten. Und wenn dann jemand schreibt, ihm gefalle das Buch nicht, ohne das zu begründen, bin ich ohnmächtig. Deshalb lese ich lieber keine Rezension mehr. Um mich zu schützen.“

Was ist eigentlich aus der Doppelkopfrunde geworden, zu der ja auch Volker Kutscher zählt? Früher hat sich die fünfköpfige Truppe alle vier Wochen getroffen. Heute muss sie ein Jahr im Voraus über Doodle einen Termin machen, um alle unter einen Hut zu bekommen. Aber eins ist klar, wie Tom Saller unterstreicht: „Der Termin steht dann auch. Und er ist uns heilig.“