Seine Worte voll Magie

porträt

Er ließ Martha tanzen. Und sie tanzt weiter. So wie Tom Saller  aus Wipperfürth weiter schreibt. Er hat „Ein neues Blau“
erschaffen und weiß schon, wie die nächsten Bücher
sein werden. Und warum es gut ist, nicht nur als Schriftsteller, sondern auch weiter als Psychotherapeut zu arbeiten.

Wer ist er, dieser Tom Saller? Und wie ist er? Man kennt ihn in Wipperfürth als Psychotherapeut, der auf der Gaulstraße seit Jahren eine eigene Praxis betreibt. Man kennt ihn als Saxophonisten einer Jazzband, bei deren Auftritten er gerne mal richtig Gas gibt. Vor allem kennt man ihn aber als erfolgreichen Autor, dessen Bücher deutschlandweit in jeder Buchhandlung zu finden sind. Die auf den Spiegel-Bestsellerlisten stehen. Seit vielen Wochen. Tom Saller ist vieles. Vor allem eins: wunderbar entspannt. Er ruht in sich. Wenn er erzählt, von sich, vom Schreiben, vom Leben, dann möchte man ihm ewig weiter zuhören. 

Schon seit seiner Kindheit sind Bücher ein Teil seines Lebens. Nicht selten bedient er sich am Bücherregal seiner Eltern. Im Teenageralter beginnt er, eigene Songs und Gedichte zu schreiben. Auch Gedichte über Liebe, na klar. Nach dem Abi dann eine ganz andere Richtung: Saller beginnt ein Medizinstudium. Da ist dann plötzlich keine Zeit mehr für Poesie und Phantasie: „Medizin ist ein ausgesprochen unromantisches Studium. Naturwissenschaftlich, was mir eigentlich gar nicht liegt. In der Zeit habe ich nichts geschrieben. Und als später unsere Söhne geboren wurden, da hatte ich plötzlich den Eindruck: Mein Herz ist so voll. Ich begann, ganz kurze Vignetten zu schreiben. Vier, fünf Sätze. Länger waren die gar nicht.“ 

Doch da steckt viel mehr in ihm. Ein ganzer Roman. So wie in Volker Kutscher ganze Romane stecken. Die beiden spielen zusammen Doppelkopf, seit vielen Jahren schon. Und zu sehen, wie aus dem ehemaligen Redakteur Kutscher ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, faszinierte Tom Saller: „Ich kannte bis dato keine Schriftsteller, und die Vorstellung war für mich unmöglich, dass ein echter Mensch ein Buch schreiben könnte. Ich glaube, dies hat mich ermutigt. Und dann habe ich mich hingesetzt und losgeschrieben.“ Was mancher nicht weiß: „Wenn Martha tanzt“ ist nicht sein erster Roman. Da schlummern noch zwei Werke in der Schublade, ein Krimi und ein Thriller. 

Aber der Durchbruch kam eben mit Martha. Die Taschenbuchausgabe der bewegenden Geschichte aus der Bauhaus-Ära ist gerade in siebter Auflage erschienen. Wie er den Roman geschrieben hat? „Mit Magie.“ Anders kann er sich das nicht erklären. „Bei Lesungen denke ich manchmal: Das ist nicht von mir, das habe definitiv nicht ich geschrieben.“ Doch, hat er. Ganz anders war es bei „Ein neues Blau“. Diesmal musste er ein Exposee schreiben, diesmal hatte er einen Abgabetermin – diesmal hatte er auch eine vierwöchige Schreibblockade. Der Druck des zweiten Buches nach dem Sensationserfolg? Ja, er spürte ihn. Doch er überwand die Blockade. 

Seine erste Leserin und Kritikerin ist immer seine Frau. Im gemeinsamen Sommerurlaub entstand die Idee zu
„Ein neues Blau“, seine Frau trug viel dazu bei. Und Tom Saller entdeckte bald: „Irgendwann entwickeln die Figuren ein Eigenleben und dann darf man dem nicht im Wege stehen. Wenn ich das Gefühl habe, die Figuren müssen etwas Bestimmtes sagen, dann lasse ich das zu, weil es später eine Bedeutung haben wird.“ Tom Saller schreibt anders. Typisch für ihn ist eine verknappte, präzise Sprache. Seine Leser schätzen seinen Schreibstil. Er hat Wiedererkennungswert. Er berührt. „Sie werden in meinen Romanen relativ wenig über das Wetter oder die Natur finden. Wenn da ein Baum steht, dann schreibe ich, da steht ein Baum. Keine Eiche, keine Buche. Der Himmel ist entweder blau oder grau, da sind dann keine Schäfchenwolken, die einen Salto aufführen.“ Seine Lektorin schätzt diesen Stil als echtes Alleinstellungsmerkmal. 

Es ist auch dieser Stil, der vor einigen Jahren seine Agentur überzeugte. So sehr, dass sie das Manuskript zu „Wenn Martha tanzt“ schon kurz, nachdem er es vorgestellt hatte, an die Spitze ihrer Neuvorstellungen fürs kommende Jahr setzte. Schließlich erhielt der renommierte Ullstein-Verlag den Zuschlag. 

Wie aber kam Saller überhaupt an die Agentur? „Durch Zufall und mit purem Glück“, sagt er heute. Schon mit seinem Krimi, der bis dato nicht veröffentlicht wurde, ging er vor einigen Jahren auf Agentursuche: „Ich habe damals recherchiert und schnell gelernt: Ein Manuskript blind an einen Verlag zu schicken, wird kaum funktionieren.“ Also besser zuerst zu einer Agentur. Was für so manchen Autor allerdings auch erst mal nicht funktioniert – achtzig Absagen sind keine Seltenheit.

Saller suchte sich die zehn besten Agenturen in Deutschland und die dritte nahm ihn als Autor unter Vertrag. Auch wenn der Krimi sowie ein später nachgeschobener Psychothriller, den Saller selbst für nicht ausgereift hält, es nicht bis zu einem Verlag schafften – bei der Agentur blieb er. Und mit Martha änderte sich alles. Nie hatte Tom Saller den Masterplan, Schriftsteller zu werden. Dann der Erfolg. 

Ist da nicht die Gefahr groß, dass man abhebt? Nicht bei Tom Saller, der sehr selbstreflektiert erzählt: „Vor 25 Jahren vielleicht. Da wäre ich vermutlich zu einer unangenehmen Person geworden. Heute bin ich 52 Jahre alt und sehr geerdet. In der Tiefe verändert dieser Erfolg gar nichts, zumal ich ja immer noch die Praxis in Wipperfürth als Korrektiv habe. Die führe ich unverändert fort, auch mit derselben Patientenzahl. Aber an der Oberfläche kitzelt es schon meinen Narzissmus. Ich gehe auch gerne mal auf Patrouille in die Buchhandlungen der Region und schaue da nach meinen Büchern“, sagt Tom Saller mit einem Augenzwinkern. Schriftsteller und Therapeut sein, das will Saller auch in Zukunft, denn beides bereitet ihm große Freude, und er bekommt dieses Arbeiten in zwei Welten auch gut hin. Die Romane drei und vier sind schon geplant, auch inhaltlich.

Das Schreiben – für ihn Lust und Leidenschaft. So wie auch die Lesetouren, von Sylt bis Stuttgart und gerne auch durch die Heimat. Gerne tritt er mit seinem Sohn auf, der zwischen den Lesepassagen Songs spielt. Tom Saller liebt den direkten Kontakt zum Publikum, in Gesichter schauen, Emotionen und Reaktionen sehen. Mit Menschen ins Gespräch kommen, mit ihnen differenziert über seine Bücher sprechen. Was er dagegen gar nicht mehr haben kann, ist das Lesen von Rezensionen. Denn viele sind plump und eindimensional: „Normalerweise bin ich durchaus kritikfähig, ich würde gerne mit jedem Kritiker diskutieren, aber ich kann ja nicht allen antworten. Und wenn dann jemand schreibt, ihm gefalle das Buch nicht, ohne das zu begründen, bin ich ohnmächtig. Deshalb lese ich lieber keine Rezension mehr. Um mich zu schützen.“

Was ist eigentlich aus der Doppelkopfrunde geworden, zu der ja auch Volker Kutscher zählt? Früher hat sich die fünfköpfige Truppe alle vier Wochen getroffen. Heute muss sie ein Jahr im Voraus über Doodle einen Termin machen, um alle unter einen Hut zu bekommen. Aber eins ist klar, wie Tom Saller unterstreicht: „Der Termin steht dann auch. Und er ist uns heilig.“