Der Vogel Flüsterer

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Marco Wahl ist Berufsfalkner. Er hat 28 Greifvögel im Wiehler Tierpark Niederfischbach in seiner Obhut. In der Hauptsaison bietet er zwei Flugshows pro Tag an und verzaubert die
Zuschauer mit seinen Königen der Lüfte. 

Bernsteinfarbene Augen. Sie fixieren dich mit stechendem Blick. Dann fliegt der Adler los. Stürzt sich vom Baumstumpf. Segelt knapp über das Gras. Kurz vor dir steigt er wieder hoch in die Luft. Ein Windhauch. Mehr spürst du nicht, wenn er lautlos über deinen Kopf gleitet und behutsam auf seiner Hand landet. Die Hand von Marco Wahl. Wie er dazu kam, Falkner zu werden? 

„Da war ich noch ein kleiner Bub. Ich bin damals mit meinem Vater über die Landstraße gefahren und da saßen zwei Bussarde auf dem Asphalt. Der eine wurde überfahren und der andere saß daneben. Immer wenn der tote Bussard den Fahrtwind abbekommen hat, dann sah es so aus, als ob er fliegen würde. Der andere ist dann immer hoch geflogen, hat beobachtet und wohl gedacht, der andere lebe noch. Und sich dann doch wieder neben ihn gekauert. Das fand ich sehr interessant. Diese Bindung zwischen den Greifvögeln. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe viel zu den Vögeln gelesen. Und dann kam der Wunsch: Wenn ich groß bin, möchte ich einen Greifvogel im Garten haben.“ 

Erst begann Wahl eine ganz gewöhnliche Lehre. Nach seiner Zeit beim Bund lernte er dann einen Falkner kennen. Der stellte schnell fest, dass der junge Mann ein sehr gutes Händchen für Greifvögel hat. Marco Wahl schwenkte um, begann seine Ausbildung zum Berufsfalkner und schloss sie nach zweieinhalb Jahren erfolgreich ab. Seit zehn Jahren ist er selbstständig. Heute besitzt er 28 Vögel, die im Tierpark Niederfischbach zu Hause sind. Er hat nicht einfach nur Greifvögel. Er hat afrikanische Lannerfalken, Steppenadler, Bartkäuze, Mäusebussarde, Schnee-Eulen und sogar sibirische Uhus. Und jedes Tier hat einen Namen. „Bei der Namensgebung sind wir ein bisschen eigen. Ich habe jetzt mehrere neue Vögel. Da werden einem natürlich 7.000 Namen vorgeschlagen, aber das ist wie bei den eigenen Kindern. Das dauert ein bisschen, bis man den richtigen gefunden hat. Er muss passen!“

Marco Wahl hat zu seinen Greifvögeln eine immer intensivere Bindung aufgebaut. Wenn ein Vogel mal ausgeflogen ist und im Baum sitzt? „Da können die Kollegen stundenlang rufen, wie sie wollen“, sagt Marco Wahl und lacht. Ist er selbst vor Ort, kommen die Greifvögel in wenigen Sekunden zu ihm runter. Er ist ihre Bezugsperson. Ihm vertrauen sie. Nach so vielen Jahren kann er am Schrei des Vogels erkennen, ob es sich um den Hubert, den Franz oder den Siggi handelt. Bei allen 28 Schützlingen. 

Der Klang der Rufe sei so unterschiedlich wie beim Menschen die Stimme.

Dass ein Vogel während einer Flugshow auf einen Ausflug geht, kommt nicht selten vor. Im Tal des Tierparks kennen sie sich aus, alles, was sich hinter den Hügeln befindet, ist Neuland. Steppenadler Toni war mal eine Woche auf Tour. Wie er kommen die Vögel meistens alle von alleine zurück. Manchmal wird Marco Wahl auch angerufen und muss seine Vögel irgendwo auflesen und nach Hause holen. „Ich sage immer, die haben alle ein Glöckchen am Bein, und wenn scheinbar der Weihnachtsmann über euer Haus fliegt: Dann wisst ihr, der gehört mir. Trotzdem werde ich wegen jedem Mäusebussard angerufen.“ 

Als Berufsfalkner hat Wahl eine Menge Aufgaben. Sein typischer Arbeitstag sieht so aus, dass er mit seinen Greifvögeln Tauben aus Gebäuden vertreibt. Er startet am Kölner Dom und lässt für zwei, drei Stunden seine Wüstenbussarde und Falken fliegen und Präsenz zeigen. Die holen alle Tauben aus den kleinsten Winkeln des Doms. Im Idealfall trauen sie sich nicht noch mal wieder rein. Dann geht es weiter zum Köln-Bonner Flughafen. Vor Ort unterstützt er andere Berufsfalkner, die Elstern und Tauben vertreiben sollen. Nach drei bis fünf Stunden fährt er mit seinen Vögeln im Gepäck zu weiteren Firmenhallen.

Ein üblicher Tag von Marco Wahl ist lang – 16 Stunden im Durchschnitt. Da bleibt wenig Zeit für seine Greifvögel in Niederfischbach. Deshalb hat er die Unterstützung von Luisa. Sie ist angestellte Falknerin und übernimmt die meiste Arbeit im Tierpark. Täglich wird jeder Vogel mindestens ein Mal auf die Hand genommen. Es wird geschaut, ob alle gesund sind. Und sie werden fliegen gelassen und intensiv trainiert. Nur so entsteht das Vertrauen zwischen Falkner und Vogel. Nicht jeder kümmert sich so fürsorglich um seine Greifvögel. Marco Wahl arbeitet eng mit den Behörden zusammen, nimmt Vögel auf, die nicht artgerecht gehalten werden und in Missständen leben. „Wir päppeln sie auf und trainieren sie. Und in der Regel ist es dann so, dass meine Mitarbeiter sich Hals über Kopf in diese Greifvögel verlieben – und dann müssen die ‚leider’ da bleiben.“ 

Während seiner Flugshow schallt Marco Wahls Stimme durch das ganze Tal. Er erzählt Anekdoten von seinen Greifvögeln. Witzelt mit den Zuschauern. Entertainment mit Herz und Sachverstand. Klar, dass die Besucher auch mal eine Schnee-Eule im Nacken streicheln dürfen, bis sie zuckersüß schnurrt. Als Tierparkbesucher merkt man schnell, dass Marco Wahl hier sein Element gefunden hat. Er hat sich den Traum verwirklicht, den er schon als Kind hatte.