Die Bühne und sie

Kennen Sie auch diese Menschen, die begeistert von ihrem Tun und Schaffen erzählen, und Sie fragen sich: Hey, wo nimmt er oder sie die Zeit nur her? Haben da die Tage mehr Stunden als bei mir? So ein kreativer und produktiver Mensch ist Sabrina Schultheis auch. Als ENGELBERT im Frühjahr von der neue Alice-Inszenierung des Musical-
Projekt Oberberg (MPO) erzählte, für die die Gummersbacherin auch schon verantwortlich war, berichtete sie so wunderbar enthusiastisch von ihrer Arbeit, dass wir sie unbedingt nochmal wieder treffen mussten. Um mehr über sie zu erfahren. Und natürlich auch über ihr neues Projekt. Moment … Einzahl? Nee, Fehler.
Natürlich sind es gleich mehrere. Und von wegen Zeit. Es ist nicht so, als wäre Sabrina Schultheis als Lehrerin mit ihrer Fünf-Tage-Woche nicht ausgelastet. Oder mit ihrer neuen Tätigkeit als Mitarbeiterin in der Forschung und Beratung an der Uni Köln. Oder als Speakerin, die auf Einladung deutschlandweit über ihre inklusive Arbeit spricht. Sie lebt eben auch fürs Theater. Sie liebt es, Geschichten zu erzählen, sie aufzuschreiben, mit Leben zu füllen, mit Szene und Dialog. Und sie dann gemeinsam mit anderen weiterzuentwickeln.

Deshalb brennt sie auch für ihren Theaterjob in der Halle 32. Nur das MPO? Viel zu wenig. Deshalb leitet sie seit einigen Jahren auch eine Erwachsenen-Theatergruppe und eine inklusive Jugend-Theatergruppe, in der Schauspieler mit und ohne Behinderungen gemeinsam auf der Bühne stehen. Stücke erarbeiten. Und aufführen. So wie Ende September und Anfang Oktober an gleich vier Terminen (siehe Infokasten am Ende) mit dem neuen Stück „Das Harlekin-Syndrom.“ Eine ungewöhnliche Geschichte um eine verwitwete Mutter zweier Kinder, die einen neuen Mann kennenlernt, der sie jedoch verprügelt. Die Kinder wollen ihre Mutter vor dem Stiefvater schützen und sie als Krankenschwester in eine Heilanstalt vermitteln. Dort wird sie jedoch als Patientin eingewiesen …

Ungewöhnlich ist auch die Zusammensetzung: Denn das Stück wird in den beiden genannten Kursen parallel erarbeitet und am Ende dann zusammengeführt. Insgesamt 17 Darsteller sind beteiligt. Auch das macht Sabrina Schultheis aus: Wo manch anderer vielleicht abwehrend rufen würde: „Was? Wie soll das denn gehen? Noch dazu in einer inklusiven Gruppe?“, da sieht sie erst die Herausforderung, den Reiz und vor allem das Potenzial. „Es geht in dem Stück auch um Menschen mit Behinderung. Warum also sollten nicht Menschen mit Behinderung genau das spielen?“
Zumal sie als Regisseurin erkennt, was in den Menschen steckt, egal, welche Vorgeschichte sie mitbringen. Das Faszinierende, und, da ist Sabrina Schultheis sicher, deutschlandweit auch Einzigartige daran: Es spielt überhaupt keine Rolle, ob hier Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam Theater spielen. „Für mich sind das alles meine Schauspieler“, stellt sie klar. Natürlich: Sie muss stärker, individueller auf jeden Einzelnen, jede Einzelne eingehen, nach einem anstrengenden Tag in der Schule noch spätnachmittags bis abends alle Antennen hochfahren und wahrnehmen, was in ihren Darstellern gerade vorgeht. Was sie von wem wann erwarten kann oder wann es jemandem zu viel wird.

Apropos viel: Vier Aufführungen, ist das nicht ein bisschen too much? „Nachdem wir letztes Mal drei Vorstellungen hatten und ich Leute wegschicken musste, weil alles ausverkauft war, würde ich sagen – nein.“ Und die Frage nach dem Stress muss man Sabrina Schultheis erst gar nicht stellen. Jedes Mal das Lampenfieber. Jedes Mal, das liegt auch an der Besonderheit dieser Theatergruppen, eine gewisse Unberechenbarkeit. Jedes Mal das Loslassen, wenn die Schauspieler ihr Ding machen müssen auf der Bühne. Für Sabrina Schultheis eine pure, echte Freude. Sie will es so. Und sie hat auch schon konkrete Pläne für die nächsten Stücke. Oder schreibt sie vielleicht zuvor noch an einem neuen Buch? Vielleicht wird sie mit ihren Theatergruppen auch zur Preisträgerin, denn das Projekt „Harlekin-Syndrom“ hat sie für den Wettbewerb „Rauskommen 2019“ angemeldet.

Gut möglich auch, dass sie einige neue Ideen für ihren Schulunterricht entwickelt. Denn Ideen gehen Sabrina Schultheis nicht nur nie aus, sie sind auch oft sehr schnell da. Dann setzt sie sie um. Übrigens: Wer nicht lange zaudert, spart genau die Zeit, von der andere sich fragen, wieso sie ihnen fehlt. Sieht zurzeit alles ganz sonnig aus für Sabrina
Schultheis, die es in ihrem Leben indes nicht immer einfach hatte. Und die sich all das, was sie jetzt schon erreicht hat, hart erarbeiten musste. Vielleicht überschreibt sie all ihr kreatives Schaffen, all ihren Facettenreichtum auch deshalb nicht mit einem reinen Heiterkeitswort, sondern mit einem Motto, das so poetisch wie vielsagend ist: Wolkendinge.

 

Das Harlekin-Syndrom: 

Aufführungen am 29. September,
2., 4. und 6. Oktober
jeweils um 17.30 Uhr
in der Studiobühne der Halle 32.
Es spielen die Schauspielkurse inklusiv und Junge Erwachsene der Kulturwerkstatt32.

Karten an der Abendkasse oder vorab unter wolkendinge@web.de