Story Teller Auf Reisen

Alle Fotos: Ingo Buerfeind

Came in from the west to the boats of the Highlands, took over the rudder, the band went aboard. First gig: At Benleva we played on the Nessbanks, our keel cut the waves and the water like Aragorn´s sword …“

Und so fährt sie, die Highland Commander, über schottische Seen, durch ein mystisches Land, auf dem Weg zu neuen Geschichten. Jene an Bord werden sie erzählen in eben diesem Lied. Denn es sind oft ihre Reisen, die Begegnungen, die Menschen, die Abende und Nächte und die Wunder der Natur um sie herum, die später zu großartigen Songs werden.

Da sind wir, auf dem Weg zum nächsten Konzert, und der Kiel des Schiffes schneidet so scharf wie Aragorns Schwert … dieses Schwert heißt Anduril, das weiß jeder, der das Ewigkeitswerk von J.R.R. Tolkien gelesen oder die Verfilmungen gesehen hat. So wie Tim Roderwieser, Michael Fliegner, Markus Blumberg, Hannes Landau, Andreas Schwarz, Arne Herbst und Aileen Fliegner.

Sie sind Anduril und ihr Bandname ist gleichermaßen eine Hommage an Tolkien und den Herrn der Ringe.
So wie auch der Proberaum in einer stillen Wohnstraße in Lindlar. Da trifft sich die Skyerish Folkrockband um Gründer und Leadsänger Tim Roderwieser einmal die Woche. Aragorns stechende Augen, der stolze Blick von Braveheart-Held William Wallace – und noch ungezählte andere Bilder, Poster, Schnipsel und Ausschnitte verstecken das alte Backstein. Aber der Blick verweilt nur kurz auf den Wänden. Schließlich geht es ja um die Menschen hier drin. Um ihre Musik. Und ihr großes Projekt, für das sie gerade wieder auf Reisen waren.

Schottland und die Highlands, das war schon vor einigen Jahren und noch vor dem aktuellen, dritten Album „Atlanterra“. Als ENGELBERT zu Besuch ist in Lindlar, sind Anduril gerade von einer Nordland-Reise zurückgekehrt, die nicht nur wegen der fantastischen Ziele undder ungewöhnlichen Konzerte mit befreundeten Musikern unter anderem aus Schottland und Norwegen so besonders ist. Sondern, weil sie zu etwas wirklich Großem gehört: „Nordic Circle“ – der nordische Kreis.

Ein Mammutprojekt (nicht nur, wenn man bedenkt, dass alle Bandmitglieder nebenberuflich Musik machen und zum Beispiel als Malermeister oder Grundschullehrer ihr Geld verdienen), das schon jetzt auf das zwanzigjährige Bestehen von Anduril im Jahr 2021 zustrebt. „In Zeiten, da auf der ganzen Welt wieder Mauern errichtet werden, möchten wir die Menschen verbinden, möchten Brücken bauen. Das ist uns wirklich wichtig“, sagt Tim Roderwieser. Die Idee ist schon vor einigen Jahren entstanden, diesmal während einer Tour durch Irland. Dort unterwegs zu sein, zu spielen und andere Künstler zu treffen, wo die Musik, die man selbst schreibt und spielt, ihren Ursprung hat – das inspiriert.

Warum nicht im Sommer 2019 durch Dänemark, Schweden und Norwegen reisen? Warum nicht mit anderen Musikern spielen? Mit Trude und Leif Johannessen zum Beispiel, die sieben Monate im Jahr am Hardangerfjord leben und die übrige Zeit … genau – in Marienheide! Warum nicht gleich fünf musikalische Partner mit ins Boot holen und mit ihnen gemeinsam über zwei Jahre hinweg ein Album aufnehmen, das natürlich auch „Nordic Circle“ heißen wird. Und am
6. November 2021, in mehr als zwei Jahren, in der Konzerthalle PZ in Lindlar mit einer mitreißenden Live-Show vorgestellt werden wird. Vor 700 Zuschauern.

Was für eine Projektidee. „So was macht man nicht jeden Tag. Und vielleicht würden wir das auch in zehn Jahren nicht mehr machen“, stellt Tim Roderwieser klar. Er weiß: Nach dem Tod von Gitarrist Johannes Koch Ende vergangenen Jahres war erst mal gar nichts klar. Was wird aus uns, was aus der Band, was aus diesem Projekt? „Er hat gewollt, dass wir weitermachen. Er hat immer gesagt: Spielt“, sagt Drummer Andreas Schwarz und seine Bandkollegen nicken. Die Reise von Anduril geht weiter. Gitarrist Markus Blumberg wechselte nach Kochs Tod von der Akustik- zur E-Gitarre.
Und er brachte seine Freundin Aileen Fliegner als neue Co-Sängerin gleich
mit in die Band. Sie ist wiederum die Tochter von Bassist Michael Fliegner. „Wir sind eine große Familie“, sagt der Mann mit der Heavy-Metal-Mähne und lächelt.

 

Ob Folk, Metal oder Hardrock – die Einflüsse, die jeder Einzelne in die Band mit einbringt, sind so vielfältig wie die Musik. Die wiederum, auch das ist klar, passt super auf ein Folkfestival, auch auf einen Mittelaltermarkt, aber nicht unbedingt aufs Schützenfest: „Wenn da einer an die Bühne tritt und sagt: Spielt doch mal was von den Bläck Fööss, müssen wir leider sagen: Nee.“ Nicht, weil Anduril, die unter anderem die Band Runrig als Vorbilder sehen, ergänzend zu den eigenen Stücken keine Cover-Songs spielen würden. Sondern weil sie es nach 18 Jahren Bandkarriere einfach nicht nötig haben, sich zu verbiegen. Sie machen schottischen und irischen Folk, und das verdammt gut. Kraftvolle, rockende Songs wie „Rungholt“, der eine verheerende Sturmflut aus dem Jahr 1362 thematisiert, oder der Titelsong des aktuellen Albums „Atlanterra“ mit seinem so einfachen wie eingängigen Gitarrenmotiv sind so ausgereift und zugleich von hohem musikalischem Anspruch, dass man ihnen ganz bewusst lauschen muss. Oberflächliche Schunkelmucke? Nicht mit Anduril.

Wenngleich Tim Roderwieser als einziger seit Beginn an dabei ist – so etwas wie den einen Mastermind gibt es bei Anduril erfrischenderweise auch nicht. Wer durchs wunderschön auf Alt getrimmte Booklet von „Atlanterra“ blättert, findet bei den Credits zu den einzelnen Songs den Namen fast jedes Bandmitglieds. Manchmal steht da auch einfach „Anduril“: „Dann haben im Grunde alle an diesem Song gearbeitet, das lässt sich bei uns oft gar nicht so trennen“, erklärt Tim Roderwieser. Für die Harmonie innerhalb der Band haben deren Mitglieder über die Jahre die richtige Balance gefunden. Niemand muss damit Geld verdienen; wenn die CD-Verkäufe und rund zwölf Konzerte im Jahr genug Geld fürs Equipment und die nächste Konzertreise einspielen, ist das völlig okay. Und wenn, nachdem man alles wie immer selbst organisiert und gecheckt und dann zwei Stunden lang auf der Bühne gestanden hat, einer mal für den Rest des Abends die Nase voll hat und seine Ruhe haben will, dann ist das eben so.

Morgen ist auch noch ein Tag. Und doch sind es bei Anduril vor allem die Abende, die voller Magie stecken. Wenn die Zuschauer auf der Insel Pellworm, von denen einige die Band noch nie gehört und gesehen haben, begeistert applaudieren. Wenn die sieben Musiker und ihre Gäste in zwei Jahren 700 Menschen in Lindlar feiern werden. Und immer dienstags, wenn sie im Proberaum gemeinsam an ihren Songs arbeiten. So wie jetzt. ENGELBERT bleibt noch einen Moment. Lauscht dem ersten Lied. Und dem nächsten. Und dem nächsten. Und … freut sich jetzt schon auf den 6. November 2021. Auf all die Auftritte, die bis dahin sicher noch kommen. Und all die Bandgeschichten, die früher oder später zu neuen Anduril-Songs werden.