Komm, da laufen wir mal mit!

Kurz hinter Kilometer 30 geht mir der Regen so richtig auf den Keks. Der zigste Schauer ergießt sich über uns, keine zehn Grad. Ein finsteres Aprilgrau verschluckt die Höhen um Hückeswagen. Der erste Schlechtwettertag seit Wochen fällt genau auf diesen Samstag. Und jedes Mal, wenn meine Jacke und meine Hose gerade getrocknet sind, meist nach einem längeren Waldstück mit mal sanften und mal steilen Anstiegen, erreichen wir wieder eine Ebene. Ohne Wald. Ohne Schutz. Und es schüttet. So geht das an diesem
27. April ständig. Aber wir wandern weiter. Und die Wanderlust kehrt zurück. An der Wupper-Vorsperre, als der Himmel aufreißt, für kurze Zeit einer warmen Sonne Platz macht und Kilometer 35 eher kommt als erwartet. Und ich denke: Zwei Drittel haben wir schon mal.

Wie ich auf die irre Idee gekommen bin, als reiner Freizeitwanderer, der mit seinen Hunden normalerweise zwar zügig, aber doch kaum mehr als zehn Kilometer am Stück unterwegs ist, ausgerechnet bei den Bergischen 50 mitzumachen? Also 50 Kilometer von Wipperfürth aus an einem einzigen Tag zu wandern? Am Stück? Keine Ahnung. Ich hörte halt davon. Fand den Event spontan gut. Auch, dass er fünf Jahre hintereinander von der Hansestadt aus starten soll. Als dann Frank Rütten, Landscape-Fotograf und Immobilienmakler aus Dohrgaul, spontan sagte: „Jo, da gehe ich mit“, kam ich aus der Nummer auch nicht mehr raus. Nein, im Ernst: Ich wollte es so. Was machen, was ich noch nie versucht hatte. Schauen, wie weit ich komme.

Also Wanderschuhe gekauft, eingelaufen, die Hunderunden morgens verdoppelt, bisschen Vorbereitung muss ja sein. Am Veranstaltungstag gegen sieben Uhr morgens kurz überlegt: Soll ich mir die Fersen mit Pflaster tapen? Soll ich besser nach den alten Laufsocken kramen? Antwort: Zweimal nein. Ein Fehler.

Kein Fehler war es dagegen, dass ich mir meine Anmeldeunterlagen schon am Vorabend geholt habe, denn am Wettkampftag ist auf dem Klosterplatz in Wipperfürth so viel los, dass der Marsch mit gut zehn Minuten Verspätung beginnt. Bis Frank, seine Frau Anke und ich auf die Strecke gehen, ist es schon exakt 8.18 Uhr. Es folgen ein ordentliches Getümmel in der Altstadt und der erste Engpass schon kurz darauf an der schmalen Wupperbrücke zur Alten Drahtzieherei. 1330 Wanderer auf einmal hat diese Stadt wohl auch noch nicht gesehen. Und die meisten kommen nicht mal von hier.

Als wir uns auf den Weg Richtung Egen machen, fallen die ersten Tropfen. Und Frank fällt alles aus dem Gesicht, als sein Handy klingelt. „Ja. Ja, verstehe. Sie probieren das erst mal so. Okay, melden Sie sich, wenn es nicht klappt.“ Er legt auf und wendet sich an seine Frau: „Da kommt jemand mit seinem Auto nicht weg, wo du geparkt hast.“ Anke fackelt nicht lange: „Alles klar, dann steige ich jetzt aus und laufe zurück.“ Wir sind gerade erst gut fünf Kilometer unterwegs. Anke und Frank sind total sicher, dass sie genügend Platz gelassen haben beim Parken. Haben sie auch. Drei Funklöcher und einige Kilometer später kommt der erlösende Anruf: Hat geklappt, Anke kann ihren Wagen stehen lassen. Und weiterwandern. Wir ziehen ein wenig das Tempo an, ich spüre meine Beine, sie werden ordentlich gefordert, aber ich komme klar. Wie ich das über 50 Kilometer durchhalten soll, daran denke ich lieber nicht. Besonders anstrengend: Nach einer kurzen Pinkelpause muss ich Anke und Frank bergauf einholen. Puh! Aber ich schaffe es. Und weil wir auf völlig überflüssige helle Weizenbrötchen an den ersten Verpflegungsständen verzichten und stattdessen auf Bananen und Äpfel setzen, kommen wir auch gut voran. 2:50 Stunden für die ersten 15 Kilometer – unser heimliches Ziel, in unter zehn Stunden anzukommen, wenn wir denn ankommen, scheint machbar. Aber wir backen, um im Bild zu bleiben, lieber kleine Brötchen, schauen von Etappe zu Etappe. Zumal der Regen nicht nur zunimmt, sondern auch horizontal fällt, als wir uns von Egen aus Richtung Rade aufmachen. Wir passieren Hochebenen, kleine Höfe, Waldstücke, Auen, die ich noch nie im Leben gesehen habe, obgleich sie doch Teil meiner Heimat sind. „Wenn ihr mich jetzt hier stehen lasst, hab ich keinen Plan, wo ich hin muss“, frotzele ich und nehme mir vor, die Hunderunden künftig mal zu variieren. Neue Routen zu entdecken. Zum Glück ist die Strecke vom Sponsor McTrek so idiotensicher ausgeschildert, dass sich niemand verlaufen kann.

Immer wieder lasse ich den Blick schweifen, auch zu den anderen Wanderern. Menschen jeden Alters, in jeder Art von Outfit, in den verschiedensten Schuhen. Echte Cracks, aber auch Freizeitwanderer. Was mir auffällt: Viele scheinen sich gar nicht groß umzuschauen. Stur nach vorne starrend machen sie Strecke. Wie bei einem Laufevent. Wandert man nicht, um die Gegend, die man da erkundet, auch zu betrachten? Machen Frank, Anke und ich zwischendurch zum Glück immer wieder. Wir stoppen kurz und halten schöne Ecken trotz Regen und Wolken im Foto fest. Natürlich auch alle Etappenziele.

Beim vierten ist Anke raus. Sie hatte sich ohnehin vorgenommen, maximal die Hälfte mitzugehen, bei Kilometer 20 verabschiedet sie sich. Schade, finde ich, sehe aber zu, dass ich mit Frank, der das Tempo etwas anzieht, mitkomme.
Wir reden über alles Mögliche, über unsere Jobs, über Reisen, tauschen Ideen aus – und halten uns nicht nur gegenseitig bei Laune, wenn der Regen mal wieder quer schießt. Wir puschen einander auch. Wie Berglöwen marschieren wir die Anstiege rauf, überholen dort immer wieder andere Wanderer.

Etwa bei Kilometer 23 spüre ich das erste Mal, wie der Schaft meiner an sich super bequemen Schuhe an den Achillesfersen scheuert. Wie war das mit den Pflastern? Ich hab welche dabei, aber jetzt, mitten im Wald, stehen bleiben? Und hätte ich mir vielleicht doch besser die hohen Wanderschuhe besorgt, die ich neulich im Schuhhaus Flossbach in Wipperfürth gesehen habe? Fürs nächste Mal!

Als ich mir endlich Zeit für ein Tapen der Füße nehme, beim ersten und einzigen warmen Essenssnack kurz vor Kilometer 30 auf einem Campingplatz an der Bever, hat sich die Haut schon leicht gelöst. Pflaster drauf, frische Socken an, hoffen. Vergeblich. Es scheuert munter weiter. Bei jedem Schritt. Frank weiß zwischendurch nicht, was ihn mehr nervt, die linke Fußsohle oder die Schulter, und so langsam meldet sich auch unsere Muskulatur.

Und doch: Es geht uns gut. Rein vom Kopf her. Wir stapeln weiter beide tief, denken von Schritt zu Schritt, sind einfach gut gelaunt. Als wir das Hückeswagener Schloss erreichen, die Sonne endlich mal länger scheint, ich einen unfassbar schlechten Kaffee getrunken habe und wir entlang der Wupper Richtung Wipperfürth marschieren, bin ich sicher: Wir schaffen das. Kurz darauf bestätigt uns das Kilometer-40-Schild, dass das kein Wunschtraum ist.

Um meine aufgescheuerten Füße zu ignorieren, frage ich Frank über Immobilien als Kapitalanlage aus, er erzählt davon so informativ, dass ich spontan mögliche Mieteinnahmen addiere und den nächsten Anstieg kaum merke. Als wir ein Stück Weide Richtung Bever-Staumauer hinauf laufen, mache ich den vielleicht einzigen Fehler. Als es wieder mal zwickt, ziehe ich die Hosenbeine nacheinander ein Stück hoch. Rechte Socke rot. Linke Socke rot. Au Backe.

Frank blutet zum Glück nicht, spürt aber langsam auch jeden Stein, auf den er tritt, im ganzen Körper. „Ich habe gerade ein Bild vor Augen, das einfach nicht kommt. Es ist das Kilometer-45-Schild“, unkt er. „Ich hab dafür eins vor Augen, das ich nicht wegschieben kann. Das meiner blutigen Socken“, antworte ich. Und er: „Das solltest du aber wegschieben.“ Recht hat er. Und es geht! Jetzt, da wir die ewig lange Bever-Staumauer fast überquert haben und ich es irgendwie schaffe, meine Füße so zu setzen, dass das Scheuern nur leicht zwiebelt und mich auch die inzwischen langsam wachsenden Blasen unter meinen Fußsohlen kaum nerven, wird mir klar: Wir werden nicht nur ankommen, wir sind auch echt schnell! „Das wird maximal halb sechs“, sage ich zu Frank, „wir schaffen das hier in gut neun Stunden!“ Und er wieder: „Noch sind wir nicht da.“

Doch kurz darauf wandern wir die Sanderhöhe hinunter. Frank, der hier aufgewachsen ist, entdeckt die Spielwiesen aus seiner Kindheit wieder. Im Tal erstreckt sich die Altstadt von Wipperfürth und der befürchtete letzte Schauer aus einem wieder mal bedrohlich schwarzen Himmel bleibt aus. Nur eine letzte Gemeinheit wartet auf uns: Zwei rote Ampeln auf der Westtangente. Nach 49,3 Kilometern eine Minute lang stehen bleiben zu müssen und dann nach wenigen Schritten noch mal, ist eine Zumutung. Aber wir kommen wieder in Gang, wandern durch die Altstadt, den Klosterberg hoch, marschieren Arm in Arm durchs Ziel. 9:01 Stunden zeigt die Zeitmessung am Ende an. Später werde ich erfahren, dass wir Platz 218 belegt haben unter den mehr als 1300 Startern.

Zeit fürs erste Bier des Tages. Zeit, um das, was wir da gerade geleistet haben, Revue passieren zu lassen. Zu genießen. Inzwischen ist dieser Trip, sind die Bergischen 50, zwei Monate her. Die Blasen sind längst verheilt, der böse Muskelkater vom Abend und Tag darauf war schnell wieder weg. Wir haben das einfach gemacht. Es war großartig. Und ich weiß jetzt schon: Wir machen das wieder. Im nächsten Jahr.