Uuund … Matchball!

 

Mark Lamsfuß steigt so hoch in die Luft, dass ich mich kurz frage, ob er mit seinem ausgestreckten Arm und dem Badminton-Schläger in seiner Hand gleich die Hallendecke berührt. Nein, er trifft nur eines: den Ball. Und wie. Den kriegt Jones Ralfy Jansen, der diesen Smash auf der anderen Seite des Netzes schon erwartet, doch niemals, denke ich. Doch, kriegt er. Blitzschnell taucht er ab und fischt den Ball aus der Ecke. So geht das ein paar Mal hin und her. Bis Mark, kaum außer Atem, den Ball so präzise in die Ecke schmettert, dass kein Mensch den bekommt, dann kurz innehält und sagt: „So, das war jetzt das Trainingstempo. Im Match sieht das noch ein bisschen anders aus.“

Nee, ist klar, denke ich und erinnere mich an meine letzten Badminton-Versuche vor ungefähr 20 Jahren. Zum Glück aber ist Lamsfuß, 24 Jahre alt und gebürtiger Wipperfelder, nicht nur einer der weltbesten Badminton-Spieler und auf dem besten Weg zu den nächsten Olympischen Spielen – sondern auch ein toller und geduldiger Trainer. In aller Ruhe erklärt er mir die richtige Griffhaltung, zeigt mir, wann ich den Ball am besten in der Luft treffe, dass allein die Beschleunigung aus dem Arm heraus dem Ball das immense Tempo mitgibt, und dass man dieses Tempo genauso gut rausnehmen kann, wenn man ihn als Drop nur ganz kurz hinter das Netz spielt. Dass es langsame, geschnittene, schnelle und gewischte Drops gibt, sparen wir uns in dieser kleinen ENGELBERT-Trainingsstunde erst einmal.

Ich bin jedenfalls nach einer knappen halben Stunde nassgeschwitzt, aber auch bester Dinge: Jo, das könnte ich mir öfter vorstellen. Zum Beispiel am nächsten Montagabend, wenn beim BC Wipperfeld die Freizeitsportler aktiv sind. Mark Lamsfuß und Jones Ralfy Jansen, gebürtiger Indonesier mit deutscher Staatsbürgerschaft, sind dann längst wieder im Leistungszentrum in Saarbrücken. Denn die beiden sind Profis. Zweimal am Tag jeweils zwei bis drei Stunden Training, Einzel- und Doppel-Turniere auf der ganzen Welt, Länderspiele fürs Deutsche Team, zwischendurch Sponsorentermine, die Instagramaccounts für die meist asiatischen Fans pflegen und alles tun für den großen Traum: Die Teilnahme an den nächsten Olympischen Spielen. Und natürlich: Ab der nächsten Bundesliga-Saison wieder alles geben für den 1. BC Wipperfeld. 

Spitzensport made in Wipperfürth – das ist vor allem ein Verdienst von Marks Vater Andreas Lamsfuß. Er erinnert sich gerne an die Anfänge vor über 26 Jahren, damals noch beim DJK Wipperfeld: „Ich wurde gebeten, die Badminton-Abteilung aufzubauen. Damals war die Turnhalle neben der Schule gerade neu gebaut worden. Ich hatte schnell viele Kinder und Jugendliche am Start. Wir trainierten einmal die Woche, auch mit den älteren Spielern, und begannen in der Kreisliga.“ 

Mit Akribie, Leidenschaft und Geduld baute Lamsfuß die Badminton-Abteilung Jahr für Jahr weiter aus, seine Söhne Jens und Mark wuchsen damit auf. Und bewiesen schnell ein großes Talent: Als die beiden Jungs elf und acht Jahre alt waren, spielten sie schon im Bundesleistungszentrum. Und Lamsfuß konnte bald eine komplette Seniorenmannschaft allein aus Jugendlichen zusammenstellen, die für Furore sorgte. Aufstieg, Aufstieg, Aufstieg, lautete das Motto. Und Neuanfang: Im Jahr 2011 gründete Lamsfuß den 1. BC Wipperfeld als eigenständigen Verein, gewann immer mehr Sponsoren und damit auch immer mehr Top-Spieler. Heute lässt er unter anderem Profis aus Schottland und Polen für die Heimspiele in der Voss-Arena einfliegen. Er holt die Weltspitze ins Dorf. 

Gleichwohl legt er weiterhin großen Wert auf den Breitensportcharakter. „Weltweit spielen 250 Millionen Menschen Badminton. Nach Fußball die Sportart, die von den meisten Menschen aktiv ausgeübt wird“, sagt er. Geht es nach Lamsfuß, dürfen es in Wipperfürth gerne nicht nur mehr Spieler, sondern auch mehr Zuschauer werden. 1000 passen in die Halle, mindestens 500 möchte er in der kommenden Saison, die im September startet, locken. Pro Spieltag.

Dafür professionalisiert er das Marketing, spricht Sponsoren aus der ganzen Region an. Die Firma Bernd Richter aus Wipperfürth hat er auch in diesem Jahr wieder als Hauptsponsor gewinnen können. Attraktiv für Unternehmen sind unter anderem die Werbefelder rund ums Spielfeld, die Firmenpräsentationen während der Spieltage und der neue Businessclub. Spitzensport sehen, gut essen und trinken und netzwerken ist dabei angesagt. 

Lamsfuß will die Heimspieltage noch viel stärker zum Event mit Showcharakter ausbauen. Tänzer, Modenschauen, Musik – vieles ist denkbar. Er will Zuschauer begeistern und binden. „Wer einmal in der Halle ist, der kommt gerne wieder“, hat Lamsfuß festgestellt. „Weil hier drei Stunden lang Spitzensport geboten wird.“ Von einem Erstligisten. Und davon gibt es im Oberbergischen bekanntlich nicht mehr so viele.