Heimat Botschafter sein

Herr Hagt, wie schafft man es, in einem so großen Kreis, der sich ja von Radevormwald bis Morsbach zieht, Nähe zu und zwischen den Menschen zu schaffen?

Indem man viel unterwegs ist, viel bei den Menschen. Das versuche ich bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten hinzukriegen. Nicht nur durch Besprechungen mit der Verwaltung der Kommunen selbst, sondern auch bei Festivitäten wie Karneval oder Schützenfest. Wichtig ist es mir, Präsenz zu zeigen. Dabei aber immer auch zu sehen: Dieser Oberbergische Kreis ist ja keine homogene Einheit. Es sind 13 ganz unterschiedliche Städte und Gemeinden. Oftmals tickt ja schon ein Ortsteil innerhalb einer Kommune ganz anders als ein anderer. Wichtig ist für mich: Ich kenne die 13 Kommunen alle sehr gut. 

War es schwierig, dieses Kennenlernen?

Nein. Da ich ja, bevor ich Landrat wurde, schon 25 Jahre in der Kreisbehörde tätig war, davon zehn Jahre als Kreisdirektor, war das für mich nicht schwierig. Man muss eben immer auch im Blick haben, wie sich solch ein Kreis zusammensetzt. Es gibt ja nicht nur eine Teilung Nord/Süd. Wir haben hier Städte aus dem ehemaligen Rhein-Wupper-Kreis wie Radevormwald und Hückeswagen, die sich stark nach Remscheid orientieren.
Dann aus dem ehemaligen Rheinisch-
Bergischen Kreis Wipperfürth, Lindlar und Engelskirchen, wohlgemerkt ohne Ründeroth! Hier ist man eher nach Köln orientiert. Andere Gemeinden haben dann schon wieder einen direkten Bezug zu Bonn. 

Sie haben jetzt kein Mal die Stadt Gummersbach genannt.

Weil ich die Außenorientierung beschrieben habe. Aus vielen oberbergischen Städten und Gemeinden orientieren sich die Menschen natürlich auch nach Gummersbach. Die Stadt ist wesentlich attraktiver geworden in den vergangenen 20 Jahren. Sie ist ein Magnet.

Forum, Halle 32, Schwalbe-Arena, Kino, Technische Hochschule – hätten sie gedacht, dass insbesondere das ehemalige Steinmüller-Gelände eine derartige Entwicklung nehmen würde?

Als wir damals durch die leeren Industriehallen gelaufen sind? Nein, dass es so kommen würde, nicht. Diese Fantasie hatte niemand. Wir haben es aber damals schon als Riesenchance begriffen, wenn wir Fördergelder des Strukturprogramms REGIONALE 2010 bekommen. Letztlich haben mehrere Faktoren zu diesem Erfolg geführt. Natürlich die günstige Gelegenheit, von einem solchen Förderprogramm zu profitieren, aber auch der Mut einer Stadt, zu sagen: ‚So, wir kaufen jetzt dieses Gelände‘. Und die Kompetenz derjenigen, all das hier umzusetzen. Das entsteht ja nicht einfach so.

Schauen Sie manchmal auf andere Städte und Gemeinden und denken: So einen Wandel könnten die auch gebrauchen?

Man kann das schlecht vergleichen. Jede Kommune ist anders aufgestellt. Aber der Wille sich zu entwickeln muss überhaupt erst einmal aus einer Kommune herauskommen. Wir als Kreis haben hier auch die Aufgabe, Städte und Gemeinden zu bestärken, Projekte für das nächste Strukturprogramm, die REGIONALE 2025, vorzuschlagen. Manche sind da schon ganz weit vorne. Und andere müssen eben noch Gas geben. Ich bin aber froh, dass alle Bürgermeister ein gemeinsames Verständnis davon haben, wie wichtig diese neue REGIONALE ist. Deshalb auch die Gründung einer eigenen Umsetzungs GmbH auf Kreisebene. 

Wichtig wird auch neuer Wohnraum sein, oder? Wenn man sich die aktuellen Immobilien- und Mietpreise sowie die wenigen freien Wohnungen anschaut, scheint das Thema Landflucht jedenfalls ein Märchen zu sein oder täuscht das?

Nein, Ihr Gefühl trügt nicht. Wir haben hierzu auch in Kooperation mit der Kreissparkasse eine Analyse gemacht. Nachdem vor ein paar Jahren die Prognosen noch davon ausgingen, die Bevölkerungszahlen in unserer Region würden deutlich nach unten gehen, verzeichnen wir heute mehr Zu-, als Fortzüge im Kreis. Mehr als die Hälfte der Bewohner lebt nach wie vor auf den Dörfern, nicht in den Ortskernen. Es gibt ja alleine
1441 Dörfer und Weiler bei uns. Und die Lebensqualität ist sehr hoch.

Wie gelingt es, sie weiter zu verbessern und Menschen zu locken, die hier gerne hinziehen und leben möchten? Welche Fragen stellen sich gerade im Oberbergischen Kreis für die Wohn- und Lebenssituation der Menschen? 

Zum einen müssen wir Wohnen immer im direkten Zusammenhang mit Verkehr und Mobilität sehen, gerade weil wir außerhalb der Orte nur einen eingeschränkten öffentlichen Personennahverkehr haben. Wie bleibe ich mobil? Kann ein Modell wie der Dorfladen in Thier eine Lösung sein? Oder wollen die Leute zum Einkaufen nicht doch lieber in den Supermarkt in der Stadt? Wie sieht es mit der medizinischen Versorgung der Menschen aus – muss es immer die eine Praxis sein oder müssen wir nicht wieder zurück zu Versorgungszentren? Was kann die Telemedizin via Internet leisten? Und – gerade auch für Familien – wie kann man auch in die Jahre gekommenen Wohnraum wieder attraktiv gestalten? Nehmen Sie zum Beispiel das Haus auf dem Dorf aus den 70er Jahren, das ein Seniorenpaar nicht mehr pflegen kann, es daher abgeben und in eine Stadtwohnung ziehen will. Ein solches Haus müssen
wir nutzen.

Was zieht gerade Familien in den Kreis?

Familien brauchen neben einem guten Job ein tolles Lebensumfeld. Und wir haben hier hervorragende Voraussetzungen. Gute Schulen, Sicherheit – wir sind einer der sichersten Kreise in NRW –  sowie eine herausragende Sportkompetenz wie etwa mit dem VfL Gummersbach. Wer hat schon einen Handball-Bundesligisten, der auch noch mitten in der Stadt spielt? Es gibt so viele Leuchttürme, wie etwa Panabora oder die Kletterhalle 2T. Und letztlich gibt es im Oberbergischen auch ein ausgeprägtes Vereinswesen, in dem sich viele, auch junge Menschen, engagieren. Das ist nicht nur ein schönes Freizeitangebot, es schafft auch Gemeinschaft. 

Es gibt ja das Sprichwort vom Propheten im eigenen Land. Nehmen die Oberberger die Schönheiten und Reize vor der Haustür eigentlich wirklich wahr?

Wenn Sie in Köln jemanden aus der hintersten Ecke fragen, wie er seine Stadt findet, sagt der: ,Super‘! Uns passiert es oft, dass wir die positiven Seiten nicht so sehen. Wenn dann der Kölner zu uns kommt, sagt er: ,Wow, ist das klasse hier bei euch‘. Als wir vor einigen Jahren das Thema Tourismus angepackt haben mit all den wunderschönen Wegen im bergischen Wanderland, da hieß es anfangs: ,Was, Tourismus? Hier? Das gehört doch in die Alpen‘. Dabei haben wir hier so viele Pfunde, damit müssen wir wuchern! Wichtig ist es, dass nicht nur Touristen von außerhalb ein Bewusstsein dafür bekommen, sondern auch die Menschen von hier. Man muss dafür nur einfach mal den Blick verändern, vor allem auch über die eigenen Stadtgrenzen hinaus schauen. Und letztlich ist ja in Waldbröl schon der Hückeswagener ein Tourist. Jeder kann auf seine Weise ein Botschafter seiner oberbergischen Heimat werden. Davon bin ich absolut überzeugt.