Nicht lang rumdruxen

Nur wenige Sekunden bis zum Anpfiff in der LanxessArena in Köln. Er ist längst im Tunnel. Und doch nimmt Paul Drux das Spektakel um ihn herum wahr. Wie 19.000 Menschen die Hymne singen. Wie sie jubeln, feiern, die Arena in ein Tollhaus verwandeln. Plötzlich aber ist alles vorbei. Im Halbfinale der Handball-WM gegen Norwegen. 

Doch die Filme aus diesen zwei Wochen, sie haben sich eingebrannt. Und sie laufen auch im Nachhinein immer wieder mal. „Um ehrlich zu sein, hab ich in den Tagen nach der WM versucht, ein bisschen den Kopf freizukriegen, auch mal nicht dranzudenken. Das kommt dann, wenn man für sich alleine ist, abends vorm Einschlafen. Es war einfach unfassbar, was wir da für einen Zuspruch bekommen haben, ich musste mich in der Halle doch einige Male kneifen. All das wird man nicht vergessen“, erzählt das 24-jährige Handball-Ass aus Marienheide. Obwohl Drux, gerade auch bei seinem Talent, noch einige Chancen auf internationale Titel mit dem Nationalteam hat: Die Halbfinalpleite gegen einen stärkeren Gegner, sie hat geschmerzt. Schlimmer als die knappe Pleite im Spiel um Platz drei, als man auf Augenhöhe war. Aber warum fallen wir? Um wieder aufzustehen, oder? Das hat auch Paul Drux gelernt, so ist er schon von seiner handballbegeisterten Familie erzogen worden: „Das hat der Sport so an sich. Es ist nicht alles Gold, was glänzt und es geht auch nicht immer nach oben.“

Für Drux aber zum Glück recht oft. Nicht nur seine Eltern, auch seine Trainerinnen in Marienheide stellten schnell fest: Hui, da hat aber einer was drauf. Groß, kräftig, wurfstark, der ideale Mann für den Rückraum. 

Das fand auch ein Talentscout des VfL Gummersbach. Nach sieben Jahren in der Jugend des SSV Marienheide kam der Wechsel – aber nur für vier Jahre. Denn ein A-Jugend-Spiel mit Gummersbach gegen die Füchse Berlin sollte sein Leben verändern. „Wir haben damals mit dem VfL zwar verloren, aber es ergab sich für mich der Kontakt nach Berlin“, erinnert sich Paul Drux. Damals war er sechzehn und Berlin nicht nur riesig, sondern auch verdammt weit weg. Wie lange braucht man da, um sich für einen Wechsel zu entscheiden? „Es hat insgesamt schon eine Zeit lang gedauert, bis alles soweit feststand, aber mir war schon nach wenigen Tagen klar, dass ich das machen will“, sagt Drux. Also nicht lange fackeln.

 

Er ging. Allein. Und biss sich durch, gerade auch im nicht so ganz einfachen ersten Jahr in der Hauptstadt. Denn er lebte, trainierte und lernte in einem Jugendinternat und einer Sportschule – und dort war es an den Wochenenden auch manchmal recht einsam: „Viele andere Handballer wohnten nicht weit weg, sie verbrachten die Wochenenden bei ihren Familien. Für mich natürlich kaum machbar. So blieb ich und lernte  Sportler aus anderen Sportarten kennen, die auch im Internat geblieben waren. Und das war wirklich spannend. Nach dem ersten Jahr hatte ich mich dann super eingefunden – und auch die Stadt schon besser kennen gelernt.“ Paul Drux machte also das Beste draus. Und: Er war erfolgreich. A-Jugendmeister mit den Füchsen und U-18-Europameister gleich im ersten Jahr nach seinem Wechsel. Titel lassen einen weiter reifen: Paul Drux spielte schon mit 17 Jahren in der Handball-Bundesliga. Der Mann mit der Rückennummer 95 hat bis heute weit über 250 Tore in der Liga geworfen und weitere 150 in der Nationalmannschaft. Und der Oberberger ist ein Berliner geworden: „Ich fühle mich sehr wohl hier. Aber ich komme auch immer gerne ins Bergische zurück. Zu meiner Familie. Zur Brucher-Talsperre. Leider viel zu selten, weil einfach die Zeit fehlt“, sagt er.

„Ich lebe nie nur im Hier und Jetzt.“

Ja, das Zeitmanagement – für einen wie Paul Drux das A und O, zumal er ja nicht nur Handball spielt. Sondern parallel schon jetzt, mit erst 24 Jahren und nachdem er bei den Füchsen Berlin seinen Vertrag gerade bis zum Jahr 2023 verlängert hat, bereits an die Zeit nach dem Handballsport denkt. Denn: „Ich lebe nie nur im Hier und Jetzt.“ 

Mit Druck umgehen kann er, auch mit der Erwartungshaltung von Trainern, Zuschauern, Fans. Also warum nicht an den Standbeinen Nummer zwei und drei arbeiten? Zum Beispiel, in dem er parallel zum Sport noch Wirtschaftsinformatik studiert. „Das ist mit dem Lernen und den Klausuren terminlich nicht immer ganz so einfach, aber zum Glück ist man an der Hochschule sehr flexibel. Da kommen einem die Dozenten mit Terminen doch sehr entgegen.“ Für Drux ist klar: Das Studium wird durchgezogen, so oder so. Und Standbein Nummer drei? Mal was ganz anderes. Casual-Mode für Sie und Ihn! Paul Drux, der Unternehmer, der mit zwei Mitstreitern das Modelabel „Sportwords“ gegründet hat. Gemeinsam entwerfen sie Hoodies, Pullis und Shirts, deren dezente Motive oft etwas mit dem Handballsport zu tun haben.
Zum Beispiel, weil die Abkürzungen für einzelne Positionen mit eingestickt sind. Das Trio macht zurzeit noch alles selbst, lässt in Bio-Baumwoll-Qualität produzieren, vertreibt die Mode über den eigenen Webshop. Dass Drux, dessen Bekanntheitsgrad seit der WM nicht gerade gesunken ist, auch mal Model für die eigene Kollektion ist, stört ihn nicht, obgleich er gar nicht so gerne im Mittelpunkt steht. Es geht um die Sache: „Ich wollte immer schon etwas Eigenständiges machen, das war mein Traum. Klar ist das ein Risiko, klar kann so was auch schief gehen, aber es macht extrem viel Spaß. Und die Mode kommt gut an.“

So wie Paul Drux, der mit 16 Jahren seine oberbergische Heimat verlassen hat, um Karriere zu machen. Und, so hoch er sich bei seinen kraftvollen Würfen auch schraubt, so hart er auch an sich und seinem Erfolg arbeitet, immer mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben ist.