Im Ewigkeits Land

Zeitreisen gibt es nicht? Sie sind nichts anderes als eine Utopie? Was für ein Quatsch. Durch die Zeit reisen kann jeder. Und das Beste daran: Das geht direkt vor der eigenen Haustür. In Lindlar zum Beispiel. Wer dort einmal einen Ausflug in die Vergangenheit unternimmt, kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Stefan Blumberg reist ständig mit seinen Gästen durch viele Millionen Jahre Evolution. Er lebt und liebt den Steinbruch. 25 Jahre lang hat er bei einem der Unternehmen, die heute noch die steinernen Schätze Lindlars heben und zu hochwertigen Baustoffen verarbeiten, gearbeitet, vor seinem Ruhestand als Betriebsleiter.

Und jetzt? Unruhestand, ist doch klar. Im Auftrag der Lindlar
Touristik führt er regelmäßig Menschen aus nah und fern durch die Produktion der BGS Vitar und natürlich in die Tiefen und Höhen des Steinbruchs selbst. Dorthin, wo noch Millionen Jahre alte Versteinerungen von Muscheln und Algen zu finden sind. Dorthin, wo vor einigen Jahren Spuren des ältesten Waldes der Erde entdeckt wurden, was so manchen Archäologen aus aller Welt nach Lindlar lockte, denn schließlich war der Fund nichts weniger als eine Sensation. „Da war schon ordentlich was los hier, auch was die Medien anging“, erzählt Stefan Blumberg und lächelt. Locker zwei Stunden dauern seine Führungen, vor allem, wenn Kindergärten und Schulklassen mit dabei sind und die Mädchen und Jungen selber nach Fossilien suchen dürfen. Auch für ENGELBERT nimmt er sich viel Zeit, und er hat ja auch einiges zu zeigen und zu erklären.

Zum Beispiel zur alten Schmiede. Die steht schon seit Ewigkeiten auf dem BGS-Werksgelände. „Früher stellten die Schmiede hier Werkzeuge her“, erzählt Stefan Blumberg, während wir uns die Schutzhelme und Warnwesten anziehen, die heute dort gelagert werden und die jeder tragen muss, der auf Zeitreise gehen möchte. Blumberg zieht das Feld für uns von hinten auf: Bevor wir den Ursprüngen dieses bergischen Canyon auf die Spur kommen, erfahren wir erst einmal, was daraus alles gemacht wird. Denn der natürliche Rohstoff Stein wird bei BGS ebenso wie bei den beiden anderen Betrieben, die rund um den Steinbruch tätig sind, vielfältig verarbeitet. Sei es der riesige, tonnenschwere Findling, seien es die beschlagenen rechteckigen Natursteinrohlinge, sei es die spätere Küchenarbeitsplatte oder der Schotter für die Bahntrasse. Die Natursteinfliesen werden zum Beispiel in präziser Handarbeit einzeln beschlagen, pro Tag schafft ein Mitarbeiter bis zu vier Quadratmeter. Auch wir dürfen uns einmal daran versuchen und stellen fest: Gar nicht so einfach das Ganze. Aber wichtig, denn Stein ist nicht nur als Bau-
sondern auch als Gestaltungsmaterial beliebter denn je.

Es wird genutzt für Wände und Böden, für Häuser und Gärten, für die Küchenarbeitsplatte ebenso wie für den Schotter der Bahntrasse. Wer sich allein in oberbergischen Vorgärten umschaut, der stellt fest: Landschaftsgestaltungen mit Grauwacke, die mal silbern, mal rötlich, mal bronzefarben leuchtet, sind absolut in. Um die steinernen Giganten klein zu kriegen, ist immer wieder Muskelkraft gefragt, aber eben auch schweres Gerät. Riesige Maschinen schneiden, zum Teil komplett automatisiert und rund um die Uhr, die Gesteinsbrocken grob zu. Wenige Meter weiter das Kontrastprogramm: Hier trifft ein nur einen Millimeter dünner Wasserstrahl mit 5200 bar Druck auf den Stein und fräst eine zuvor programmierte Form heraus. Ein Kleeblatt zum Beispiel. Oder auch einen kleinen Hasen. Denn aus Lindlarer Gestein lässt sich alles Mögliche machen. Das beweist auch der Open-Air-Showroom bei BGS Vitar, in dem die schönsten Kunstwerke ausgestellt sind.

 

Wichtig beim Schneiden von Stein ist immer genügend Wasser. Dafür wird aber nicht etwa der Hahn aufgedreht. Im Steinbruch selbst entsteht bei Regen ein Stausee. Von diesem wird Wasser direkt in die Produktion geleitet, der dabei entstehende Schlamm wird wiederum in ein Becken geführt und dort herausgefiltert – und das dann frische Wasser wird der Produktion wieder zugeführt. Ein geniales, ressourcenschonendes System.

Apropos Ressourcen: Wie lange kann man hier eigentlich noch Gestein gewinnen? „Die nächsten 500 Jahre locker“, antwortet Stefan Blumberg, und nun, da wir mitten im Steinbruch stehen und den Blick schweifen lassen über meterhohe Felswände, Riesenbagger und Zuwege, werden mir die zeitlichen Dimensionen so richtig klar. Dies hier ist ein Ewigkeitsland, das gefühlt schon immer da war und auch immer da sein wird. Ich verstehe, wie all das Gestein vor 16.000 Jahren, während der letzten Eiszeit, tief in die Erde gedrückt und wie es dann durch eine Explosion wieder auf 300 Meter über Meereshöhe nach oben katapultiert wurde. Wie aber kommen die Korallen und Muscheln im Gestein? Ganz einfach: „All das war vor über 390 Millionen Jahren einmal ein Meer. Vor der Kontinentalverschiebung“, erklärt Stefan Blumberg. Denn damals, für uns heute unvorstellbar, lag das Bergische Land da, wo sich heute der Kongo befindet.

Die Wanderung führt auf den Berg, von wo aus wir kilometerweit schauen können und wo einige steinerne Schätze liegen. Muscheln und andere Meeresbewohner lassen sich hier im Stein hervorragend erkennen. Je mehr die Felsbrocken an ihren Außenwänden verwittern, desto besser sichtbar werden die Versteinerungen. Apropos Witterung: Für den Winter werden bereits die ersten abgebauten Steine mit Abraum bedeckt, um sie vor dem Frost zu schützen. Denn auch Gestein enthält Wasser. Und wird unter Umständen brüchig. Auch deshalb werden Steine, die für spätere Bauarbeiten besonders stabil sein müssen, getrocknet, um Ihnen das Grundwasser zu entziehen.

„Und da hinten irgendwo“, beginnt Stefan Blumberg und zeigt in die andere Richtung gen Tal, „sind die Spuren des ältesten Waldes der Welt entdeckt worden.“ Was die Archäologen, die ohnehin regelmäßig in Lindlar zu Gast sind, noch einmal völlig verzückt hat. Wer weiß, welche Lindlarer Schätze sie in Zukunft noch begeistern werden. Dort, wo Stefan Blumberg den Menschen die Vergangenheit bei seinen Führungen so wunderbar nahebringt. Die kann man bei Lindlar-Touristik jederzeit buchen.