Einfach anders und ganz bei sich

Sie war gerade zwanzig, als sie mit Dirk Bach in Köln auf der Kleinkunstbühne stand. Sie war kaum dreißig, als sie mit Hugo Egon Balder und der RTL-Show „Alles nichts oder?!“ eine Showlegende mit erschuf. Im Februar wird

sie sechzig. Was in zehn Jahren ist? Interessiert sie nicht wirklich. Was einmal war, damals in Gummersbach, wo sie als Tochter eines Marienheiders und einer Kölnerin geboren wurde, darüber erzählt sie sehr offen. Über das, was sie geprägt und bewegt hat. So, dass man ihr stundenlang zuhören möchte. Weil Hella von Sinnen einfach anders ist und zugleich immer ganz bei sich.

„Ich möchte im Rückblick nicht in eine Großstadt hineingeboren worden sein.“

„Ich bin ja ein Wassermann-Skorpiönchen. Und bin mir meiner oberbergischen Wurzeln sehr bewusst, fühle mich dadurch auch sehr geerdet. Diese achtzehn Jahre in Gummersbach … aus heutiger Sicht halte ich sie für prägend und wichtig, weil ich hier Grundlegendes für mein Leben gelernt habe. Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Treue sowie Aufrichtigkeit, das sind für mich typische oberbergische Eigenschaften. Sicher aber auch mal eine gewisse
Sturheit und ein Aufbrausen.

Ich möchte im Rückblick betrachtet nicht in eine Großstadt hinein geboren worden sein, in der ich schon mit sechs Jahren mit Straßen- oder U-Bahnen hätte fahren müssen. Wir wohnten damals an der Wiesenstraße, gleich gegenüber dem Wald. Wir waren als Kinder ständig draußen im Grünen und an der Agger, ich hatte hier wirklich so ein wildes Wir-Kinder-aus-Bullerbü-Leben, das ich so auch nicht missen möchte. Aber ich wollte jetzt, da ich in Köln lebe, auch nicht mehr tauschen.“

Insbesondere die Jugend im Gummersbach der 60er und dann 70er Jahre – das ist nicht immer einfach, als Hella von Sinnen entdeckt, dass sie doch so ganz anders tickt, denkt, fühlt als manch anderer hier in der Region.

„Ich habe schon mit sechs Jahren meine Unterschrift geübt.“

„Wenn man in der Pubertät steckt und nicht konform und stromlinienförmig ist, dann eckt man auch mal an. Gerade auch, wenn man sich als Frau zu Frauen hingezogen fühlt. Einem Wunsch nach Angepasstheit konnte ich also nicht nachkommen. Ich hatte auch eine Clique, die nicht angepasst war, wir haben gefeiert, geliebt und gelebt. Und ich hatte sehr gute, aufgeräumte Lehrer am Gymnasium, war in der Theater AG und später Stufensprecherin. Ich glaube, jede bürgerliche Stadt birgt diese Keimzelle an Revoluzzern, die anders sein wollen. Und ich glaube, ich habe Gummersbach gebraucht, um mir dieses Anderssein bewusst zu machen. Das wäre mir in einer wilderen Stadt wie Köln vielleicht gar nicht so klar geworden. Zugleich musste ich eben auch feststellen, das viele Menschen mit Dingen, die sie nicht kennen, nicht gut umgehen können. Ich selbst versuche jedenfalls, mein ganzes Leben schon, so tolerant zu sein wie möglich.“

Rebellieren, sich selbst entfalten, eine Aufbruchsstimmung erleben, die aber oft auch schmerzhaft ist – für Hella von Sinnen, die später andere zum Lachen bringen und damit Karriere machen wird, sind diese Erfahrungen gleichwohl sehr wertvoll.

„Wirklich großen Humor kann man nur aus einer Tiefe und auch einem großen Schmerz heraus schreiben. Wobei ich wirklich humorbegabt bin, ebenso wie es meine Eltern waren. In der Theater AG hat man zum Beispiel mein Talent als komische Alte entdeckt. Trotzdem: Ich habe auch keinen Clown gefrühstückt. Ich bin jetzt seit 40 Jahren eine Humorarbeiterin, und das geht nur, wenn man professionell ist und bleibt. Ich könnte nicht heute noch bei Sendungen wie Genial daneben so viel Freude und Ausstrahlung rüberbringen, wenn mir das Ganze nicht immer noch viel Spaß bereiten würde.“

Andere Humorbegabte und Humorarbeiter trifft Hella von Sinnen in Köln. Dort gründet sie 1979 mit Dada Stievermann und Dirk Bach die Kabarettgruppe „Stinkmäuse“ und legt auf den Kleinkunstbühnen den Grundstein für das, was sich später zu einer schillernden Fernseh- und Medienkarriere weiterent-
wickelt wird. Ihre TV-Auftritte, die frühere Beziehung zu Cornelia Scheel, die nach wie vor ihre Managerin ist und mit der sie die Firma Komikzentrum betreibt, sowie ihr Einsatz für die gleichgeschlechtliche Ehe – all das hat Hella von Sinnen zu einer der bekanntesten Frauen Deutschlands gemacht. Sie kommt damit ziemlich gut klar. Es ist das, was sie immer gewollt hat. Schon seit sie klein war.

„Ich sag‘s wie es ist: Ich habe schon mit sechs Jahren meine Unterschrift geübt, weil ich berühmt werden wollte. Wenn ich jetzt sagen würde, die Bekanntheit sei eine Bürde, empfände ich das als verlogen. Wenn ich abends ausgehe, in Köln unterwegs bin und zum Beispiel eine der Kleinkunstbühnen besuche, dann treffe ich auf dem Weg dahin oft mehrere Junggesellenabschiede und weiß: Jetzt machst du erst mal 20 Minuten lang Selfies. Und das ist auch okay, ich bin dann Hella von Sinnen. Aber an anderen Tagen bin ich vielleicht ungeschminkt auf dem Weg zum Frisör oder auf Reisen, an der Autobahnraststätte und möchte einfach nur auf die Toilette. Wenn dann einer meinen Namen schreit, erschrecke ich. Dann bin ich vielleicht auch mal kurz angebunden. Wenn derjenige mir dann nachruft, ach guck, im Fernsehen ist die immer nett und jetzt so arrogant, dann ist das halt so. Aber ich weiß schon sehr genau, was ich meinem Publikum zu verdanken habe. In 90 Prozent alle Fälle bin ich, wenn ich rausgehe, auch bereit, jeden Tornister zu signieren.“

Die Sendungen, in denen sie auftritt, ihre eigene Firma, mit der sie unter anderem Werbetexte fürs Radio sowie, als langjähriger Comic-Fan, die Web-Sendung „Comic-Talk“ mitproduziert – langweilig wird es Hella von Sinnen auch in den kommenden Jahren nicht. Nun bald sechzig zu werden – was macht das mit ihr?

„Meine Mutter ist genau einen Tag vor
ihrem sechzigsten Geburtstag verstorben. Daher werde ich erst einmal erleichtert sein, wenn ich den Tag erreiche, zumal ich in der letzten Zeit auch viele enge Freunde in jungen Jahren verloren habe. Ich bin für jedes meiner Jahre dankbar. Als ich 1959 geboren wurde, da waren meine Großeltern so alt wie ich heute. Für mich waren sie immer alte Menschen. Es ist schon spannend, das Älterwerden bei sich selber zu verfolgen. Ich fühle mich heute eher wie zwanzig. Mit dem großen Vorteil, in den letzten vierzig Jahren Einiges dazugelernt zu haben.“