Aufs Herz hören

Einmal das Kabel ums Ohr legen, schauen, ob es passt, einen Knopf drücken und … Stille. Dann ein leises Schluchzen. Dem kleinen Jungen laufen Tränen übers Gesicht. Zum ersten Mal kann er die Stimme seiner Mutter richtig verstehen. Vor Freude fällt er Marcus Brungs um den Hals. Ein Gefühl, das dieser nie wieder vergessen wird.

 

Der Hörakustiker aus Engelskirchen hilft für den Verein „Medical Aid India“ regelmäßig in einem Camp im indischen Penukonda jenen Menschen, die schwerhörig od

er komplett gehörlos sind. Dreimal war Brungs mit anderen Helfern bereits in dem Camp, hat dort innerhalb von zwei Wochen zwischen 700 und 800 Menschen behandelt. Natürlich nicht allein – auch eine HNO-Fachärztin gehört zum Team, zudem Hautärzte und Allgemeinmediziner. Marcus Brungs ist beeindruckt, wie geduldig die Patienten in Indien sind: „Trotz der Masse an Menschen, die täglich hierher kommen und der langen Wartezeiten gibt es nie Streit. Alle warten in Ruhe.“

In Indien ist die Anzahl an Schwerhörigen oder sogar Gehörlosen sehr hoch. Vor allem viele Kinder sind davon betroffen. Oft bleibt das Leiden lange unentdeckt: „In Deutschland fällt so was direkt auf. Aber in Indien kann das schon mal untergehen. Bis es dann vielleicht zu spät ist und die Kinder keine Chance auf eine vernünftige Zukunft haben“, sagt Marcus Brungs. Oft erinnert er sich an ein sechzehnjähriges Mädchen zurück, das dank eines von ihm eingesetzten Hörgerätes wieder vernünftig hören konnte. Nach einem Jahr besuchte sie ihn wieder im Camp und war immer noch glücklich über ihr neues Hörvermögen. Die Reaktionen der Patienten – für Marcus Brungs die schönste Bestätigung seiner Arbeit. Die ist für ihn wie die anderen Helfer in Penukonda Ehrensache. Und ziemlich anstrengend. Da ist es wichtig, sich auch mal Pausen zu gönnen, einen Tempel zu besuchen, die indische Kultur kennenzulernen. Was er festgestellt hat? „Auch wenn die Menschen hier in einer ganz anderen Kultur leben, anders arbeiten als wir, anders essen und anders schlafen, so haben sie doch genau dieselben Beschwerden wie wir. Da sieht man, dass alle Menschen gleich sind.“

Auch die Untersuchungen laufen genauso ab wie in Deutschland. Bei diesen ist immer ein Dolmetscher dabei, sonst wäre die Kommunikation doch sehr schwierig. Ab und zu kommt auch ein indischer Hörgeräteakustiker ins Camp. Er hilft den deutschen Spezialisten und kann ohne die Sprachbarriere schnell helfen. Marcus Brungs weiß: Seine Einsätze und überhaupt die gesamte Organisation „Medical Aid India“ wären ohne Spenden überhaupt nicht möglich. Die Spendengelder fließen for allem in professionelles Equipment, um die Menschen so gut es geht zu behandeln. Die Reisekosten inklusive Flug und Unterkunft zahlen die Helfer alle selber. „Was wir dringend benötigen, sind nicht nur Geld-, sondern auch Sachspenden“, fordert Marcus Brungs. Er weiß auch: „Alle sechs Jahre werden in Deutschland die meisten Hörgeräte von den Krankenkassen ersetzt, auch wenn das Alte noch intakt ist. Genau diese Hörgeräte werden in Indien dringend gebraucht.“ Denn es gilt: Lieber ein gebrauchtes Hörgerät nutzen können als gar keins.

Seine nächste Indienreise hat Marcus Brungs für 2019 bereits geplant. Bis
dahin freut er sich über jeden Besuch und jedes abgegebene noch intakte
gebrauchte Hörgerät in seinem Geschäft in Engelskirchen-Ründeroth.