Was für ein Gentle Man

 

Morgens um halb zehn in Lindlar … na, alle wach? Jetzt schon, sorry dafür, liebe Anwohner rund um den Kirchplatz, aber manchmal kann man nicht anders. Sonntagmorgen, der schönste Sonnenschein … und dann so ein Auto. Nein, kein Auto. Ein Gentleman. Einer der ganz alten Schule. Ein echter Alt-68er, denn in dem Jahr erblickte er erstmals das Licht der Straße. Und er hat sich all seinen Charme bewahrt, der Ford Thunderbird. Er zelebriert ihn, auf jedem seiner 536 Zentimeter Länge, mit jedem seiner 360 Pferde, mit jedem Gramm seiner 2,6 Tonnen.

Wie die acht Zylinder unter der Motorhaube, die so lang ist wie ein Sechsklässler groß, für ein Dauerwummern sorgen, bei dem sich nicht nur das Auto im lässigen Rhythmus bewegt, sondern die Insassen gleich mit – ein Traum.

Wie ihn das Einschalten des Lichtes zum Flirten verleitet, weil er dann mit den Vorderlampen klimpert – einfach umwerfend: Schaut her, ihr automobilen Einheitsautos des 21. Jahrhunderts, hier komme ich. Und über eure Stromlinienförmigkeit bin ich sowas von erhaben. Und was ihr uns als neu und innovativ verkauft, das kann ich schon lange. Servolenkung? Elektrische Fensterheber? Elektrisch verstellbare Sitze? Parkbremse, die sich beim Anfahren von selber löst? Hat der alles schon. Seit 50 Jahren, nix von wegen nachgerüstet und so.

So locker drauf wie der Thunderbird ist auch der, der ihn fährt. Muss man auch sein in einem Auto, das besser niemals ein Parkhaus von innen sehen sollte. Ralph Mayer ist damit den Sommer über im Oberbergischen unterwegs. Manchmal privat, meist aber für seine Kunden: Denn den Thunderbird und ihn als Fahrer kann man mieten. Für die Hochzeit zum Beispiel. Nur für die Fahrt vom Standesamt in die Kirche oder für den ganzen Tag. Denn der Ford gibt auch beim Paar-Shooting eine prima Figur ab.

Das liegt auch daran, dass Ralph Mayer den Thunderbird hegt und pflegt. Vor kurzem erst hat er einen schönen neuen elfenbeinfarbenen Lackanzug erhalten, und auch die Kopfbedeckung ist mit einem Dach aus echtem Vinyl, gestaltet von einer Sattlerin aus der Region, absolut stilecht. Bei einem kurzen Stopp vorm Schloss Heiligenhoven in Lindlar macht auch so mancher Wanderer eine kurze Verschnaufpause um doch mal einen zweiten Blick auf den Amerikaner zu werfen.

Für Mayer kein Ort wie jeder andere. „Hier habe ich seinerzeit das erste Mal ein Hochzeitspaar hingefahren, damals noch in einem geliehenen Ford Mustang“, erzählt der selbstständige Handwerker. Kurz darauf kaufte er sich einen Mustang, entdeckte dann in den Niederlanden den Thunderbird. „Ich fuhr mit meiner Partnerin hin, sah ihn durch
die Fensterscheibe stehen und wusste: Das ist meiner.“ Er wusste auch: Den in Schuss zu halten, ist nicht ganz unaufwändig. Zum Glück ließ sich seine Stammwerkstatt auf das Abenteuer amerikanischer Oldtimer ein.

Klar, dass sich Mr. Donnervogel auch mal den einen oder anderen Schluck genehmigt, um nicht nur in Fahrt, sondern auch anzukommen. „Ich hab immer einen 20-Liter-Ersatzkanister im Kofferraum“, sagt Ralph Mayer lächelnd, „man weiß ja nie.“ Nach einem ziemlich entspannten amerikanisch-oberbergischen Vormittag wissen wir jedenfalls eins, bei aller Vernunft, die unseren Alltag so oft bestimmt: Ein bisschen automobiler Rock’n’Roll darf ab und zu sein. Aber nur so richtig Oldschool.