„Ein geiles Gefühl!“

Alle waren da bei seiner Fashionshow Mitte Mai in der Halle 32. Freunde, Bekannte, Förderer. Und vor allem war er da. Mit allem, was er kreiert hatte für seine Kollektion Aquair, seiner Abschlussarbeit als Diplom-Modedesigner und Kostümbildner an der Freien Akademie Köln. Aquair, ein Wortspiel, dass sich aus Wasser und Luft zusammensetzt, eine Verbindung der Elemente, steht sinnbildlich für einen, der sich nie angepasst hat, der Stile und damit Menschen verbunden hat. Der Gummersbacher Carlo Schneeweis ist so wunderbar anders, dass man ihn einfach mögen muss. Und dessen ist er sich auch bewusst, ohne, dass er damit ständig kokettieren würde, was ein Gespräch mit ihm zu so einem kurzweiligen Vergnügen macht.

Er erzählt von Kindheit, von Kreativität, vom Klavierspielen, von Kunst. Davon, dass er all das wollte, das Malen, Basteln, sich musisch entfalten. Davon, dass er sich sehr früh von anderen Jungen unterschied: „Ich war nicht der typische Junge, mit Fußballspielen und Sport. Das war auch nicht schwierig für mich oder so. Mein Freundeskreis entspricht genauso wenig der Norm wie ich.“ Andere kickten oder machten Judo, Carlo ging in die Kinderkunstschule, damals noch im Bruno-Goller-Haus. Da war er gerade mal fünf, malte aber schon so gut, dass die Schulleiterin eine Ausnahme machte. „Da habe ich mich echt gut aufgehoben gefühlt“, erzählt der heute 24-Jährige rückblickend. Nur im Hintergrund bleiben? Nicht sein Ding. Er machte beim Projekt Voice, Body & Soul mit, stand schon als Kind auf der Bühne, wechselte dann als Darsteller ins bekannte Musical Projekt Oberberg. So, und dann ist die Kostümbildnerin plötzlich nicht mehr greifbar, für die anstehende Show werden aber Kostüme gebraucht. Und Schneeweis macht Nägel mit Köpfen, wendet sich an Martin Kuchejda, heute Leiter der Halle 32, damals des Goller-Hauses, und sagt: „Das mit dem Kostümdesign, das würde ich gerne mal versuchen.“ Bis dato hat er nicht einmal einen Pullover konzipiert, aber den Kopf voller Ideen und sein Zeichentalent weiterentwickelt – Kuchejda lässt ihn mal machen. Schneeweis macht. Und gestaltet alle 41 Kostüme für die Cole-Porter-Night. Misst jeden Darsteller aus, besorgt sich Stoffe, bestickt sie, schneidert, näht.

Fünf Jahre ist das jetzt her, inzwischen hat der Gummersbacher für eine ganze Reihe von Shows die kompletten Kostüme gestaltet, ganze Kreationen entworfen und immer wieder auch auf der Bühne gestanden, als Darsteller und Sänger, unter anderem beim Großprojekt Luther, für das er ebenfalls die Kostüme (hundert Stück!) kreiert hat. Warum ist er beruflich nicht den Weg des Performers gegangen? Klares Statement: „Nee, als Job kam das nicht in Frage. Da fühle ich mich hinter der Bühne wohler.“ Weil da seine wahren Talente liegen. Bei seinen Kollektionen hält er von der Idee bis zum fertigen Produkt alle Fäden selbst in der Hand, bewahrt sich innerhalb des Rahmens, den das Thema der Show vorgibt, seine völlige Freiheit – und erlebt jedes Mal das zutiefst befriedigende Gefühl, dass er am Ende einer Show sieht, wie alle Darsteller in seinen Kostümen den Schlussapplaus bekommen. Und er selbst, wenn er, was ja nach wie vor der Fall ist, darin mitspielt: „Ein geiles Gefühl.“

Als Modedesigner liebt er farbliche Gegensätze und eine große Vielfalt der Stoffe. Den einen Lieblingsstoff gibt es nicht. Aber gefällt den Darstellern eigentlich, was ihnen Carlo Schneeweis so anzieht? In der Tat, weil der Designer ein gutes Gespür für jeden Einzelnen hat. Ebenso wie für seine Kunden, für die er ganze Modenschauen organisiert, unter anderem für die Fashionshows großer deutscher Automarken.

So, und jetzt? Diplom in der Tasche und nun … hat sich Carlo Schneeweis auf einige Stellen beworben. Und ist auch bereit fürs Unterwegssein: „Ich würde gerne mit einem großen, bekannten Musicalprojekt mitreisen und die Kostüme machen.“ Aber auch ein Job in der Region, im Bergischen Land, wäre nicht verkehrt. Buchen kann ihn, davon abgesehen, übrigens jeder. Die ganz persönliche und etwas andere Schneeweis-Kollektion für die eigene Familie? Das etwas andere Brautkleid? Kein Problem. Wenn man bereit ist, das Unerwartete zu erwarten. Denn seine Art zu denken und zu arbeiten wird sich Carlo Schneeweis erhalten. Möglichst auch die Unabhängigkeit. Kreativität passiert nicht auf Knopfdruck, sondern auch mal erst nachts um drei. Und auch nur, wenn man tut, was man liebt.