Der Talker der Tod und das Leben

JÜRGEN DOMIAN 02.02.2016
1Live Moderator
©WDR/Annika Fußwinkel

Hansen ist sein Leben leid. Er geht nach Lappland, um zu sterben. Ganz bewusst. Er will Frieden finden. Doch die Dämonen in seinem Kopf haben einen anderen Plan … wie Hansens Geschichte nach 192 Seiten endet? Wird nicht verraten. Müssen Sie schon selber lesen. Verraten wird nur eins: Es war nur eine Frage der Zeit, bis Jürgen Domian dieses Buch schreiben würde. Weil er musste. Weil das Thema Tod ihn seit über vierzig Jahren eng durch sein Leben begleitet. Domian und der Tod – diese Geschichte begann Anfang der 1970er-Jahre in Gummersbach.
Eigentlich, sagt Jürgen Domian und nimmt einen Schluck Tee, möchte er ja gar nicht so gerne über Gummersbach sprechen. Nicht über die Schulzeit auf der Hauptschule. Nicht über andere Schüler und Lehrer, die er dort traf. Doch nach einigen Minuten und vielen Gedanken, die sich der Wahlkölner über seine Jugend im Oberbergischen macht, wird klar, dass ein Domian ohne Gummersbach nicht denkbar ist. Dass vieles, was ihn im Leben bewegt hat und noch bewegt, dort seinen Anfang nahm. Eines dieser Themen ist der Tod.
Er ist dem heute Sechzigjährigen, der, wenn er mit seiner ruhigen, ewig jungen Stimme spricht, vollkommen alterslos wirkt, so oft begegnet wie nur wenigen Menschen. Insbesondere in seiner Kult-Talkshow im WDR und auf EinsLive, die er über 20 Jahre lang werktags von eins bis zwei Uhr morgens moderierte. Dann, wenn sie anriefen. Menschen, die nicht mehr lange zu leben und niemanden zum Reden hatten. Menschen, die anderen Furchtbares angetan hatten oder selber zum Opfer geworden waren. Menschen mit Neigungen, Lebensweisen und Ansichten, die auch Jürgen Domian oft noch nicht kannte. Die Gespräche mit Sterbenden sind ihm am meisten im Gedächtnis geblieben. So wie es auch seine eigene Entdeckung der Endlichkeit des Lebens ist. „Ich war damals dreizehn oder vierzehn und mir wurde ohne einen konkreten Anlass bewusst, dass auch ich sterben werde. Das war ein erschütternder Gedanke. Ich hatte Angst, ins Bett zu gehen aus Sorge, nicht mehr aufzuwachen. Dass die Toten womöglich anwesend im Raum waren, mich sehen könnten. Hilfreich war mir ein alter Pastor in Gummersbach. Im Konfirmandenunterricht habe ich mit ihm das Gespräch gesucht. Er fing mich auf. Ich hatte dann eine sehr gläubige Zeit, war sehr involviert im CVJM. Durch den Glauben bekam ich Trost.“

Jürgen Domian, ein Teenager, der sich tiefgründigste Gedanken über Leben und Tod machte, die er mit Freunden und Schulkameraden nicht teilen konnte. Der später der bis dato einzige Hauptschüler im Oberbergischen Kreis werden sollte, der auf ein Gymnasium wechseln konnte. Der damalige Rektor am Gymnasium Grotenbach, Horst Kienbaum, erkannte sein Potenzial. „Er sagte zu mir, wenn Sie bereit sind, in den nächsten drei Jahren Oberstufe quasi auf Ihre gesamte Freizeit zu verzichten, dann geben wir Ihnen die Chance.“ Jürgen Domian nutzte sie. Weil er an sich glaubte. Und seinen Glauben an Gott behielt. Und letztlich auch, weil er dort neue Freunde fand. Darunter eine Freundin, die ihn bis heute begleitet: Hella von Sinnen.

Freunde gefunden. Aber den Glauben verloren. Theologiestudium? Ja, das war geplant. Doch ausgerechnet der Glaube verließ Jürgen Domian mit knapp zwanzig wieder. Er befasste sich in der Oberstufe mit der Philosophie, „weil ich die Feinde kennenlernen wollte“, wie er mit einem Schmunzeln sagt. Er las die Schriften besonders religionskritischer Denker, um sie zu verstehen. Doch er verstand sie nicht nur, er konnte ihre Haltung unerwarteterweise mehr als nachvollziehen. Und verabschiedete sich vom Glauben, den er erst viele Jahre später zuerst im Zen-Buddhismus und dann bei den christlichen Mystikern wiederfinden sollte.

„Ich lebe nicht wie ein typischer Sechzigjähriger“

Jahre, in denen er, mittlerweile in Köln lebend, in ganz Deutschland bekannt wird. Nacht für Nacht schalten viele tausend Menschen ein, schauen und hören ihm zu. Aber die Nächte zehren an Jürgen Domian. Er tut sich das vor allem aus einem Grund über zwei Jahrzehnte an. „Weil es sensationell funktionierte. Und es hätte auch noch länger funktioniert, wenn ich nicht die Bremse gezogen hätte. Ich hatte bald erkannt, dass diese Sendung über ein reines Talkformat weit hinausgeht. Dass wir in Biografien eingreifen, den Menschen wirklich helfen können. Das zeigten auch die unglaublich vielen Rückmeldungen. Ich hatte immer dieses Gefühl, du machst etwas komplett Sinnvolles. Aber die Nachtarbeit war auf die Dauer ein großer Schatten.“
Jürgen Domian ist aus ihm herausgetreten. Er hat aufgehört, Ende 2016. Wurde krank danach, weil sein Körper mit der kompletten Lebensumstellung erst mal gar nicht klar kam. Vor allem aber ist der gebürtige Gummersbacher freier geworden. Morgens um halb sechs erst ins Bett, vor dem Nachmittag keine Termine? Das war einmal. Diese Nicht-Taktung, dieses Nicht-genau-wissen, was morgen sein wird, macht ihn nicht nur frei, sondern noch kreativer. Sachbücher hat er während der Talk-Zeiten schon geschrieben, auch mehrere Romane.

Keine Frage, dass die Geschichte des suizidalen Hansen in Lappland spielen würde, dort, wo es ihn selbst regelmäßig hin zieht, dort, wo er komplett off ist. „Wandern, schlafen in einer einsamen Hütte, wandern, schlafen. Das ist meine Seelenreinigung. Ich habe in der Regel ein paar Bücher mit, aber ich lese die meist gar nicht, weil das schon wieder zu viel Input ist.“ Lappland mit seiner Natur, seiner Ursprünglichkeit, seiner Stille – reicht. Auch geschrieben wird auf Reisen nicht. Das passiert dann wieder in Köln. „Schreiben ist Arbeit, das geht unterwegs nicht. Und es geht recht unromantisch vonstatten. Ein ruhiger Raum, ein grober Faden, keine feste Architektur.“
Die hat Jürgen Domian, erst recht, seit er seine Nachtsendung drangegeben hat, ohnehin nicht. Vielleicht noch mal eine Talkshow im Fernsehen? Mal schauen. Schon seine Lesungen sind ja immer auch Gesprächsrunden. Wenngleich ihm die Zahl sechzig schon ein bisschen zu schaffen macht, sechzig, das klinge schon exotisch, sagt er, hat er noch viel Zeit. Für neue Begegnungen, neue Geschichten. Denn obwohl es in seinen Gesprächen und seinen Büchern oft um den Tod geht, mag Jürgen Domian vor allem eins: das Leben.