„Ein geiles Gefühl!“

Alle waren da bei seiner Fashionshow Mitte Mai in der Halle 32. Freunde, Bekannte, Förderer. Und vor allem war er da. Mit allem, was er kreiert hatte für seine Kollektion Aquair, seiner Abschlussarbeit als Diplom-Modedesigner und Kostümbildner an der Freien Akademie Köln. Aquair, ein Wortspiel, dass sich aus Wasser und Luft zusammensetzt, eine Verbindung der Elemente, steht sinnbildlich für einen, der sich nie angepasst hat, der Stile und damit Menschen verbunden hat. Der Gummersbacher Carlo Schneeweis ist so wunderbar anders, dass man ihn einfach mögen muss. Und dessen ist er sich auch bewusst, ohne, dass er damit ständig kokettieren würde, was ein Gespräch mit ihm zu so einem kurzweiligen Vergnügen macht.

Er erzählt von Kindheit, von Kreativität, vom Klavierspielen, von Kunst. Davon, dass er all das wollte, das Malen, Basteln, sich musisch entfalten. Davon, dass er sich sehr früh von anderen Jungen unterschied: „Ich war nicht der typische Junge, mit Fußballspielen und Sport. Das war auch nicht schwierig für mich oder so. Mein Freundeskreis entspricht genauso wenig der Norm wie ich.“ Andere kickten oder machten Judo, Carlo ging in die Kinderkunstschule, damals noch im Bruno-Goller-Haus. Da war er gerade mal fünf, malte aber schon so gut, dass die Schulleiterin eine Ausnahme machte. „Da habe ich mich echt gut aufgehoben gefühlt“, erzählt der heute 24-Jährige rückblickend. Nur im Hintergrund bleiben? Nicht sein Ding. Er machte beim Projekt Voice, Body & Soul mit, stand schon als Kind auf der Bühne, wechselte dann als Darsteller ins bekannte Musical Projekt Oberberg. So, und dann ist die Kostümbildnerin plötzlich nicht mehr greifbar, für die anstehende Show werden aber Kostüme gebraucht. Und Schneeweis macht Nägel mit Köpfen, wendet sich an Martin Kuchejda, heute Leiter der Halle 32, damals des Goller-Hauses, und sagt: „Das mit dem Kostümdesign, das würde ich gerne mal versuchen.“ Bis dato hat er nicht einmal einen Pullover konzipiert, aber den Kopf voller Ideen und sein Zeichentalent weiterentwickelt – Kuchejda lässt ihn mal machen. Schneeweis macht. Und gestaltet alle 41 Kostüme für die Cole-Porter-Night. Misst jeden Darsteller aus, besorgt sich Stoffe, bestickt sie, schneidert, näht.

Fünf Jahre ist das jetzt her, inzwischen hat der Gummersbacher für eine ganze Reihe von Shows die kompletten Kostüme gestaltet, ganze Kreationen entworfen und immer wieder auch auf der Bühne gestanden, als Darsteller und Sänger, unter anderem beim Großprojekt Luther, für das er ebenfalls die Kostüme (hundert Stück!) kreiert hat. Warum ist er beruflich nicht den Weg des Performers gegangen? Klares Statement: „Nee, als Job kam das nicht in Frage. Da fühle ich mich hinter der Bühne wohler.“ Weil da seine wahren Talente liegen. Bei seinen Kollektionen hält er von der Idee bis zum fertigen Produkt alle Fäden selbst in der Hand, bewahrt sich innerhalb des Rahmens, den das Thema der Show vorgibt, seine völlige Freiheit – und erlebt jedes Mal das zutiefst befriedigende Gefühl, dass er am Ende einer Show sieht, wie alle Darsteller in seinen Kostümen den Schlussapplaus bekommen. Und er selbst, wenn er, was ja nach wie vor der Fall ist, darin mitspielt: „Ein geiles Gefühl.“

Als Modedesigner liebt er farbliche Gegensätze und eine große Vielfalt der Stoffe. Den einen Lieblingsstoff gibt es nicht. Aber gefällt den Darstellern eigentlich, was ihnen Carlo Schneeweis so anzieht? In der Tat, weil der Designer ein gutes Gespür für jeden Einzelnen hat. Ebenso wie für seine Kunden, für die er ganze Modenschauen organisiert, unter anderem für die Fashionshows großer deutscher Automarken.

So, und jetzt? Diplom in der Tasche und nun … hat sich Carlo Schneeweis auf einige Stellen beworben. Und ist auch bereit fürs Unterwegssein: „Ich würde gerne mit einem großen, bekannten Musicalprojekt mitreisen und die Kostüme machen.“ Aber auch ein Job in der Region, im Bergischen Land, wäre nicht verkehrt. Buchen kann ihn, davon abgesehen, übrigens jeder. Die ganz persönliche und etwas andere Schneeweis-Kollektion für die eigene Familie? Das etwas andere Brautkleid? Kein Problem. Wenn man bereit ist, das Unerwartete zu erwarten. Denn seine Art zu denken und zu arbeiten wird sich Carlo Schneeweis erhalten. Möglichst auch die Unabhängigkeit. Kreativität passiert nicht auf Knopfdruck, sondern auch mal erst nachts um drei. Und auch nur, wenn man tut, was man liebt.

15 Minuten in der Küche vom … ENGELBERT´s

Was schreibt das Leben dochfür lustige Geschichten: Da treffen wir vor einem knappen Jahr bei einer Recherche für die Solinger Ausgabe von ENGELBERT den Konditor Christian Anske. Damals ging es um eine Praline extra für unser Magazin. Und jetzt? Dürfen wir in Wipperfürth im Haus am Markt im Restaurant ENGELBERT’s in die Küche schauen und wen treffen wir? Genau. Den Christian.

Denn der ist auch gelernter Koch. Ein sehr guter, hat unter anderem neun Jahre in einem Sternerestaurant auf Usedom gearbeitet und ist somit genau der richtige Chef de Partie fürs ENGELBERT’s im Haus am Markt. Denn er zaubert nicht nur großartige Hauptspeisen, sondern auch köstliche Desserts. Als wir ihm über die Schulter schauen dürfen, hat der Sous Vide Garer bereits eine komplette Tagesschicht hinter sich.

Denn bei konstant 52 Grad hat darin exakt 24 Stunden lang ein mariniertes Flank Steak gegart. Das ist jetzt so perfekt rosa und zart, dass Christian Anske es nur noch von beiden Seiten scharf anbraten muss, damit es eine schöne Kruste bekommt. Vorher schwenkt er bereits die Kartoffeln in Butter und bereitet das Schalottenpürree zu. Die Schalotten hat

er zuvor unter anderem in karamellisiertem Zucker und Rotwein eingelegt, jetzt schmecken sie leicht süßlich. Und ganz wunderbar! Noch etwas Broccoli dazu, fertig. Als er das Flank Steak in Streifen schneidet, frage ich mich, wie man das eigentlich aushält, das jetzt nicht selber essen zu dürfen, und freue mich schon auf den ersten Bissen. Um es vorweg zu nehmen: Es wundert mich nicht, dass vier von fünf Gästen im ENGLEBERT’s das Flank Steak bestellen, sobald es auf der Karte ist. Genießen können sie es entweder im Barbereich oder im Restaurant. Seit einem guten halben Jahr werden die Gäste im ENGELBERT’s mit frischen saisonalen Genusskreationen kulinarisch verwöhnt. Übrigens auch in der Weinbar, wo unter anderem Wein- und Fondueabende stattfinden.

Auch rund um das Restaurant tut sich einiges: Das neue Gästehaus ist ab Mitte Juni bezugsfertig, das Hotel im Haus am Markt bietet dann insgesamt 29 Zimmer in verschiedenen Kategorien. Das ist auch nötig, denn die Nachfrage steigt. Die Pächter Petra und Christoph Schwamborn haben bereits Australier, Neuseeländer, Japaner, Amerikaner und viele weitere Wipperfürth-Besucher begrüßt, die aus der halben Welt ins Bergische gekommen sind. Und bei der guten Küche und dem fantastischen Ambiente werden noch einige folgen.

Schöner reiten

Die wunderschöne schwarze Stute in Australien trägt es. Der tiefbraune edle Hengst in Japan trägt es. Und auch der sensible Wallach in München, der gleich zum nächsten Wettkampf in der Dressur antritt. Aber nicht irgendeins. Das Leder naturgegerbt und von Hand vernäht. Und die bunten Kristalle von Swarovski in Österreich.
Ein Pferdestirnband von Otto Schumacher in Marienheide, das ist ein Lifestyleprodukt für Pferde auf der ganzen Welt. Eines, das Funktion und Look so perfekt kombiniert wie nur wenige andere. Das Gleiche gilt für die Trensen und die Sättel, die an der Schmiedestraße ebenfalls in Handarbeit hergestellt werden.

In einer Manufaktur, in der das Andersdenken, Andersmachen und Anderspräsentieren seit Jahren gelebt wird. In der ein Ja-aber-Sagen praktisch nicht vorkommt. Weil das Machen zählt. Das war schon im Jahr 1953 so, als Otto Schumacher, gelernter Sattler, in Lindlar über Land fuhr und auf den Höfen die Geschirre der Pferde reparierte. Die waren damals reine Arbeitstiere, es ging um die Funktion, und Ende. Und Ende? Von wegen. Für Schumacher erst der Anfang. Denn Stück für Stück wuchs in den Folgejahren der Reitsport, der Unternehmer wurde vom Instandhalter zum Produzenten der ersten Trensen, dem Zaumzeug für Pferde. Einzigartig in Oberberg. Und wer stand natürlich auf dem Plan? Die Skeptiker. „Anfangs wurde mein Vater belächelt“, erzählt seine Tochter Ulrike Schumacher-Rinker, die das Unternehmen heute mit ihrem Mann Thomas Rinker führt.

Otto Schumacher ließ sich nicht beirren. Er führte viele Gespräche mit etablierten Reitern, entwickelte neben den Trensen die ersten Sättel – immer mit dem Ziel, diese für den Reiter und das Pferd so komfortabel und bequem wie nur möglich zu gestalten. Die perfekte Verbindung zwischen Mensch und Tier herzustellen. Und neben der Funktion auch kostbare Produkte zu erschaffen, die einfach schön aussehen. Eine Philosophie, die seine Tochter und ihr Mann heute fortführen. Zum Beispiel bei den Stirnbändern. Ein Kopfschmuck fürs Tier, ganz gleich, ob für den Freizeit- oder den Turnierreiter. Und was schmückt besonders schön? Glitzernde Steinchen.

„Als Mitte der Neunziger der Swarovski-Vertreter zu uns kam, haben wir erst einmal sechs, sieben verschiedene Steinchen geordert. Wieder haben Mitbewerber uns belächelt. Von wegen: Jetzt setzen die da auch noch Steinchen ein“, erinnert sich Ulrike Schumacher-Rinker. Heute werden jedes Jahr zwei neue Kollektionen bei den Kristallexperten in Österreich geordert, die verschiedenen Designs und Zusammenstellungen der Steine, die schier unendlich viele Möglichkeiten bieten, gestalten die kreativen Marienheider selbst. „Was meinen Sie, wie oft wir zu Hause sitzen und wieder neue Gestaltungsmöglichkeiten ausknöstern? Wir brennen einfach dafür“, unterstreicht Thomas Rinker. Und immer dann, wenn Skeptiker aus der Branche kommen und sagen: Ach, die von Schumacher wieder mit ihren verrückten Ideen, ist das erst recht ein Ansporn.

Diese absolute Leidenschaft wird belohnt: Sättel, Trensen und Stirnbänder sind in aller Welt beliebt, und auch wenn inzwischen andere Hersteller nachgezogen haben – die Manufaktur Schumacher war die erste, die sich traute. Auch Kristallsteine in Nationalfarben werden inzwischen von den Kunden geordert, zum Beispiel für Turnierpferde. Online können sich Reitfans weltweit Stirnbänder und Trensen gestalten, bestellt wird dann aber über den Händler vor Ort – denn die Sattlerei Otto Schumacher liefert ausschließlich an Fachhändler, nicht an Endkunden.

Und sie hat sich das Denken und Arbeiten einer Manufaktur bewahrt, was ganz wesentlich für den Erfolg ist. Eingekauft wird ausschließlich feinstes, pflanzlich gegerbtes Leder von ausgesuchten Höfen. Mal weicher, mal fester gegerbt, nach Verwendungszweck. Metallbeschläge, Schnallen, Garne, alles, was Schumacher an Material einkauft, ist Made in Germany, meist sogar in NRW. Die herausragende Qualität des Materials
ist das A und O.

Und die Herstellungsweise. Jeder Sattel wird, basierend auf einer Vielzahl von zuvor gefertigten Formteilen, in zig Arbeitsschritten und komplett von Hand hergestellt. Von Sattlern, die die Otto Schumacher GmbH zum großen Teil selber ausgebildet und dann übernommen hat. Von Näherinnen, die zum Teil an der Schmiedestraße, zum Teil in Heimarbeit und damit sehr familienfreundlich arbeiten. Von echten Experten also, die mit größter Akribie zu Werke gehen. Denn jeder der Sättel, die nach den Wünschen und Bedürfnissen der Kunden (und der Pferde!) hergestellt werden, ist ein Einzelstück. Ebenso wie Stirnbänder oder Trensen. Produkte, die ewig halten sollen. Die längst viele Fans haben. Nicht nur Reiterinnen und Reiter, denn inzwischen fertigt Schumacher auch Hosengürtel sowie Hundeleinen und -halsbänder.

Diese Produktvielfalt können die Fachhändler seit Anfang des Jahres auch im neuen Showroom bewundern. Mindestens genauso beeindruckend aber ist ein Gang durch die Manufaktur selbst.
Dort, wo die Steine und Applikationen einzeln eingenäht werden. Wo jede Schlaufe und Schnalle von Hand gefertigt wird. Von Menschen, die Fans ihrer eigenen Produkte sind. Weil sie nie gesagt haben: Ja, aber … Sondern: Jetzt erst recht! Das machen wir.
Denn so hat das noch keiner gemacht.

Kante zeigen!

Endlich. Endlich traut sich mal einer. Kante zeigen, wo andere vor lauter Rundungen ununterscheidbar werden. Mut beweisen, wo andere auf „bloß nicht übertreiben“ setzen. Toyota übertreibt es mit dem C-HR. Wie wunderbar.

Deshalb können wir im Toyota Autohaus Kutscher in Wipperfürth auch erst mal gar nicht einsteigen. Wir müssen Runden drehen. Ums Auto. Noch eine Runde. Und noch eine. Ob C-HR-Fahrer regelmäßig zu spät kommen, weil es ihnen jeden Tag so geht, und sie beim Bewundern ihres eigenen Autos die Zeit vergessen? Keine Ahnung. Ist auch egal. Dieser Hintern, mit Verlaub, verdient einen zweiten, dritten, vierten Blick. Und auch das Gesicht sagt: Ich bin anders, mein Freund.

Das Schöne ist, dass das Fahrerlebnis all diese äußeren Versprechen hält. ENGELBERT fährt den voll ausgestatteten Hybrid. Diese Kombi aus Benzin- und Elektromotor haben die Japaner ja vor über 20 Jahren selber erfunden und inzwischen so intelligent weiterentwickelt, dass etwas anderes kaum in Frage kommt. Beispiel Zündung: Der C-HR startet, bleibt aber stumm. Rangieren auf dem Parkplatz? Elektrisch. Ebenso wie die ersten Meter auf der Leiersmühle. Kommt er in Fahrt, mischt dann auch der Benzinmotor mit, aber so effizient, dass das SUV-Coupé auch bei sportlicher Fahrweise mit unter fünf Litern Benzin auskommt.

Unterwegs sein im C-HR, das ist für die Fondpassagiere ein völlig anderes Erlebnis als für Fahrer und Beifahrer. Denn die extreme Coupéform mit den seitlich oben in die Türen integrierten Griffen sorgt hinten, auch wegen der kleinen Fenster, für eine echte Loungeatmosphäre. Was, kleine Fenster? Oh Gott, die Übersicht! Völlig egal, Einparken ist easy. Weil Toyota dem C-HR natürlich einen Parkassistenten und eine Rückfahrkamera spendiert hat. Die ist wiederum in einen Bildschirm integriert, der das Cockpit dominiert. Groß, breit, hoch, zentral, dem Fahrer zugewandt. Auf den ersten Metern muss ich mich daran gewöhnen. Weil per Touch-Funktion hierüber aber alle wesentlichen Funktionen gesteuert werden, lernt man den großen Bildschirm schnell lieben. Auch, weil er so intuitiv bedienbar ist. Mal eben das iPhone gekoppelt, fertig, Lieblingsmusik an Bord. Dank der JBL-Soundanlage kommt die auch richtig gut.

Ebenso wie das Fahrgefühl. Super Sitzposition, kraftvoller Antritt und vor allem: Eine hervorragende Übersetzung des Automatikgetriebes. Es gibt ja immer noch Kandidaten, die erst extrem verzögert beschleunigen; nicht so der C-HR, der fast stufenlos nach vorne geht. Und die Systemleistung von 122 PS (ergibt sich aus 98 PS Benzinmotor und 72 PS Elektromotor) reicht völlig, um munter durch Oberberg zu cruisen. Über Ohl fahren wir bis zur Brucher und durch die Becke bis nach Gummersbach. Von dort zurück nach Agathaberg und zum Walter-Leo-Schmitz-Bad. Und ganz gleich, wie schmal die Straßen werden, der Toyota meistert dank der direkten und zugleich leichtgängigen Lenkung souverän jedes Terrain.

Ganz ehrlich – den hätten wir gern noch ein bisschen behalten. Das Trostpflaster nach dem Aussteigen: Wir dürfen noch eine Runde ums Heck drehen. Wie der mit seinem Perlmuttweiß in der Sonne glänzt … so schön kann anders sein.

Der Talker der Tod und das Leben

JÜRGEN DOMIAN 02.02.2016
1Live Moderator
©WDR/Annika Fußwinkel

Hansen ist sein Leben leid. Er geht nach Lappland, um zu sterben. Ganz bewusst. Er will Frieden finden. Doch die Dämonen in seinem Kopf haben einen anderen Plan … wie Hansens Geschichte nach 192 Seiten endet? Wird nicht verraten. Müssen Sie schon selber lesen. Verraten wird nur eins: Es war nur eine Frage der Zeit, bis Jürgen Domian dieses Buch schreiben würde. Weil er musste. Weil das Thema Tod ihn seit über vierzig Jahren eng durch sein Leben begleitet. Domian und der Tod – diese Geschichte begann Anfang der 1970er-Jahre in Gummersbach.
Eigentlich, sagt Jürgen Domian und nimmt einen Schluck Tee, möchte er ja gar nicht so gerne über Gummersbach sprechen. Nicht über die Schulzeit auf der Hauptschule. Nicht über andere Schüler und Lehrer, die er dort traf. Doch nach einigen Minuten und vielen Gedanken, die sich der Wahlkölner über seine Jugend im Oberbergischen macht, wird klar, dass ein Domian ohne Gummersbach nicht denkbar ist. Dass vieles, was ihn im Leben bewegt hat und noch bewegt, dort seinen Anfang nahm. Eines dieser Themen ist der Tod.
Er ist dem heute Sechzigjährigen, der, wenn er mit seiner ruhigen, ewig jungen Stimme spricht, vollkommen alterslos wirkt, so oft begegnet wie nur wenigen Menschen. Insbesondere in seiner Kult-Talkshow im WDR und auf EinsLive, die er über 20 Jahre lang werktags von eins bis zwei Uhr morgens moderierte. Dann, wenn sie anriefen. Menschen, die nicht mehr lange zu leben und niemanden zum Reden hatten. Menschen, die anderen Furchtbares angetan hatten oder selber zum Opfer geworden waren. Menschen mit Neigungen, Lebensweisen und Ansichten, die auch Jürgen Domian oft noch nicht kannte. Die Gespräche mit Sterbenden sind ihm am meisten im Gedächtnis geblieben. So wie es auch seine eigene Entdeckung der Endlichkeit des Lebens ist. „Ich war damals dreizehn oder vierzehn und mir wurde ohne einen konkreten Anlass bewusst, dass auch ich sterben werde. Das war ein erschütternder Gedanke. Ich hatte Angst, ins Bett zu gehen aus Sorge, nicht mehr aufzuwachen. Dass die Toten womöglich anwesend im Raum waren, mich sehen könnten. Hilfreich war mir ein alter Pastor in Gummersbach. Im Konfirmandenunterricht habe ich mit ihm das Gespräch gesucht. Er fing mich auf. Ich hatte dann eine sehr gläubige Zeit, war sehr involviert im CVJM. Durch den Glauben bekam ich Trost.“

Jürgen Domian, ein Teenager, der sich tiefgründigste Gedanken über Leben und Tod machte, die er mit Freunden und Schulkameraden nicht teilen konnte. Der später der bis dato einzige Hauptschüler im Oberbergischen Kreis werden sollte, der auf ein Gymnasium wechseln konnte. Der damalige Rektor am Gymnasium Grotenbach, Horst Kienbaum, erkannte sein Potenzial. „Er sagte zu mir, wenn Sie bereit sind, in den nächsten drei Jahren Oberstufe quasi auf Ihre gesamte Freizeit zu verzichten, dann geben wir Ihnen die Chance.“ Jürgen Domian nutzte sie. Weil er an sich glaubte. Und seinen Glauben an Gott behielt. Und letztlich auch, weil er dort neue Freunde fand. Darunter eine Freundin, die ihn bis heute begleitet: Hella von Sinnen.

Freunde gefunden. Aber den Glauben verloren. Theologiestudium? Ja, das war geplant. Doch ausgerechnet der Glaube verließ Jürgen Domian mit knapp zwanzig wieder. Er befasste sich in der Oberstufe mit der Philosophie, „weil ich die Feinde kennenlernen wollte“, wie er mit einem Schmunzeln sagt. Er las die Schriften besonders religionskritischer Denker, um sie zu verstehen. Doch er verstand sie nicht nur, er konnte ihre Haltung unerwarteterweise mehr als nachvollziehen. Und verabschiedete sich vom Glauben, den er erst viele Jahre später zuerst im Zen-Buddhismus und dann bei den christlichen Mystikern wiederfinden sollte.

„Ich lebe nicht wie ein typischer Sechzigjähriger“

Jahre, in denen er, mittlerweile in Köln lebend, in ganz Deutschland bekannt wird. Nacht für Nacht schalten viele tausend Menschen ein, schauen und hören ihm zu. Aber die Nächte zehren an Jürgen Domian. Er tut sich das vor allem aus einem Grund über zwei Jahrzehnte an. „Weil es sensationell funktionierte. Und es hätte auch noch länger funktioniert, wenn ich nicht die Bremse gezogen hätte. Ich hatte bald erkannt, dass diese Sendung über ein reines Talkformat weit hinausgeht. Dass wir in Biografien eingreifen, den Menschen wirklich helfen können. Das zeigten auch die unglaublich vielen Rückmeldungen. Ich hatte immer dieses Gefühl, du machst etwas komplett Sinnvolles. Aber die Nachtarbeit war auf die Dauer ein großer Schatten.“
Jürgen Domian ist aus ihm herausgetreten. Er hat aufgehört, Ende 2016. Wurde krank danach, weil sein Körper mit der kompletten Lebensumstellung erst mal gar nicht klar kam. Vor allem aber ist der gebürtige Gummersbacher freier geworden. Morgens um halb sechs erst ins Bett, vor dem Nachmittag keine Termine? Das war einmal. Diese Nicht-Taktung, dieses Nicht-genau-wissen, was morgen sein wird, macht ihn nicht nur frei, sondern noch kreativer. Sachbücher hat er während der Talk-Zeiten schon geschrieben, auch mehrere Romane.

Keine Frage, dass die Geschichte des suizidalen Hansen in Lappland spielen würde, dort, wo es ihn selbst regelmäßig hin zieht, dort, wo er komplett off ist. „Wandern, schlafen in einer einsamen Hütte, wandern, schlafen. Das ist meine Seelenreinigung. Ich habe in der Regel ein paar Bücher mit, aber ich lese die meist gar nicht, weil das schon wieder zu viel Input ist.“ Lappland mit seiner Natur, seiner Ursprünglichkeit, seiner Stille – reicht. Auch geschrieben wird auf Reisen nicht. Das passiert dann wieder in Köln. „Schreiben ist Arbeit, das geht unterwegs nicht. Und es geht recht unromantisch vonstatten. Ein ruhiger Raum, ein grober Faden, keine feste Architektur.“
Die hat Jürgen Domian, erst recht, seit er seine Nachtsendung drangegeben hat, ohnehin nicht. Vielleicht noch mal eine Talkshow im Fernsehen? Mal schauen. Schon seine Lesungen sind ja immer auch Gesprächsrunden. Wenngleich ihm die Zahl sechzig schon ein bisschen zu schaffen macht, sechzig, das klinge schon exotisch, sagt er, hat er noch viel Zeit. Für neue Begegnungen, neue Geschichten. Denn obwohl es in seinen Gesprächen und seinen Büchern oft um den Tod geht, mag Jürgen Domian vor allem eins: das Leben.