Die Spieler

Herr Brand, bevor wir über Spiele sprechen – um Handball kommen wir ja nicht ganz herum. Sie haben die Versicherungsagentur Ihres Vaters übernommen, sind aber handballerisch nicht in seine Fußstapfen getreten.

Markus Brand: Ich hab‘s ja versucht, zwei Jahre lang, in der E- und D-Jugend. Aber man hat mir Talentfreiheit bescheinigt. Also nicht mein Vater, sondern mein Trainer damals, und da hab ich es wieder gelassen. Das Handballtalent überspringt bei uns offenbar eine Generation. Meine Tochter ist jetzt wieder aktiv. Und spielt echt gut. Ich selbst hab alles versucht, Schwimmsport, Tennis, Golf …
hat aber alles nicht gefruchtet. Wobei ich den Handball durchaus verfolgt habe, ganz intensiv natürlich bei der Heim-WM 2007, als mein Vater Bundestrainer war.

Wie war das für Sie als Vater – zu sehen, dass Ihrem Sohn der Sport, der für Sie eine Lebenserfüllung war und auch noch ist, so gar nicht liegt?

Heiner Brand: Klar hätte ich gern gesehen, wenn er Handballer geworden wäre, aber wenn jemand kein Interesse an etwas hat, dann soll man ihn da nicht reindrängen. Sie könnten mich fünf Stunden lang in einen Raum einsperren, ich käme nie darauf, ein Spiel zu erfinden. Meine Frau und ich wissen gar nicht, woher Markus diese Kreativität hat.

Markus Brand: Ich habe schon als Kind immer gerne gespielt. Und an Weihnachten haben wir oft mit der ganzen Familie gespielt. Alle gegen meinen Vater, den Mau-Mau-König. Dachte ich jedenfalls damals. Bis 30 Jahre später herauskam, dass er oft geschummelt hatte.

Bitte, Sie haben geschummelt, Herr Brand? Und wie kam das heraus?

Markus Brand: Er hat es zugegeben. Und ich habe ihn beim Spielen mit meinen Kindern auch genau beobachtet …

Heiner Brand: Ja, da klebten halt schon mal ein paar Karten aneinander …

Sportlich sind Sie nicht in die Fußstapfen Ihres Vaters gestiegen, aber beruflich. Wie kam es, dass Sie auch in die Versicherungsbranche gingen?

Markus Brand: Ich hatte erst mal eine Findungsphase, nach dem Abitur …

Heiner Brand: … die dauerte recht lange, und da hab ich dann irgendwann zu ihm gesagt: Bevor du nichts machst und rumhängst, mach eine Ausbildung. Hat er dann auch gemacht und einige Jahre später die Versicherungsagentur von mir weitergeführt, nachdem ich sie ja bereits im Jahr 1981 von meinem Vater übernommen hatte.

Noch mal zum Thema der längeren Findungsphase nach dem Abi – gab es so was in den 70ern auch, Herr Brand?

Heiner Brand: Ehrlich gesagt gab es das bei uns damals nicht. Da machtest du Abi, gingst zur Bundeswehr, studiertest anschließend. Bei mir war es BWL. Ich wollte eigentlich Steuerberater werden, aber das hätte zeitlich mit dem Leistungssport nicht hingehauen. So wurden es die Versicherungen. Und der Handball. Tagsüber im Büro, abends Training, am Wochenende die Spiele. Später, als Trainer bei Wallau Massenheim, bin ich zum Teil 200 Kilometer am Tag gependelt. Das war schon grenzwertig. Als Bundestrainer habe ich mich dann fast komplett aus der Versicherungsagentur zurückgezogen und war nur noch beratend dabei. Markus kam ja prima klar und irgendwann hatte sich das ganze Geschäft so stark verändert, dass ich gar nicht mehr hätte helfen können.

Haben Sie eigentlich mitbekommen, dass Ihr Sohn so ganz nebenbei zu einem erfolgreichen Spieleerfinder wurde?
Heiner Brand: Nein, anfangs gar nicht.

Stimmt es, dass Sie mittlerweile 3700 Spiele zu Hause haben, Herr Brand? 

Markus Brand: Ja, ein bisschen nerdig, oder? Ich habe eben immer gerne gespielt und dann meine Frau Inka kennengelernt, die noch viel mehr spielte und auch mehr Spiele hatte als ich. Sie las Szene-Fachzeitschriften, nahm mich mit zur Spielemesse nach Essen, brachte mir die ganze Branche näher.

Und dann wurden Sie und Ihre Frau von Spielefans zu Spieleerfindern.

Markus Brand: Ja, unsere Leidenschaft für die Spiele wurde einfach immer größer. 1999 haben wir dann damit begonnen, die ersten Spiele zu entwickeln.

Wie lief das am Anfang?

Markus Brand: Sieben Jahre lang haben wir entwickelt und entwickelt, 36 Spiele insgesamt, und diese auch Verlagen angeboten, aber zunächst ohne Erfolg. Wir hatten aber einen guten Draht zu einem Spieleredakteur beim Kosmos-Verlag, den wir auf einer Messe kennengelernt hatten. Der hat uns immer die Stange gehalten. Wir hätten echt Potenzial, wir sollten auf jeden Fall weitermachen. Haben wir auch, weil uns das so großen Spaß macht. Wir sind anfangs auch belächelt worden, von wegen, die Brands sitzen wieder zu Hause und tüfteln. Einige Freunde, die immer die Spiele testen mussten, haben wir auch ganz schön strapaziert, aber wir waren von der Sache überzeugt. Wir wollten, dass irgendwann so eine Spieleschachtel im Regal steht mit unserem Namen drauf. Bei Nummer 17 von 36 war es soweit.

Worum ging es in diesem Spiel?
Markus Brand: Eigentlich war es ein mittelalterliches Kartenspiel, aber aus Mittelalter wurde dann Karibik und anstatt ein Aquädukt zu bauen, musste man eine Hängematte an einer Palme befestigen.

Moment: Vom Mittelalter in die Karibik? Das müssen Sie mir erklären.

Markus Brand: Wir verkaufen immer die Idee, nie das ganze Spiel. Wir entwickeln den Spielverlauf, die Anleitungen, aber die Illustrationen, das endgültige Thema, die Spielfiguren, all das legt der Spieleverlag fest. Wir können aber bis zur Veröffentlichung Tipps und Ratschläge geben und werden laufend informiert.

Ihre Ausdauer hat sich gelohnt, gemeinsam mit Ihrer Frau haben Sie in den letzten elf Jahren über hundert Spiele entwickelt, die veröffentlicht wurden. Die Exit-Spiele, bei denen man binnen einer Stunde ein Rätsel lösen oder aus einem Raum entkommen muss, sind ein Riesenerfolg.

Markus Brand: Hier waren wir quasi zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir hatten vorher selbst so ein Escape-Spiel gespielt, bei dem man aus einem Raum entkommen muss. Als der Verlag uns fragte, ob wir so was auch entwickeln würden, haben wir sofort ja gesagt, weil es ein Riesenspaß ist.

Heiner Brand: Ich selbst spiele ja gar nicht viel, aber das Exit-Spiel hat Markus mir geschenkt. Ich habe es mit meiner Frau auch gespielt und werde das auch noch mal spielen. Das ist richtig gut.

Markus Brand: In Großwallstadt ist er neulich beim Handball angesprochen worden, ob er der Vater dieses Spieleautors sei.

Welches Spiel wollen Sie unbedingt noch entwickeln?

Markus Brand: Das Spiel des Jahres! Das werde ich auf jeden Fall machen.

Der Handballstratege. Der Spieleentwickler. Und beide leidenschaftliche Gummersbacher. Über all die Jahre …

Heiner Brand: Ich hatte zu meiner aktiven Zeit einige sehr lukrative Angebote, von hier fortzugehen. Es war auch meine Frau, die gar nicht von hier stammt, die unbedingt bleiben wollte. Ich habe Freunde in Gummersbach, die kenne ich noch aus der D-Jugend-Zeit. So was muss man pflegen.

Markus Brand: Die Stadt entwickelt sich doch, gerade jetzt, sie ist im Umbruch! Ich finde, sie wird immer reizvoller, und ich bin hier glücklich und zufrieden.
Warum sollte ich weg wollen?